#lesenswert – Black History Month

Im Oktober zelebrieren wir in Europa den ›Black History Month‹. Dabei soll das Bewusstsein für die brutale Lebensrealität Schwarzer Menschen im Verlauf der Geschichte, aber auch für rassistische Strukturen, die bis heute zu Ungleichheiten führen, geschärft werden. Außerdem werden mit dem Black History Month die Leistungen Schwarzer Menschen gewürdigt, denen häufig viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Um unseren Teil zur Aufklärungsarbeit beizutragen, empfehlen wir im Oktober Literatur von Schwarzen Autorinnen und Autoren und Titel, die sich allgemein mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen. Mit Shannon Bierwirth freuen wir uns ganz besonders, eine Schwarze Frau in der VivArt-Redaktion willkommen zu heißen, die uns mit ›The Hate U Give‹ sowie ›Schwarz und Frau‹ prompt zwei ihrer liebsten Bücher zur Thematik vorstellt.


Zwischen Kolonialismus und Patriarchat


Tsitsi Dangarembga, Schwarz und Frau -Gedanken zur postkolonialen Gesellschaft, Quadriga Verlag, 160 Seiten, ISBN: 978-3-86995-127-0; 22 EUR

Tsitsi Dangarembgas »Schwarz und Frau – Gedanken und Erfahrungen zur postkolonialen Gesellschaft « ist mehr als ein autobiografisches Werk – es ist ein kraftvoller Weckruf, der die komplexen Realitäten Schwarzer Frauen in einer postkolonialen Welt beleuchtet. Sie nimmt uns mit in ihre Kindheit im kolonialen Simbabwe, wo Rassentrennung und Ungleichheit den Alltag bestimmen In Simbabwe, wie in vielen anderen ehemaligen Kolonien, hält die ungleiche Verteilung von Land und Ressourcen Schwarze Menschen in einem Teufelskreis der Benachteiligung gefangen. Diese Ungerechtigkeiten lasten besonders schwer auf Schwarzen Frauen, die nicht nur mit dem Erbe des Kolonialismus, sondern auch mit patriarchalen Strukturen zu kämpfen haben.

Jedoch lässt erst die Zeit in Großbritannien, Dangarembgas erkennen, was es bedeutet, Schwarz zu sein und ihr Bewusstsein für Rassismus und Geschlechterungleichheit formt. Eindrucksvoll beschreibt Sie die Zerrissenheit zwischen traditionellen afrikanischen Werten und westlichen Normen, die viele Afrikanerinnen verspüren. Dangarembgas zeigt, wie Schwarze Frauen am Boden der Machtpyramide stehen – von der Gesellschaft doppelt marginalisiert. Sie kritisiert die patriarchalen Strukturen ihrer Heimat, aber auch den weißen Feminismus, der die spezifischen Kämpfe Schwarzer Frauen oft ignoriert. Schreiben ist für Tsitsi Dangarembgas ein Akt des Widerstands, ein Weg, die Stimmen der Marginalisierten hörbar zu machen. Literatur wird für sie zum Mittel, um gegen dominante Narrative anzukämpfen und neue Perspektiven zu eröffnen. »Schwarz und Frau« ist nicht nur ein persönliches Zeugnis, sondern ein Appell, den Kampf, um Gleichberechtigung auch in den Köpfen und Herzen der Menschen zu führen. 


THUG LIFE – Der Hass, der uns alle betrifft


Angie Thomas, The Hate U Give Walker Books. 400 Seiten. ISBN 978-1-4063-7215-1; 11,50 EUR

„The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody – THUG LIFE”. Eine Warnung: Der Hass, den die Gesellschaft in ihre Kinder sät, wird früher oder später alle betreffen. Ein berühmtes Akronym welches Tupac Shakur stolz mit sich trug. In „The Hate U Give“ von Angie Thomas begleiten wir Starr Carter, ein junges afroamerikanisches Mädchen. Tagsüber ist sie die einzige Schwarze Schülerin an einer elitären, überwiegend weißen Privatschule. Abends kehrt sie nach Garden Heights zurück, ein Viertel, das von Armut und Gang-Gewalt geprägt ist, aber auch die Wärme und Liebe ihrer Community birgt.

Seit ihrer Kindheit lernt Starr, wie sie sich als Schwarze Person in der Gesellschaft und vor allem bei Polizeikontrollen verhalten muss. Die Bedeutung dieser Regeln wird ihr jedoch erst klar, als sie mit ihrem Kindheitsfreund Khalil in eine Polizeikontrolle gerät. Khalil wird vor ihren Augen grundlos erschossen. Starr sieht ihre Welt in Trümmern – Khalil, der für ihre Kindheit und Identität stand, liegt leblos vor ihr.

Doch hier endet Starrs Geschichte nicht. Was folgt, ist eine emotionale und kraftvolle Reise.  Sie steht vor einer schwierigen Entscheidung: Wird sie schweigen oder ihre Stimme erheben? Als Zeugin von Khalils Tod hat sie die Macht, die Wahrheit zu sprechen – für Khalil, für alle Schwarzen und für sich selbst. Doch werden die Menschen zuhören?

The Hate U Give ist mehr als nur eine Geschichte über Polizeigewalt. Es zeigt die systematische Unterdrückung Schwarzer Menschen, die Kämpfe innerhalb der Communities und die unglaubliche Kraft der Selbstermächtigung. Starrs Weg ist der einer jungen Frau, die lernt, für Gerechtigkeit und ihre eigene Wahrheit einzustehen – in einer Welt, die versucht, sie zum Schweigen zu bringen.


White Lives Matter


 
Jasmina Kuhnke: White Lives Matter. WeCreate Books. 288 Seiten. ISBN: 978-3-911034-03-6. 24 Euro. 

Was, wenn die Rolle der Schwarzen und die der weißen Bevölkerung im Verlauf der Geschichte umgekehrt verlaufen wäre? Es waren Schwarze Menschen, die Sklavenhandel betrieben und weiße Menschen versklavt haben. Schwarze haben Europa kolonialisiert, Weiße leiden bis in die Gegenwart unter struktureller Unterdrückung. Mit dieser alternativen Geschichtsschreibung lädt die Schwarze Autorin Jasmina Kuhnke die weiße Leserschaft in ihrem Roman ›White Lives Matter‹ dazu ein, sich in ihre Lage zu versetzen. Darin schreibt sie über das Leben von Anna, die sich in Kuhnkes Parallelwelt als weiße, junge Frau in einer Schwarzen Mehrheitsgesellschaft behaupten will. Anfangs lehnt sie es noch entschieden ab, sich in eine ›Opferrolle‹ zu begeben und ist entschlossen, für ein besseres Leben hart zu arbeiten. Doch dann setzt sie sich mit den Schicksalen ihrer Vorfahren auseinander und auch ihre eigene Lebensrealität kann sie immer weniger beschönigen. Anna wird zur Aktivistin und schließt sich der ›White Lives Matter‹-Bewegung an. Mit dieser verkehrten bzw. gerade richtigen Welt hält Jasmina Kuhnke der weißen Mehrheitsgesellschaft erkenntnisreich den Spiegel vor. Die Hoffnung ist, dass ihr Werk vielleicht sogar diejenigen erreicht, deren Empathie nur für die eigene Ethnie reicht. Trotzdem raten wir davon ab, das Buch demonstrativ in der Bahn zu lesen – das Verständnis für Satire nimmt in der Öffentlichkeit erschreckend ab, sodass der provokante Titel wahrscheinlich missverstanden wird. 


Ours


 
Phillip B. Williams: Ours – Die Stadt. S.Fischer Verlag, 704 Seiten, ISBN 978-3-10-397609-0; 28 EUR

In den 1830er-Jahren zieht eine geheimnisvolle Frau namens Saint durch Arkansas und zerstört Plantagen, um die dort versklavten Menschen zu befreien. Die Befreiten bringt sie zu einem von ihr geschaffenen Zufluchtsort in Missouri. Eine Stadt nördlich von St. Louis, die auf keiner Landkarte verzeichnet ist und auf magische Weise vor Außenstehenden verborgen bleibt. Die Stadt trägt den Namen ›Ours‹. Dort lebt die Gemeinschaft fernab der Grausamkeiten der Welt. Sie geben sich neue Namen, bauen Häuser oder finden zueinander. Doch als eine neue Bedrohung in die Stadt eindringt, stellt sich für die Bewohner die Frage, ob Sicherheit und Freiheit tatsächlich miteinander vereinbar sind. Phillip B. Williams entführt uns in seinem Debüt in eine alternative Vergangenheit, die auf poetische Weise Themen spiegelt, die uns ebenso in der Gegenwart betreffen. In dieser Surrealität legt Williams eindrucksvoll dar, was es bedeutet, Mensch zu sein, indem er intime und elementare Aspekte der menschlichen Erfahrung freilegt. 


Wie wir uns Rassismus beibringen


Gilda Sahebi: Wie wir uns Rassismus beibringen. S. FISCHER. 464 Seiten. ISBN: 978-3-10-397624-3. 26 Euro

Derzeit scheint jedes Wahlergebnis mit einem Schock einherzugehen. Die AfD gewinnt immer mehr Stimmen, gleichzeitig werden die Rufe aus der Mitte der Gesellschaft nach erleichterter Abschiebung lauter. Eine rassistisch motivierte Gräueltat jagt die nächste. Grade in den letzten Jahren ist deshalb häufig von einem ›Rechtsruck‹ die Rede. Da könnte ja glatt der Eindruck entstehen, rassistisch und menschenfeindliches Gedankengut sei ein junges Phänomen. Oder eines, das für eine Weile unwesentlich war und nun eine erschütternde Renaissance erfährt. Aber der Schein trügt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Gilda Sahebi analysiert in ›Wie wir uns Rassismus beibringen‹, wie tief Rassismus und Menschenfeindlichkeit tatsächlich schon immer in der deutschen Gesellschaft verankert sind. Ihre These: »Rassismus ist nicht extremistisch, sondern kollektiv.« Vom Kaiserreich über die nationalsozialistische Diktatur bis in die Gegenwart decouvriert sie den roten Fäden rassistischen Denkens, der sich mal unverschämt offen, mal unterm Radar lauernd durch die deutsche Kultur zieht. Sahebi zeigt auf, wie wir rassistische und spaltende Narrative stetig weitertragen und uns den Rassismus wie einen schlummernden Herpes immer wieder neu beibringen. Denn eines beweist ihre Analyse eindeutig: Wir alle denken rassistisch. Und wenn vom Rechtsruck die Rede ist, wird damit bloß der tief verankerte, kollektive Rassismus unserer Gesellschaft verschleiert. Nur indem wir festgefahrene Denkmuster und Strukturen auflösen, kann rassistisches und menschenfeindliches Denken auch nachhaltig verhindert werden.  


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