Da geht noch was!

Wenn man sich für Philosophie, für Literatur und allgemein für die schönen Künste und das schöne Leben interessiert, sind Politik und Wirtschaft nicht unbedingt Teil davon. Wir wollen mit VivArt nach 20 Jahren auch nicht damit beginnen, politischer zu werden, aber denken dennoch, dass die ›rechte‹ Idee nicht richtig ist. Voller Hoffnung glauben wir anders an Deutschland und glauben fest daran, dass es hier durchaus lebenswert ist. Wir setzen weiterhin auf Tugenden wie Fleiß, Geradlinigkeit, Gewissenhaftigkeit, Toleranz und Offenheit. Ein Plädoyer von Dirk Becker für eine neue Vision mit mehr Engagement, Liebe und weniger Jammern, denn schuld sind nicht immer die anderen.

Fotografin: Suz Laurent
Kollektion: ZERO von Viktoria Lorenz
Designs & Styling: Viktoria Lorenz, ig: @viktorialorenz.official
Model: Viktoria Lorenz

In der Philosophie schrieben schon vor über 100 Jahren kluge Köpfe wie Oswald Spengler (1880–1936) vom ›Untergang des Abendlandes‹; er charakterisierte den späten Zustand der Zivilisation als »greisenhaft, geschichtslos«, diagnostizierte eine »Erstarrung aller Lebensbereiche«. Ferner »Materialismus und Irreligiosität, anarchische Sinnlichkeit, Panem et circenses, Unterhaltungsindustrien, Zusammenbruch der Moral und Tod der Kunst, Zivilisationskriege und Vernichtungskämpfe«. Der Provokateur Friedrich Nietzsche (1844–1900) hatte zuvor schon erklärt, dass im Abendland Gott ebenfalls tot sei. Hoffnung war seither weder im Diesseits noch im Jenseits zu erwarten. Es verwundert nicht, dass die Stimmung in unserem Land schon damals nicht gut war. Und in den Nachbarländern war sie ähnlich mies. Der Franzose Léon Bloy (1846–1917) nannte sich einen ›Entrepreneur de démolitions‹. Einen Abrissunternehmer, der als gläubiger Katholik konstatierte: »Dieu se retire«. Gott zieht sich zurück. Und mit diesem Rückzug erübrigten sich auch die Heilserwartungen. Dass die Religionen in der Zukunft noch einmal an Bedeutung gewinnen würden, hätte damals niemand erwartet. Nun sind mehr als 100 Jahre vergangen und wir jammern wieder. Warum eigentlich? Die Nachkriegsgeneration hatte ein zerstörtes Land aufzubauen, und auch mit Marshallplan hätte es ohne Selbstmotivation wohl niemals das Wirtschaftswunder gegeben, das in den 1950er-Jahren folgte. Das ging auch ohne lautes Jammern. Das Wirtschaftswunder wurde zur Quelle des Stolzes und zugleich eines kollektiven Gedächtnisses, das sich von den Verbrechen des Nationalsozialismus distanzierte – oder zumindest nichts mehr von ihnen wissen wollte. Deutschland wurde attraktiv für Gastarbeiter, Menschen aus dem Ausland, die selbst auch etwas erreichen wollten – so lernten wir nebenbei die mediterrane Lebensart schätzen. Wie genau uns dies veränderte und unser Deutschsein beeinflusste, wäre ein eigenes Titelthema wert. Interessanterweise antwortete Helmut Schmidt später auf die Frage, was eigentlich typisch deutsch sei, mit einem einzigen Wort: »Nichts!«


DOCH WO STEHEN WIR HEUTE?

Der französische Soziologe Alain Ehrenberg sieht die Menschheit in einer handlungsunfähigen Lage: »Das von den Fesseln der Moral befreite Individuum, das sich selbst schafft und zum Übermenschlichen tendiert, ist unsere Realität. Anstatt die Kraft des Übermenschen auszustrahlen, ist es zerbrechlich, sein Dasein ist mangelhaft, es ist von seiner Souveränität erschöpft und beklagt sich darüber.« Ehrenberg ist kein fröhlicher Wissenschaftler und das Lachen Nietzsches ist ihm vergangen:

»Depression ist die Melancholie in einer Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind, es ist die Krankheit der Demokratie par excellence. In dieser Hinsicht ist die Depression die unvermeidliche Kehrseite der Souveränität des Menschen, nicht dessen, der falsch handelt, sondern dessen, der gar nicht handeln kann.«
– Alain Ehrenberg: ›Depression ist die Melancholie einer Gesellschaft‹ (1998)

Fotografin: Johanna Sophia Spahn, ig: @filmbyjss
Kollektion: ZERO von Viktoria Lorenz
Designs & Styling: Viktoria Lorenz, ig: @viktorialorenz.official
Model: Fiona Gleim, ig: @goratafiona

Stimmt das so oder nehmen wir uns in unserem Menschsein vielleicht einfach zu wichtig und es geht auch gut ohne uns? Im Jahr 2000 veröffentlichte der Internetpionier Bill Joy im Magazin ›Wired‹ seinen Aufsatz ›Why the future doesn’t need us‹. Joy postulierte, dass Nano-, Gentechnik und Robotik uns zu einer gefährdeten Art machen könnten, und es dauerte nicht lange, bis sein Landsmann Alan Weisman die Zukunft unseres Planeten ohne den zerstörerischen Einfluss des Menschen erörterte:

»Wie würde es auf der Welt ohne uns weitergehen? Wenn die Menschheit vom Antlitz der Erde verschwände, was würde dann aus unserer Zivilisation? Was würde aus Straßen, Autos, Eisenbahnen? Wie lange würden Häuser, Geschäfte, Städte dem Verfall standhalten? Und wie würde es aussehen, wenn die Natur zurückeroberte, was der Mensch ihr in Tausenden von Jahren abgerungen hatte?«

– Alan Weisman: ›The world without us‹ (2007)

Das wäre das Ende des Anthropozäns, des Zeitalters der Menschen, einer Epoche, die momentan durch den signifikanten Einfluss der Menschheit auf die Erde und ihre Ökosysteme gekennzeichnet wird. Ein Begriff, der schon in den späten 1990er-Jahren von dem Atmosphärenchemiker Paul Crutzen populär gemacht wurde und betont, dass menschliche Aktivitäten zu einem dominanten geologischen Faktor geworden sind. Mit den zentralen Aspekten des Klimawandels, der Urbanisierung und Landnutzung, dem Verlust der Biodiversität. So hat das Anthropozän auch weitreichende soziale und wirtschaftliche Implikationen. Wachsende Ungleichheit, Ressourcenkonflikte und die schier gigantische Herausforderung, schonende Entwicklungswege zu finden. Es hebt die Notwendigkeit hervor, nachhaltige Praktiken zu entwickeln und die Beziehung von Mensch und Natur neu zu definieren, um die langfristige Gesundheit des Planeten zu sichern; nicht zuletzt auch um Menschheitskonflikte zu befrieden.


WAS HAT NUN DIES ALLES MIT ›DA GEHT NOCH WAS‹ ZU TUN?

Wenn in Zukunft noch etwas ›gehen‹ soll, dann muss all dies mitgedacht werden. Und selbst wenn die Zeit abläuft, kann man sie vielleicht glücklich nutzen. Kurz und knapp schreibt Altmeister Aristoteles: »Nur wer tugendhaft lebt, kann auch glücklich werden.«
Seine Idee findet man auch noch heute in der Philosophie des kürzlich verstorbenen israelisch-amerikanischen Psychologen und Verhaltensökonomen Daniel Kahneman:

»Die Lebenszufriedenheit lässt sich am leichtesten dadurch steigern, dass man seine verfügbare Zeit besser nutzt. Dass Zeit eine letztlich begrenzte Ressource ist, ist die zentrale Tatsache unseres Lebens.«
– Daniel Kahneman: ›Schnelles Denken, langsames Denken‹ (2011)

Was würde passieren, wenn wir all die Zeit des Schimpfens, Lästerns und Bashings positiv nutzen würden, um Probleme nicht nur im Negativen zu umschreiben, sondern sie zu lösen? Ein Gedankenexperiment, das im Privaten, im Öffentlichen, im Geschäftlichen und Politischen gleichermaßen spannend wäre. Der Eigennutz wäre dabei enorm, denn wer will schon ständig nur im Konflikt leben? Dabei geht es nicht nur um eine gesunde Psyche. Die Lebenserwartung von glücklichen Menschen wird deutlich gesteigert. Glück senkt das Stresslevel und stärkt die Immunabwehr. Glückliche Menschen bekommen seltener Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkte. Glückliche leben länger, erkranken weniger schwer und werden schneller wieder gesund. So korreliert angeblich ein ›glückliches Leben‹, je nach herangezogener Studie, mit einer um fünf bis zehn Jahre höheren Lebenserwartung. Positives Denken wird so zur Win-win-Situation für alle: Da geht noch was!

Fotografin: Nika Prokopenka, @nikaprokopenka
Kollektion: ZERO von Viktoria Lorenz
Designs & Styling: Viktoria Lorenz, @viktorialorenz.official
Model: Viktoria Lorenz

Es geht noch mehr, wenn man die Zeitersparnis in eine Stunde des Lernens am Tag investiert, glaubt man den erfolgreichsten Menschen: Sie investieren täglich eine Stunde, um etwas komplett Neues zu lernen, und behaupten, es sei ein echter ›Gamechanger‹. Demnach sollte man sich gut überlegen, ob man behauptet, zu alt für ›den neuen Scheiß‹ zu sein, was auch immer dies sein mag. Immer mehr junge wie auch ältere Menschen suchen nach alternativen, sinnhaften Wegen, insbesondere im Arbeitsleben. Dass viele dazu neigen, ganze Generationen als ›faul‹, ›egoistisch‹ und ›schwierig‹ zu bezeichnen, ist ein rückwärtsgewandter Reflex, denn wir brauchen sie!

»Die nächste Generation wird den Karren aus dem Dreck ziehen müssen. Für diese Aufgabe braucht es keine fleißigen Sachbearbeiter, sondern kompetente, kooperationsfähige und kreative Teamplayer. Unsere Aufgabe ist es, sie dazu zu befähigen.«
– Uta Hauck-Thum, Mitbegründerin des Instituts für zeitgemäße Prüfungskultur


WAS KÖNNEN WIR ALSO TUN?

Wenn man Nietzsche folgt, ist jeder ein Sklave, der von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat. Doch was bedeutet es, einen Tag für sich zu haben? Wenn man einen Beruf ausübt, der erfüllt? Das zu tun, was man liebt? Es bedeutet zunächst, dass man seine Arbeit nicht als Arbeit wahrnimmt. Das ist ein guter Ansatz, aber zugegebenermaßen nur ein Teil der Lösung, denn dieser Weg steht nicht allen offen. Wie aber begeistert man junge Menschen, kooperativ und kreativ zu sein, um später gemeinsam erfolgreich Probleme zu lösen und nicht nur in Problemen zu denken? Denn erst in einer solchen Ideenwelt wachsen Selbstbestimmung, Fleiß, Erfolg und Zufriedenheit.

VivArt ist ein Medium, ein Vermittler. Wir sehen es als unsere Aufgabe, Verbindungen herzustellen zwischen Köpfen, die für ihre Ideen brennen, und Menschen, die davon inspiriert werden. Wir porträtieren stets Leute, die voller Engagement mehr leisten, weil sie sonst nicht da wären, wo sie stehen. Erfolge kommen nicht von selbst – weder im Sport noch in der Wirtschaft oder in der Küche. Und so schreiben wir voller Anerkennung über Winzer*innen in der x-ten Generation, die sich den Veränderungen des Klimas und des Marktes anpassen. Wir schreiben über Gastronom*innen, die ihre Arbeitsstunden erst gar nicht zählen. Über Einzelhändler*innen, die sich mit kreativen Ideen der Übermacht des Onlinehandels erfolgreich erwehren. Wir haben aber beispielsweise in Wiesbaden auch ein Stifterehepaar, das gerade mit dem neu eröffneten Museum Reinhard Ernst veranschaulicht, wie man ein Zeichen für eine bessere Gesellschaft und ein Symbol für die nächsten Generationen setzt. Ebenfalls im Glauben an das Schöne, die Kunst und das Richtige im Leben. In diesem Sinne: Lassen Sie sich inspirieren. Denn da geht noch was.

Fotografin: Nika Prokopenka,
ig: @nikaprokopenka
Kollektion: ZERO von Viktoria Lorenz
Designs & Styling: Viktoria Lorenz,
ig: @viktorialorenz.official
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