Die Sommerferien sind in den meisten Bundesländern bereits im vollen Gange. Das bedeutet für viele Reisebegeisterte: Die Ferne ruft. Dabei sind die Reiseziele so unterschiedlich wie die ausgewählten Bücher. In unserem #lesenswert entführen wir euch im August in die unterschiedlichsten Regionen. Ob friesische Insel, Bella Italia, Kalifornien oder Ozeanien – hier finden alle das passende literarische Reiseziel in nah und fern.
Liane Moriarty: Tausend kleine Lügen. Lübbe Belletristik. 496 Seiten. ISBN: 978-3-404-17543-7; 11 Euro
Jane ist neu in der Stadt. Sie hat einen kleinen Sohn, ist selbst so jung, dass sie für eine Nanny gehalten wird und hütet zudem ein Geheimnis, das schwer auf ihr lastet. Angekommen in dieser australischen Kleinstadt, in der jeder jeden zu kennen scheint, findet Jane sich unter Vollblutmüttern und Hausfrauen mit ihren Bilderbuchfamilien wieder. Immerhin findet sie schnell Anschluss. Zwei, deren Kindern dieselbe Schule besuchen, nehmen Jane unter ihre Fittiche. Madeline, die immer alles unter Kontrolle zu haben scheint und die wunderschöne Celeste. Beide führen scheinbar diese Art von hyperperfektem Familienleben, das Jane wohl immer verwehrt bleiben wird. Doch hinter der Fassade halten auch Madeline und Celeste vieles vor der Außenwelt und voreinander geheim. Und alle machen die Erfahrung, wie schwierig es wirklich ist, ein echtes Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Als es schließlich während eines Elternabends sogar zum Mord kommt, sind alle drei darin verwickelt. Nur, wessen Lüge hat das Fass eigentlich zum Überlaufen gebracht?
Zeitkapsel der wilden Jahre
Eve Babitz: Slow days, fast company. Random House LLC US. 184 Seiten. ISBN: 978-1-68137-008-8. 17,50 Euro (UVP).
Eve Babitz liebte das Leben und das Feiern in L.A.s Kreativszene. Aufgewachsen im Glamour Hollywoods, waren die Partys im legendären Chateau Marmont Hotel für Eve ein Jour fixe. Babitz begann ihre unabhängige, besser: ungezügelte Karriere als Gestalterin von Albumcovern für Atlantic Rec., etwa für die Byrds und Buffalo Springfield. Später ist sie wie Joan Didion aus den kalifornischen Seventies nicht wegzudenken. Ihre Artikel und Kurzgeschichten fanden viel Beachtung im Rolling Stone, in Vogue, Cosmo und Esquire. Als Muse wickelte sie Jim Morrison, Steve Martin und Harrison Ford um den Finger, den sie – anders als Didion – nie moralisierend erhob. Klug und witzig schreibt Babitz in dieser neuen Sammlung ihrer Essays mal über Drogenexzesse, mal über Soap-Darsteller, die fürchten, bald den Serientod zu sterben. Wie zuverlässig sie dabei als Erzählerin ist, möchten wir nicht hinterfragen. Wir sind einfach eingestiegen in den rasenden Zug und haben uns von diesem charmanten It-Girl mit köstlichem Gossip versorgen lassen. Und zu jedem guten Gossip gehört nun mal ein Schuss Flunkerei.
Bis Sylt im Meer versinkt
Max Richard Leßmann: Sylter Welle. Kiepenheuer & Witsch. 224 Seiten. ISBN: 978-3-462-00404-5, 22 EUR
Seit seiner Kindheit hat Max viele Sommer mit seinen Großeltern, Oma Lore und Opa Ludwig, auf Sylt verbracht. Auch dieses Jahr ist ein kurzer Aufenthalt geplant. Alles wie immer also – wenn man mal davon absieht, dass es ihr letzter gemeinsamer Urlaub auf der Nordseeinsel sein soll. Max Richard Leßmann ist Autor und Sänger. Mit seiner Poesie ist er zum Instagram-Phänomen geworden. In ›Sylter Welle‹, seiner ersten Prosa-Veröffentlichung, vermischt er wahre Begebenheiten mit einem Hauch Fiktion. Dabei meistern seine Worte das Kunststück, wunderschön zu sein, ohne ins Abgedroschene abzudriften. Melancholie und Witz halten sich die Waage. In seiner Autofiktion stellt Max sich dem ambivalenten Thema Familie und sich selbst dabei die Frage, ob wir unsere Angehörigen überhaupt mögen würden, wenn wir nicht mit ihnen verwandt wären.
Sommer, Sonne, Italien
Thomas Mann: Mario und der Zauberer. S.Fischer Verlag. 96 Seiten ISBN: ISBN: 978-3-10-397552-9; 24 Euro
Bereits in den 1920er-Jahren war Italien eines der beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen, so verwundert es nicht, dass es den Protagonisten der Geschichte genau dorthin verschlägt. Jedoch verleidet von Beginn an eine Gereiztheit und eigentümlich bösartige Stimmung diese Ferien in bella Italia. Die Ereignisse gipfeln im Auftritt des Hypnotiseurs Cipolla, der mit seinen mysteriösen Fähigkeiten ein willfähriges Publikum manipuliert. Im verträumten Kellner Mario findet er das geeignete Opfer, das sich ihm willenlos unterwerfen soll. Auch flechtet Thomas Mann zwischen den geschildeten Urlaubserlebnissen politisch-moralische Anspielungen ein, die an keiner Stelle in klare Worte gefasst werden (müssen). Auch wer hinter der Maske Cippolas gemeint ist, versteht sich damals von selbst: Das Werk entstand zwischen 1926 und 1929, da war Mussolini bereits auf dem Zenit seiner Macht – und Hitler noch sein größter Fan. ›Ein tragisches Reiseerlebnis‹, so lautet der sinistre Untertitel dieser Novelle, die bald nach Erscheinen als Parabel für den blühenden Faschismus in Europa gelesen wurde. Und nach fast einem Jahrhundert ist dieses Meisterwerk unseres wichtigsten Literaturnobelpreisträgers leider schon fast wieder so aktuell wie damals.
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