Unser #lesenswert widmen wir diesen Monat den ganzen grandiosen Sachbüchern, die der Buchmarkt zu bieten hat. Von der aktuellen Medienlandschaft über den menschlichen Körper bis hin zu feministischer Literaturwissenschaft sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Viel Spaß beim Lesen!
Lewis Dartnell, Being Human- Wie unser Körper Weltgeschichte schrieb, aufbau-Verlag,396 Seiten, ISBN 978-3-351-03970-7, 26 EUR
Der Mensch als Summe seiner Errungenschaften und Fehler – davon ausgehend leitet Lewis Dartnell seine Analyse der Menschheitsgeschichte zwischen Schwächen und Stärken ein. Unser komplexes Gehirn ist ein Wunder der Evolution, unsere Physiologie macht uns zu Leistungsträgern. Dennoch blieb Homo sapiens sowohl geistig als auch körperlich noch nach 7 Millionen Jahren Entwicklung zutiefst fehlerbehaftet. Unsere Körper brechen, ersticken und versagen, ob wir nun Könige oder Bauern sind. Krankheiten durchkreuzen die kühnsten Pläne, unsere unvollständig beherrschte Psyche ist Ursache für schreckliche Entscheidungen in Krieg und Frieden. Wir verstehen, diese faszinierende Widersprüchlichkeit ist möglicherweise die eigentliche Essenz des Menschseins. Lewis Dartnell, der von Hause aus Astrobiologe ist und Professor für Wirtschaftskommunikation, bietet uns in ›Being Human‹ zum ersten Mal die Möglichkeit, uns durch die Linse dieser so einzigartigen wie zerbrechlichen Natur zu erfahren. Und wie die Gegebenheiten des Körpers und der Psyche unsere Beziehungen, unsere Gesellschaften und unsere Wirtschaft formten – und weiterhin bestimmen werden.
Die Rettung des Kapitalismus
Ole Nymoen, Wolfgang M. Schmitt: Influencer – Die Ideologie der Werbekörper. Suhrkamp Verlag. 192 Seiten. ISBN: 978-3-518-07640-8; 15 EUR
Influencer sind aus der Medienlandschaft kaum mehr wegzudenken. Was vielleicht noch relevanter ist: Sie sind aus der Werbemaschinerie nicht wegzudenken. Die Budgets für Influencer Marketing sind inzwischen riesig! Früher einmal war Werbung nur eine Begleiterscheinung der Medien. In Form von Spots oder Produktplatzierungen in Film und Fernsehen dazu da, um die eigentlichen Inhalte zu refinanzieren. Doch durch die Influencer wird Werbung zunehmend zum Content selbst. Sie nehmen uns privat und hautnah mit in ihren Alltag, halten Produkte in die Kamera und suggerieren dabei eine Authentizität, die es in dieser Form schlichtweg nicht geben kann, wenn im Hintergrund riesige Summen in die eigene Tasche geflossen sind. Gleichzeitig sehen die Autoren Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt eine Gefahr im Einfluss, den Influencer nicht nur auf das Konsumverhalten junger Menschen haben, sondern auf deren Weltsicht. Viele propagieren rückwärtsgewandte Rollenbilder sowie rigide Körpernormen und leisten damit einem konservativen Backlash Vorschub. Bei aller Zustimmung muss aber eingeräumt werden, dass das die Untersuchung der beiden Auroren ein hochkomplexes Thema etwas eindimensional darstellt. Noch dazu von zwei Männern, die von außen auf ein Phänomen blicken, mit dem sie sich privat mit Vorsatz fernhalten. Nichtsdestotrotz eröffnen Nymoen und Schmitt eine kritische Sichtweise auf ein weltweit erfolgreiches Marketingphänomen, das nicht ignoriert werden sollte.
»Der Spätkapitalismus hübscht sein Gesicht mit Filtern und Photoshop auf.«
»Einige Herren sagten etwas dazu«
Nicole Seifert: “Einige Herren sagten etwas dazu” – Die Autorinnen der Gruppe 47. Kiepenheuer & Witsch. 352 Seiten. ISBN: 978-3-462-00353-6. 24 EUR
Im Sommer 1947 entstand sie, die legendenumwobene ›Gruppe 47‹. Die Runde Schriftstellender kam, der Einladung Hans Werner Richters folgend, ein- bis zweimal jährlich zusammen, um einander ihre Texte vorzustellen. Einige der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts nahmen an den Treffen teil. An dieser Stelle verwenden wir bewusst das generische Maskulinum, denn wenn man den gängigen Überlieferungen glaubt, waren jenseits von Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger kaum Frauen bei den Treffen anwesend – erfolgreiche erst recht nicht.
Doch mit diesem Irrglauben räumt Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert nun auf. In ihrer hervorragenden Aufarbeitung erzählt sie die Geschichte der Gruppe 47 aus Perspektive der Frauen. Gleichzeitig arbeitet Seifert auf, wie jene Schriftstellerinnen, die zu Lebzeiten durchaus Erfolg hatten, so rasch in Vergessenheit geraten konnten. Wie schon Seiferts 2021 erschienenes ›FRAUEN LITERATUR‹ öffnet ›Einige Herren sagten etwas dazu‹ einem die Augen und lässt um all die großartige Literatur trauern, die uns entgangen ist.
The Secondary Sex
Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen – Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. Btb Verlag. 496 Seiten. ISBN: 978-3-442-71887-0; 18 EUR
Wusstest du, dass die Wirkweise der handelsüblichen Medikamente oftmals nicht oder nicht ausreichend an Frauen getestet wurden? Das liegt daran, dass Männerkörper in der medizinischen Ausbildung immer noch als Standard gelten. Dabei verstoffwechseln Frauen komplett verschieden. Die Auswirkungen sind häufig fatal. Das wusstest du nicht? Vielleicht kommt dir ja der nächste Fact bekannt vor: Für eine Frau ist es zu 47 Prozent wahrscheinlicher, dass sie bei einem Autounfall schwer verletzt wird als für einen Mann. Weder sind Autos ergonomisch dafür gebaut, die weibliche Anatomie im Fall eines Unfalls adäquat zu schützen, noch sind Crashtest-Dummies Frauen akkurat nachempfunden. Daten sind die Grundlage der modernen Gesellschaft. Nur leider leben wir nach wie vor in einer Welt, die von Männern für Männer gedacht und gemacht und der Rest der Bevölkerung schlicht nicht mitbedacht wird – und zwar in erschütternd vielen Bereichen. Frauenrechtlerin Caroline Criado Perez erklärt, wie dieses System funktioniert und legt die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten offen. Zu lange haben Frauen den enormen Preis der sogenannten ›Gender-Data-Gap‹ gezahlt. In Form von Zeit, Geld und viel zu häufig auch mit ihrem Leben.
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