Jagen & Sammeln oder: Sammelnde sind glückliche Menschen

In diesem Winter interessieren wir uns für die Sammelleidenschaft. Warum heben wir noch alltäglichste Dinge auf, geben ihnen Raum und behandeln sie oft wie Reliquien? VivArt über Ursprung, Sinn und Tragik eines zutiefst menschlichen Handelns. Ein Essay von Volker Hummel.

 Foto: Dan Cristian Padure


»Wovon wollen wir
leben, wenn wir nicht beizeiten sammeln?«

Heinrich von Kleist


 

Schon als Kinder bücken wir uns danach: Wir sammeln am Strand Muscheln, bunte Steine am Flussufer und in den Parks Kastanien, bis die Taschen voll sind. Wachsen wir in die Höhe, gehen wir die Sache auch ehrgeiziger an, dann kann man schon vom systematischen Jagen sprechen. Wir haben ein Sammelgebiet gefunden und oft ist es abschließbar wie Porzellan einer bestimmten Epoche oder Marke, Hasselblad-Kameras oder Braun-Geräteklassiker. 

Das Sammeln und Jagen verhält sich wie ein eingeborener archaischer Instinkt, den wir mit vielen Säugetieren, aber auch vielen Vogelarten teilen wie manche Rabenvögel, die geradezu magisch von Glitzerdingen angezogen werden. Einst war es eine Überlebensstrategie, die wir trotz der seit Jahrtausenden abgelegten nomadischen Lebensweise nicht aufgeben wollen und die uns als Spleen durch nahezu alle Lebensalter und Subkulturen begleitet. Weder müssen wir uns wie die Hörnchen für den Winter eindecken, noch gehen wir jeden Tag auf die Pirsch wie unsere neolithischen Vorfahren, wenngleich es traurige Ausnahmen wie die Flaschensammelnde in den Städten gibt. Nicht selten wird die eigene Kollektion von ›Wunderdingen‹ zur Manie, gerade wenn es der Ehrgeiz ist, alle Exemplare einer Art zu besitzen, so wie es den Gebrüdern Schlumpf im Elsass mit ihrer Bugatti-Sammlung erging, die erst dann zur Besinnung kamen, als der Konkurs unausweichlich wurde und die eigene Belegschaft sie vor die Tore ihrer Fabrik setzten. Auch macht die systematische Erfüllung eines Sammelgebiets selten glücklich. Die Jagd danach, das Suchen und Finden ist es doch, was die Freude daran lebendig erhält, und wir hoffen zum Beispiel für Wolfgang Joop, dass er niemals das Klosett aus Meißner Porzellan erjagt hat. Am Ziel wäre er im Gegenteil zum Bonmot, das Goethe zugeschrieben wird, wohl kein glücklicher Mensch. 

 Foto: Rafik Wahba


»Ich habe eine Wohnung, die nur aus Büchern besteht; -andererseits sammele ich gar nicht. Es ist eine Manie, Bücher zu kaufen.«

Edward Gorey



In der ersten Blütezeit dieser Leidenschaft, in den Zeitaltern der Aufklärung und der Romantik, raffte man kuriose Raritäten und antike Kulturgüter zusammen, pflegte naturkundliche Hobbys, die sogar Grundstöcke von Museen wurden. Die amateurhafte Mineralogie boomte, die Italienreise wurde zum Coup. Adlige legten sich Menagerien als Vorläufer der zoologischen Gärten an und Expeditionen wie die drei Fahrten von James Cook in den Pazifik wurden von einem Tross von Zeichnern und Naturforschern begleitet. Das begehrteste Objekt früher Kuriositätenkabinette war übrigens die Coco de Mer, so genannt, weil man mit viel Glück diese wie ein üppiges Hinterteil geformte Nuss als Treibgut finden konnte. Und es brauchte ewig, bis man die Palme dazu entdeckte, die nur auf den Seychellen wächst. Natürlich passte die Sammelleidenschaft auch ideal zu den Protagonisten im Geniezeitalter der Klassik wie Goethe oder Alexander von Humboldt, weil’s die Bildung charakterisierte. Goethes Mineralien- und Fossiliensammlung soll allein 18.000 Objekte umfasst haben. 

 Foto: Edz Norton

Die Kuriositätensammlung von Sir Hans Sloane, einem berüchtigten Gouverneur Jamaikas, umfasste rund 76.000, aus denen das British Museum entstand. Man jagte also kaum unschuldig mit der Botanisiertrommel über Wiesen, um bunte Schmetterlinge zu erhaschen; es wurden im großen Stil unterm Deckmantel der frühen Archäologie oder Ethnologie die antiken Städte oder die Kolonien geplündert. Umfangreiche Teile der Friese am Parthenon-Tempel auf der Akropolis wurden 1801 von Lord Elgin gestohlen und nach London gebracht. Der Streit über die Rückgabe der sogenannten ›Elgin Marbles‹ hält bis heute an. Dass manche das British Museum als ›Lagerhaus von Piraten‹ schimpfen, ist also durchaus fair (und genauso müsste man über unser Pergamonmuseum in Berlin urteilen). Das institutionelle Jagen und Sammeln ist unmittelbar mit der Debatte um Beutekunst seit Napoleon Bonaparte und besonders seit den Raubzügen Hermann Görings verknüpft. Auf jede Sammlung folgt als tragische Wendung nämlich auch die Zerstreuung in alle Winde und bis heute werden Objekte berühmter jüdischer Sammler in den Katalogen ehrwürdigster Museen in aller Welt identifiziert. 

Es wirkt, als blieben Sammelnde trotzige Kinder, die von ihren Kastanien keine abgeben, sogar wenn sie des Diebstahls überführt werden. Sigmund Freud, der selbst begeistert Skarabäen ­sammelte, erkannte in dieser Leidenschaft eine Kompensation unerfüllter sozialer und sexueller Wünsche. Wenn man tiefer in eine Sammlerszene einsteigt, hat es tatsächlich etwas von Geheimbünden, in denen sich kauzige Naturen über Foren austauschen und sich auf Conventions für ihre Fundstücke feiern lassen. 


»Auf einen guten Sammler folgt ein guter Zerstreuer.«

Deutsches Sprichwort


Aber noch die schönste, holistisch umflorte Sammlung wird ohne die Person dahinter mit ihrem Spezialwissen sinnlos. Dass Museen alles übernehmen, so wie es in Wiesbaden mit der berühmten Jugendstilsammlung von Ferdinand Wolfgang Neess geschah, ist ein Glücksfall. Ist das Zentrum der Leidenschaft perdu, verteilt sich die Sammlung als schnödes Besitztum auf Erbinnen und Erben oder wandert achtlos in den Müll, weil der Wert nur wenigen Individuen etwas bedeutet oder das gesamte Sammelgebiet entwertet wurde wie die Compact Disc. So werden die Dinge immer seltener, und auch darauf spekuliert der Markt. Bis die Sammelnden eines Gebiets so überaltern, dass die Philatelie heute praktisch ausgestorben ist. Oder das Sammelgebiet ist zu unschicklich, als dass es der Öffentlichkeit vorbehaltlos präsentiert werden könnte. Jedes Museum und jede Bibliothek von Rang hat daher ›Remota‹, also Weggeschafftes, das in geheimen Reservaten archiviert wird – und man möchte auch mit den Verantwortlichen im Deutschen Literaturarchiv Marbach nicht unbedingt tauschen, die unter den Nachlässen unserer ›Dichter und Denker‹ immer wieder Ungeheuerliches zu übernehmen haben. Oft bleiben Objekte, Kunstwerke und Bücher unter Verschluss wie die ketzerischen antiken Schriften in Umberto Ecos ›Der Name der Rose‹. Oder der frivole Fundus wird dem Publikum nur zu seltenen Gelegenheiten geöffnet, wie es die berühmte L’Enfer (›Hölle‹) der Pariser Nationalbibliothek hält, in der zum Beispiel die Nachlässe von Marquis de Sade und Pietro Aretino schlummern.


»Wir sollten alle wieder Jäger und Sammler werden, dann hätten wir eine -hundertprozentige -Beschäftigungsquote und ein gesundes Magenknurren.«

John Updike

 Foto: Fachry Zella Devandra

Und damit schließen wir die Rumpelkammern der Geschichte; weder bringen wir mit unserer privaten Sammelleidenschaft die Naturwissenschaften heute so voran wie um 1800, noch werden wir ein Volksmärchen hören, das den sammelnden Gebrüdern Grimm unbekannt geblieben ist. Auch sind wir heute frei davon, unbedingt Dinge von allgemein bezifferbarem Wert zu sammeln wie alte Automobile und Gemälde, signierte Erstausgaben, Luxusuhren oder seltene Wein- und Cognac-Jahrgänge. Jede Generation unterscheidet sich in der Leidenschaft für die Dinge; waren es mal Ikonen, Blechspielzeug, Bierkrüge, Gartenzwerge, Autogramme oder Fingerhüte, sind es heute vielleicht Sneaker, Pokémon-Karten, Festivalbänder, Meteoriten oder Wirbelstürme – je skurriler, limitierter und abgelegener, desto besser. Wichtig bleibt für uns die Erkenntnis: Beginnt die Sammlung zu kostbar zu werden, hört der unschuldige Spaß daran auf. Man wird zum Gollum und stellt seinen Schatz über alles andere. Dann sollte man seine Taschen ausleeren und die Kastanien dahin kullern lassen, wo sie herkamen. 


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