
Liebe Nicola, liebe Elena, in unserer aktuellen VivArt-Ausgabe ist unser Titelthema das ›Design‹. Da durftet ihr mit burggrafburggraf nicht fehlen. Was war euer Anspruch bei
der Gründung der Manufaktur 2017?
Unsere Manufaktur gründet sich auf drei Säulen: minimalistisches Design, neue Materialien und unsere persönliche Fertigung in Deutschland. Wir wollten mit dem offenen Blick der Produktdesignerin an das Thema Tasche herangehen, traditionelle Taschenformen und Silhouetten hinterfragen sowie eine eigenständige und wiedererkennbare Formensprache entwickeln. Uns war von Anfang an klar, dass wir nicht mit klassischem Leder arbeiten möchten, sondern stattdessen die Potenziale von innovativen, pflanzlichen Alternativen untersuchen wollten. Dass wir unsere Entwürfe dann auch selbst fertigen, war für uns eine logische Konsequenz und wurzelt in unserer Liebe zum Umgang mit Materialien und dem Handwerk.
Ihr setzt auf Made in Germany und Handarbeit. Gleichzeitig sind eure Produkte nicht annähernd so teuer wie Luxusbrands. Wie schafft ihr das mit einer Produktion in Deutschland, die momentan allgemein als schwierig beschrieben wird?
Ja, wir stehen konsequent für Made in Germany, denn wir gestalten nicht nur, sondern fertigen auch jedes Stück persönlich in unseren beiden Ateliers. Jede Tasche, die unsere Manufaktur verlässt, geht also nur durch unsere vier Hände. Das bedeutet auf der einen Seite zwar hohen Druck, weil wir eben nur diese vier Hände haben, auf der anderen Seite volle Kontrolle, maximale Flexibilität und sehr kurze Wege. Dazu kommt, dass wir nach dem Made-to-Order-Prinzip arbeiten: Wir produzieren in kleinen Auflagen und meist auch erst auf Bestellung. Wir fertigen also nur das, was auch wirklich nachgefragt wird. So brauchen wir keine großen Lagerflächen und haben auch keine überschüssige Ware aus vergangenen Kollektionen. Generell machen wir uns frei von dem aus der Modebranche als ›Fast Fashion‹ bekannten Druck, ständig neue saisonale Kollektionen anbieten zu müssen. burggrafburggraf ist ›Slow Fashion‹ durch und durch. Wir merken schon, dass die Menschen aufgrund der vielen gleichzeitig stattfindenden Krisen verunsichert sind und ihren Konsum zurückschrauben oder hinterfragen. Das bietet aber auch die Chance, sich auf den Erwerb von regionalen, langlebigen und zeitlosen Produkten zurückzubesinnen.

»Jede Tasche, die unsere Manufaktur verlässt, geht nur durch unsere vier Hände.«
Begriffe wie Simplicity, Klarheit und Reduktion prägen eure Entwürfe. Warum?
Wir sind eher leise Menschen und irgendwie überträgt sich das auch auf unsere Gestaltung. Unsere Produkte schreien nicht nach Aufmerksamkeit, bei uns sucht man vergeblich nach fetten goldenen Logos oder ›Bling-Bling‹. Uns interessiert das ›Weniger‹, man könnte sagen, die Königsdisziplin im Design: die gelungene Gestaltung der Einfachheit. Denn minimalistisches Design bedeutet ja nicht, dass der Gestaltungsprozess einfacher war, weil weniger da ist. Weniger Details bedeuten, dass die vorhandenen Elemente umso mehr ins Auge fallen und absolut stimmig sein müssen. Sei es die Position einer Trägeraufhängung oder wo eine Naht endet. Die Millimeter entscheiden. Unsere Gestaltung ist dezent, unsere Logos sind oftmals von außen gar nicht sichtbar. Gleichzeitig haben unsere Produkte hohen Wiedererkennungswert, weil sie eine eigenständige Gestaltung haben.
Ihr arbeitet nicht mit Leder, sondern mit pflanzlichen Materialien wie beispielsweise MIRUM®, eine vegane Lederalternative, die zudem 100 Prozent plastikfrei ist. Aber auch mit Kork. Worin seht ihr die Vorzüge?
Es erschien uns fortschrittlicher und vor allem nachhaltiger, eine Kollektion aufzubauen, die nicht auf klassisches Leder setzt, sondern pflanzenbasierte und neue, sogenannte Next-Generation-Materialien in den Fokus rückt. Leder ist zweifelsohne ein Material mit uralter Tradition und tollen Materialqualitäten. Und das hat auch jahrhundertelang Sinn ergeben, wenn die Tierhaut aus kleinbäuerlichen Strukturen stammt und eine regionale Gerberei daraus ein langlebiges Material herstellt. Bis vor einigen Jahren gab es dafür noch keine guten Alternativen. Heute betrachten wir Materialien ganzheitlich und sehen auch die Nachteile eines Rohstoffs aus Massentierhaltung: den hohen Wasserverbrauch und den Einsatz von Chemikalien bei der Gerbung. Mit MIRUM® bieten wir eine echte Innovation an, denn es ist eine 100 Prozent plastikfreie Lederalternative. Es besteht ausschließlich aus natürlichen Zutaten wie Naturkautschuk aus verantwortungsvollen Quellen, pflanzlichen Ölen, natürlichen Pigmenten und Mineralien. Bei der Herstellung des Materials wird kein Wasser benötigt. Es ist deutlich schwerer als Kork, sehr pflegeleicht und kommt der Anmutung von Leder sehr nah. Auf Messen wird es von Kundinnen und Kunden oft für klassisches Leder gehalten. Man bekommt den Leder-Look, aber mit einem drastisch reduzierten ökologischen Fußabdruck.

Und wie funktioniert das mit dem Kork?
Unser Korktextil besteht aus einer Schicht Kork, die auf ein textiles Trägermaterial aufgebracht ist. Das Ergebnis ist ein superleichtes und wasserabweisendes Material, das eine tolle Struktur hat, die jede Tasche zu einem Unikat werden lässt. Kork ist die Borke der Korkeiche, ein nachwachsender Rohstoff, denn sie kann etwa alle neun Jahre abgeschält werden und wächst dann einfach wieder nach. Die portugiesischen Korkeichenwälder, Montados, sind wichtige Biotope und beherbergen zahlreiche Pflanzen- und Tierarten. Die Nutzung des Materials Kork trägt so auch zum Erhalt dieser einzigartigen Korkeichenwälder bei.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Wir wünschen uns eine Welt, die den Einsatz von Materialien ganzheitlich sieht. Dass man bei der Materialentwicklung das Ende bereits mitdenkt und so eine echte Kreislaufwirtschaft ermöglicht. Die Entwicklung von neuen Materialien, die Kunststoff ersetzen können, hat in den vergangenen Jahren richtig Fahrt aufgenommen, es gibt Materialien aus dem Myzel von Pilzen, sogar aus Bakterien. Wir beobachten das mit Spannung und möchten in Zukunft viele dieser Entwicklungen in Form von gut gestalteten Produkten zugänglich machen. Dazu wünschen wir uns auch den Mut der Gesellschaft zu Veränderung.
Vielen Dank für das Gespräch!
burggrafburggraf
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