
Unser Korrespondent Christian Knoche mit Oberbürgermeister Nino Haase im Interview über Zukunftsfähigkeit, Lebensqualität und das enorme wirtschaftliche Potenzial seiner neuen Heimat Mainz.
Lieber Herr Haase, wann haben Sie gemerkt, dass Mainz mehr ist als ein Wohnort?
Ich kam 2002 zum Studium hierher, vor allem wegen des guten Rufes der Universität. An meinem ersten Wochenende in der Stadt war Johannisfest, und schon war ich begeistert. Außerdem hatte Mainz 05 zu dieser Zeit einen neuen Trainer, der mich sportlich sehr überzeugt hat. Spätestens während meiner Zeit in München wurde mir klar, dass Mainz meine Heimat ist. Auch meine Frau, die ich in München kennenlernte, war überrascht von der offenen und lebenslustigen Mainzer Art. Man spürt es einfach: das Mainz-Gefühl. Rational ist das schwer zu erfassen.
Welche Mainzer Besonderheit passt gut zu Ihnen?
Mainz ist überraschend unprätentiös. Dabei könnte es sich die Stadt durchaus erlauben, an manchen Stellen lauter zu sein, gerade was die wirtschaftliche Entwicklung angeht. Das bestätigt auch ein kürzlich erschienener Artikel im Handelsblatt, in dem Mainz im Aufsteiger-Ranking unter die Top 10 der zukunftsfähigsten Städte in Deutschland aufgestiegen ist. Trotzdem wird darüber nicht viel Aufhebens gemacht – man arbeitet und feiert zusammen, konzentriert sich auf das Wesentliche. Das gefällt mir sehr gut.
Was hat sich in den letzten Jahren zum Positiven verändert?
Wir waren früher eine Randerscheinung des Rhein-Main-Gebietes. Hier war man lustig, hat gefeiert und Wein getrunken. Das hat sich komplett geändert. Mittlerweile ist die Stadt eine ernstzunehmende Größe in allen wichtigen Bereichen: Forschung, Wirtschaft, Bildung und Lebensqualität. Mein Anspruch ist es, unser Potenzial wirklich zu nutzen und uns auch international zu etablieren. Das gelingt mit zunehmendem Tempo, vor allem durch die Biotechnologie. Wir stehen kurz vor der Eröffnung unseres neuen Innovationshubs, haben die erste englischsprachige Kita in Rheinland-Pfalz, werden für Menschen aus der ganzen Welt attraktiver.
Gibt es in manchen Bereichen noch Luft nach oben?
Jede Entwicklung hat ihre Schattenseiten. Wir haben Stadtviertel wie die Alt- und Neustadt sehr viel attraktiver gemacht. Wenn ich heute die große Langgasse oder am Zollhafen entlanglaufe, dann sehe ich ein ganz anderes Bild als noch vor einigen Jahren. Das ist leider auch verbunden mit steigenden Kosten für Wohnraum. Ich habe das Ziel, Mainz für alle Menschen zu einer lebenswerten Stadt zu machen. Hier sind wir gerade dabei, unsere Spielräume mehr zu nutzen. Besonders im städtischen Wohnungsbau gibt es viele Gestaltungsmöglichkeiten. Das braucht allerdings etwas Zeit.
Was gibt Ihnen im Alltag Energie?
Ich liebe es einfach, durch die Stadt zu laufen und das Leben zu genießen. Dazu gehören Orte wie das Rheinufer oder die Kupferbergterrassen, aber natürlich auch die Menschen, die wirklich sehr unterstützend mir und meiner Position gegenüber sind.
Was würden Sie jemandem raten, der neu in die Stadt kommt?
Sich auf die Eigenheiten der neuen Heimatstadt einzulassen. Ich gebe zu, bei der Fassenacht habe ich etwas Anlaufzeit gebraucht. Wenn man aber wirklich mal mittendrin war, dann lässt es einen nicht mehr los. Die historischen Führungen sind eine weitere Möglichkeit. Man bringt dann die Fastnacht nicht mehr nur in Verbindung mit Feierlaune und Karikatur der französischen Besatzung, sondern erfährt auch etwas über die lange, demokratische Tradition; hier gab es zum Beispiel die ersten Gehversuche der Mainzer Republik, die wiederum aus der französischen Revolution geboren wurde. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen hier geboren wurden oder schon seit Jahrzehnten hier leben und noch nie eine Stadtführung mitgemacht haben. So lernt man Mainz nochmal von einer ganz anderen Seite kennen.
Was steht bei Ihnen gerade im Fokus?
Das sind natürlich viele Themen. Eine echte Herzensangelegenheit ist aber das Zusammenwachsen der Region, die Kooperation mit ganz Rheinhessen. Wir haben zum Beispiel den US-Konzern Eli Lilly, der in Alzey über zwei Milliarden Euro in ein neues Produktionswerk investiert hat. Das sind über 10.000 Menschen, die neu in die Region kommen, und nicht alle werden in Alzey leben. Wir müssen uns abstimmen, mehr als Gemeinschaft verstehen, die Infrastruktur ausbauen – daran arbeite ich mit meinen Kollegen aus der Region, in Worms, Alzey, Bingen, Ingelheim und all den anderen Städten und Gemeinden.
Was ist Mainz in einem Gefühl?
Heimatwärme. Das spürt hier, glaube ich, fast jeder. Je emotionaler die Menschen in Bezug auf ihre Heimatstadt sind, desto kritischer sind sie manchmal auch. Ich sehe das als Ansporn für mich, immer noch ein Stück besser zu werden. Mit dieser Emotionalität arbeite ich sehr gern, denn es zeigt: Den Menschen ist ihre Stadt nicht egal.
Vervollständigen Sie uns bitte diesen Satz: Mainz ist für mich …
Selbstverständlich Heimat. Und ich muss sagen, immer mehr wohl auch Berufung.
Vielen Dank für das gute Gespräch!
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