
»Poesie im Rostgewitter«, nennt Kurator Frank Krämer die diesjährige Urban Art Biennale. Tatsächlich hatte das alte Eisen der Völklinger Hütte bei ihrer Stilllegung 1986 nicht einmal Schrottwert. So kam sie unter Denkmalschutz. 1994 wurde sie als erstes Industriedenkmal aus der Blütezeit der Industrialisierung UNESCO-Weltkulturerbe – mit einem sieben Kilometer langen Rundgang.
Für die Kunstschaffenden der Urban Art Biennale ist das gigantische Gelände nicht einfach Galerie, sondern Ort der Inspiration und Auseinandersetzung. Sie bringen die Hütte, ihre Architektur und Geschichte in direkten Dialog mit ihren Werken, von denen die meisten vor Ort entstanden sind. Zum Beispiel die Arbeit des Spaniers Ampparito auf dem Dach der Möllerhalle. ›No hay nada de valor‹: Hier gibt es nichts von Wert. Eine Zettelbotschaft, die in Spanien in Autos liegt, um Langfinger abzuschrecken. Ihre riesige Vergrößerung ist nur vom 45 Meter hohen Aussichtsturm der Völklinger Hütte zu sehen – in Anspielung auf deren Wertlosigkeit nach der Stilllegung.
»Die Hütte ist Teil der Kunst, sie ist quasi der Haupt-Player«, sagt Frank Krämer. »Es geht um diesen abwechslungsreichen Parcours hier, mit verschiedenen Medien, verschiedenen Techniken, verschiedenen Herangehensweisen. Der rote Faden, wenn man so will, ist: Einfach in Bewegung bleiben.«

Der Pariser Künstler Baptiste Debombourg bewegt mit einer Hommage an die Arbeiter, einem Anzug aus Spiegelsplittern, mit dem er selbst die Hütte durchwanderte – in einer poetischen Performance, die Frank Krämer so beschreibt: »Er wandert hier durch und es spiegeln sich in ihm die ganzen Geschichten oder Lichter, als wäre er ein besonderes Wesen, das zum ersten Mal die Völklinger Hütte erkundet. Und die Reflexionen, die er um sich herum auslöst, erinnern an den Funkenflug beim Hochofenabstich.«
Das Kollektiv Vortex-X aus Frankreich hat die gesamte Möllerhalle mit einem weißen Liniennetzwerk bespannt: ›Transit der Erinnerung‹. »Früher war ja hier viel los, viel Energie, viele Leute. Eben diese Strömungen, die wir heute nicht mehr sehen können, die wollen wir zeigen«, erklärt einer der Künstler, Gérard Dumora, das Werk. Es besteht aus Abfallsträngen aus der Produktion von Kosmetiktüchern und steht auch für Upcycling. Nach der Urban Art Biennale wird das Material für andere Werke verwendet oder zu Kissenfüllungen geschnipselt, aber auf keinen Fall entsorgt.
Unter einem Ascheregen begraben wie das antike Pompeji, so wirkt die Installation von Tomas Lacque. Ein Auto, Spielzeug, kahles Geäst. Wie auf ewig erstarrt. Dabei wohnt die Vergänglichkeit jeder Streetart inne, auch den Werken dieser Schau. Genau darin liegt für Frank Krämer ihr besonderer Reiz.
55 Kunstschaffende aus 17 Nationen und von drei Kontinenten hat er zur Urban Art Biennale 2026 in Völklingen zusammengebracht. Und er hat ihnen allen fast jede Freiheit gelassen. Außer, die Hütte selbst zu zerstören. Entstanden ist ein fantastischer Parcours durch die aktuelle Szene urbaner Kunst. Frank Krämer wünscht sich, dass die BesucherInnen neugierig auf Entdeckungstour gehen und vielleicht sogar neue Erkenntnisse sammeln: »Es ist mir schon wichtig, dass am Ende eines Biennale-Rundgangs auch eine Haltung steht. Dass man anfängt, über Werke zu diskutieren und sie zu hinterfragen. Die Idee des Dialogs steht im Vordergrund.«

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