
Panzners auf den ersten Blick unscheinbare handkolorierte Radierung im Kleinformat von 74 x 52 Millimetern zeigt ein kleines Fachwerkhaus. Es ist weit links auf dem Blatt platziert, was dazu führt, dass auf der rechten Seite ein großer Freiraum verbleibt. Dieser Kniff des Künstlers verbirgt und verrät uns zugleich Erstaunliches aus der langen Geschichte Limburgs. Das Haus ›Kleine Rüsche 4‹ (anno 1290) ist eines der ersten Häuser, das nach dem großen Stadtbrand von 1289 errichtet wurden. Chronist Tilemann Elhen von Wolfhagen notierte: »tota civitatis fuerat consumpta igni preter forum equorum«, ergo: dass die ganze Stadt vom Feuer verzehrt wurde, mit Ausnahme des Rossmarkts.
Spannend ist, was wir auf der Radierung nicht sehen: Panzners Freiraum deutet einen freien Platz an. Denn ursprünglich stand dieses Haus direkt am Fischmarkt! Der Raum nördlich des Fischmarktes, die heutige Häuserinsel zwischen Fischmarkt und Fahrgasse, bildete bis ins 14. Jahrhundert die Verlängerung des alten Marktes nach Norden hin. Dann rückte man immer weiter in den Platz hinein und ließ die oberen Stockwerke über die niedrigeren hervortreten. Die verbliebenen Wege wurden immer enger. Für die schweren Fuhrwerke, die sich auf der ›Cölnischen Hohe Heer- und Geleitstraße‹ durchs enge Gassengewirr zwängten, verblieben in der nun entstandenen Fahrgasse an der engsten Stelle schmale 3,30 Meter.

Man stelle sich die ungepflasterte mittelalterliche Stadt nicht gar zu romantisch vor. Ohne Kanalisation verwandelten sich die Gassen bei Regen in kot- und abfalldurchsetzte Schmutzlachen, notdürftig mit Reisig abgedeckt. Dazu herrschte im engen Gassengewirr reges Treiben. Damit man halbwegs trockenen Fußes den Morast überqueren konnte, wurden mitunter große flache Kiesel als Trittsteine aneinandergereiht – der Bürgersteig in seiner frühesten Form. Nicht selten kam es zu Karambolagen der Fuhrwerke, die Limburg auf der Hochstraße passieren mussten. Am engsten Nadelöhr wurde abgeladen, umständlich zu Fuß hindurchgetragen und danach wieder aufgeladen. Die mittelalterlichen Sackträger sind uns bis heute als ›Säcker‹ überliefert.
1342 rückte unser Haus wieder an einen freien Raum, diesmal Richtung Plötze. Das gegenüberliegende Anwesen (heute Fischmarkt 7) gehörte zu den frühesten urkundlich erwähnten. 1323 erwarb der Patrizier Otto Mulich »daz huis zume Rebestocke am merkede zu Lympurg«. Tilemanns Chronik folgend fiel mit lautem Krachen ein feuriger Meteorit auf das Anwesen, was umgehend die Nachbarhäuser in Brand steckte. Auch diese Feuersbrunst richtete erneute Verheerung im Stadtkern an, fast die Hälfte Limburgs wurde zu Asche. Der Anblick soll so jammervoll gewesen sein, dass man vom Fischmarkt in hausentblößter Umgebung bis zum Diezer Tor blicken konnte.


Klaus ›Ojo‹ Panzner hinterließ den Kunstsammlungen der Stadt Limburg mit seinen Radierungen nicht hoch genug zu schätzende, wertvolle Zeitdokumente der Altstadt aus einer allumgreifenden Sanierungs- und Erhaltungsphase. Sie machten den Wahl-Limburger zu einem detailaffinen und akribischen Chronisten unserer Region. Seinen ›Altstadt(Ver)führer‹ erhalten Sie in der Limburger Tourist-Info: Entdecken Sie die Limburger Altstadt mit dem ganz besonderen ›Auge‹!
Kunstsammlungen der Stadt Limburg
Historisches Rathaus
Fischmarkt 21, 65549 Limburg, 06431 203912
Öffnungszeiten: Di, Mi 8.30–14 Uhr, Do–So 12–18 Uhr
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