
Seit der Mensch sich wider die Natur zum Demiurgen der Welt putschte, weil ein Missverständnis in biblischen Zeiten dazu ermunterte, aus der von der Evolution zugedachten Rolle zu fallen und nicht etwa Gärtner oder Hirte auf Erden zu sein, sondern sie sich untertan zu machen, ist alles gestaltet. Auch viele andere Lebensformen gestalten bereits durch ihr Wachstum; es ist ihr natürlicher Auftrag, in Kolonien Wälder zu bilden zu Lande oder unter Wasser. Biber, Elefanten und Termiten gestalten ihre Umwelt unübersehbar, und dass Wolfsrudel Fauna und Flora ganzer Landstriche durch ihren Verbiss harmonieren, wurde in erstaunlichen Feldstudien bewiesen. Doch der Mensch erhebt seine Designfähigkeit auf eine eigene Ebene, die weit über Funktionalität hinausgeht. Im Anthropozän, einer Epoche, die von menschengemachter Umgestaltung der Welt geprägt ist, wird deutlich: Design ist allgegenwärtig.

Aber was macht gutes Design aus? Gestaltung, die unser Auge erfreut, der Hand schmeichelt und allgemein hält, was sie verspricht. Einer, der es von seiner Phänomenalität her begriff, war der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889–1976). Die Dinge unserer Warenwelt als ›Zeug‹ zu betrachten, war wirklich originell. Und wir bleiben gern bei seiner saloppen ›Zeughaftigkeit der Dinge‹, denn um zu begreifen, was Heidegger mit dem ›innerweltlich Seienden‹ der Gebrauchsgegenstände meinte, bräuchte es ein eigenes Studium der Ontologie. Festhalten können wir für uns, dass dieses Zeug durch seine ›Zuhandenheit‹ charakterisiert ist. Der hantierende Umgang wurde auch für den Designbegriff in der Moderne elementar: Ein Hammer, ein Stift, ein Auto – all dies ist Zeug zum Werken, Schreiben und Fahren. Jedoch nur, sofern es gebraucht wird und nicht bloß der Anschauung dient wie ein Gemälde. Im Alltag werden wir uns schließlich auch nicht mit dem Anhimmeln eines ›Schneewittchensargs‹ von Braun oder eines 911ers von Porsche zufriedengeben; wir wollen tätig damit umgehen, eine Lieblings-LP abspielen oder uns hinters Steuer setzen und Gas geben. Was gutes Design ist, dazu gibt es überviele Erklärungen. Dass gutes Design oft handlich ist wie bei Heidegger oder wie bei dem schwedischen Autor Lars Gustafsson (1936–2016) gleich als Gegenstück unserer Körperlichkeit betrachtet wird, sind einleuchtende Argumente. Gutes Design passt zu uns. Wenn Außerirdische einmal die Erde nach dem Armageddon besuchen, werden sie aus unseren Treppen, Stühlen, Henkeln, Fernbedienungen und anderem Gebrauchs-Zeug unsere Anatomie easy herauslesen. Gleichzeitig erfordert gutes Design Klarheit und Zurückhaltung im Entwurf, wie es der einflussreiche, aus Wiesbaden stammende Designer Dieter Rams in seinem Prinzip ›Weniger, aber besser‹ ausdrückt: »Gutes Design ist so wenig Design wie möglich«, mahnt Rams, und dieses Understatement ist keineswegs Ausdruck von Einfachheit, sondern von Raffinesse und Verantwortungsbewusstsein. Erst dadurch bietet Design eine Investition in Langlebigkeit und Nachhaltigkeit.

Einer, der dies in seinen Produktdesigns markant beherzigte, war Jonathan Ive, der lange die ikonischen Produkte von Apple verantwortete. Der Eleve von Dieter Rams (!) bewies schon mit dem allerersten iPod, dass gutes Design weit mehr sein soll als nur sexy. Sein Boss Steve Jobs sekundierte im bekannten Bonmot: »Design ist nicht nur, wie etwas aussieht oder sich anfühlt. Design ist, wie es funktioniert.« Genau hier liegt der Unterschied zwischen ›billig‹ und ›gut‹. Ein billiges Produkt mag auf den ersten Blick attraktiv wirken, doch sind in ihm wesentliche Aspekte der Funktionalität, der Langlebigkeit und der Effizienz nicht berücksichtigt worden. Die besten Lösungen sind demnach solche, die Zeit, Mühe und ein gewisses Maß an Kreativität erfordern. Wer sich für das billigere Produkt entscheidet, zahlt auf lange Sicht für die Inkompetenz des Designs: üppigere Reparaturkosten, schnelleren Verschleiß und häufigeren Ersatz. Der Umkehrschluss lautet: Die wahren Werte von hochwertigem Design sind Zeit, Geld und Energie. Das ist der wahre Luxus, den man sich leisten sollte. Die Diskrepanz zwischen gutem und schlechtem Design wird noch deutlicher, wenn wir uns Beispiele aus legendären Möbel-Entwürfen ansehen, denn der wahre Preis eines Produkts ergibt sich aus den Kosten im gesamten Lebenszyklus. Wie bei dem von Charles und Ray Eames designten Bürodrehstuhl-Klassiker EA 119. Das gute Stück wird seit 1958 praktisch unverändert und mit garantierten Ersatzteilen über drei Jahrzehnte von Vitra vorgehalten. Im Gegensatz dazu ist ein vermeintliches Schnäppchen nach wenigen Jahren schäbig und durchgesessen. Der US-amerikanische Grafik-Designer Paul Rand (1914 –1996) brachte es auf den Punkt: »Der Öffentlichkeit ist schlechtes Design vertrauter als gutes Design. Tatsächlich ist sie darauf konditioniert, schlechtes Design zu bevorzugen, weil sie damit lebt.«

Die Verantwortung, die mit gutem Design einhergeht, geht jedoch über Ökonomie und Funktionalität hinaus. Philippe Starck, bekannt für seine Arbeiten für Alessi und Kartell, betont den emotionalen Wert von Design. Es geht nicht nur darum, eine Aufgabe zu erfüllen, sondern auch darum, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und Vertrauen zu schaffen. Produkte, die billig produziert werden, signalisieren den Nutzenden, dass gar keine langfristige Beziehung gewollt ist. Hochwertiges Design hingegen vermittelt Beständigkeit und Respekt. Gerade das Rhein-Main-Gebiet, für dessen fabelhafte Kulinarik und exquisite Warenwelt wir uns in VivArt seit über 20 Jahren begeistern, ist bekannt für seine Innovationskraft und kulturelle Vielfalt und bietet dementsprechend umfangreiche Inspiration für gutes Design. Hier finden traditionelle Handwerkskunst und moderne Technologien zu gelungener Gestaltung. Und vielleicht ist es auch ein wenig unser Ehrgeiz, im VivArt Magazin eine andere Öffentlichkeit für gutes Design zu finden und zu fördern. Daher ist es für unsere Agentur cicero ein Ritterschlag, seit dem vergangenen Jahr Mitglied im ›Rat für Formgebung‹ zu sein!

Unser Fazit: Gutes Design ist kein Luxus, sondern eine moralische Notwendigkeit. Es verbindet Form und Funktion, übernimmt Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft und schafft einen Wert, der über die reine Anschaffung hinausgeht. Ein billiges Produkt mag auf den ersten Blick attraktiv wirken, doch in seiner Kurzlebigkeit und mangelnden Funktionalität wird es langfristig teurer – ökologisch, sozial und finanziell. In den Worten von Charles und Ray Eames, dem einflussreichsten Designer-Couple des 20. Jahrhunderts: »Die Schönheit ist in der Idee, der Prozess, das Ergebnis sind ebenfalls ein Teil davon.«
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