
© Hiroyuki Masuyama
Frau Henkel, was macht man eigentlich als Kunsthistorikerin?
Es gibt eine Menge Möglichkeiten – von Museen über Ausstellungs- und Auktionshäuser bis hin zu Versicherungen oder Beratungen stehen einem viele Wege offen. Für mich ging es einmal quer durch Deutschland, vom Volontariat und der Promotion bis zur Verantwortung für den Neubau des Stuttgarter Museums; danach war ich lange in Emden tätig. Irgendwann folgte dann der Ruf als Kuratorin der Internationalen Tage nach Ingelheim.
Worauf freuen Sie sich bei den Internationalen Tagen besonders?
Es gibt zwei wesentliche Aspekte. Zum einen die Vorbereitung: Ich mache mir viele Gedanken über die thematische Ausrichtung, die Organisation der Leihgaben und den detaillierten Aufbau der Ausstellung. Dabei gibt es immer wieder Überraschungen – manchmal zeigt erst die Praxis, ob eine Idee funktioniert. Ein kleines Werk kann einen ganzen Raum füllen und eine unglaubliche Zugkraft entfalten. Deshalb muss ich jede Ausstellung nicht nur als Plan entwerfen, sondern auch spüren.
Der zweite Aspekt ist die Ausstellung selbst: zu erleben, wie Menschen reagieren, wie ich manchen die Kunst auch wirklich näherbringen kann. Das macht mir besonders viel Freude. Zu ausgewählten Werken entwickeln wir auch Audio-Guides –nicht unbedingt zu wichtigen, sondern zu den erklärungsbedürftigsten. Das wird von den Besuchern ganz gern mal verwechselt.
Mit James McNeill Whistler steht erstmals seit 25 Jahren wieder ein Amerikaner im Mittelpunkt der Ausstellung. Was fasziniert sie an Whistler?
Whistler habe ich als Teenager in London für mich entdeckt, vielleicht mit 16 oder 17. Ich stand vor seinen Gemälden, war gleichzeitig begeistert und berührt von der Schönheit seiner Arbeiten. Schon damals hatte ich den Wunsch, einmal eine Whistler-Ausstellung zu kuratieren. Allerdings habe ich nie in einem Haus gearbeitet, das sich auf das 19. Jahrhundert, Schwerpunkt England oder eine ähnliche Stilrichtung spezialisiert hatte – das hat sich nie angeboten. Es ist auf jeden Fall eine großartige Gelegenheit, denn Gemälde von Whistler gibt es in Deutschland höchstens im Privatbesitz.
Es steht aber auch noch ein anderer Name im Mittelpunkt der Ausstellung: Masuyama. Wie passt ein japanischer Fotokünstler ins Bild?
Mit Hiroyuki Masuyama möchte ich den Bogen zur Gegenwart schlagen. Er ist an viele Orte gereist, die Whistler zu seiner Zeit gemalt hat – von der Themse bis nach Venedig – und hat dort aktuelle Aufnahmen gemacht. Es ist sehr spannend, diese Motive übereinanderzulegen. Man sieht, wie stark sich manche Orte über die Zeit verändert haben – oder eben auch, wie wenig.

Was ist für Sie Kunst, Frau Henkel?
Eine schwierige Frage. Kunst versetzt mich in einen emotional besonderen Zustand. Das muss nicht immer Begeisterung im klassischen Sinne sein – also für etwas Schönes oder Ästhetisches ––sondern kann auch mit schwerer Kost, Sperrigkeit oder einer komplexen Technik zu tun haben, die den Zugang erschwert. Entscheidend ist für mich ein längerer Nachhall, besonders in unserer schnelllebigen Zeit.
Das ist natürlich rein subjektiv. Ich habe zum Beispiel Künstler, deren frühere Arbeiten sehr viel in mir ausgelöst haben, spätere Werke aber kaum noch. Was natürlich nicht heißt, dass es keine Kunst ist.
Hat Kunst für Sie einen Sinn?
Ja. Kunst ist unheimlich wichtig für die Seele. Studien aus aller Welt zeigen: In Krisen- und Notzeiten werden Museen stärker frequentiert, weil die Menschen dort Halt und Ruhe suchen, vor allem aber andere Bilder.
Sie möchten mit etwas anderem konfrontiert werden, jenseits des Alltags. Das muss keine theoretische Auseinandersetzung mit einem Gemälde oder einer Skulptur sein – oft reicht schon die Freude am Betrachten. Auch eine Faszination für den Herstellungsprozess beobachte ich häufiger: Wie funktioniert das, was müssen Kunstschaffende alles unternehmen, damit es funktioniert? Es gibt nie die eine Art, ein Kunstwerk zu verstehen. Es gibt immer mehrere, und es ist nie falsch, wenn jemand aus der Besuchergruppe sagt: Also das sehe ich jetzt aber nicht, ich sehe das und das. Und manchmal denke ich mir: Tatsächlich, das ist mir gar nicht aufgefallen. So bereichern die verschiedenen Sichtweisen jede Ausstellung.
Was können wir heute von Kunst lernen?
Für mich ist das vor allem die Offenheit für Neues. Masuyama möchte zum Beispiel verstärkt mit KI arbeiten und entwickelt dabei interessante Ideen. Sein Grundtenor ist grundsätzlich positiv: Neue Technologien haben unsere Welt immer verändert –es gibt keinen Grund, Angst davor zu haben.

© Hamburger Kunsthalle/bpk, Foto: Julia Bau
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Von London nach Venedig – Whistler & Masuyama
26.4.–5.7.2026
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