
Wenn Hans-Peter Gresser über Architektur spricht, meint er weit mehr als Baukunst. Er spricht von einer Lebensform, über das genaue Hinsehen, über Respekt vor dem Ort und den Menschen, für die er baut. Gresser, der aus dem niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld stammt, hat das Angesicht Wiesbadens über Jahrzehnte mit geprägt und zählt zu jenen Architekten, die sich nie dem schnellen Effekt verschrieben haben. Sein Denken kreist um Verantwortung, Maß und Sinn: Werte, die in Zeiten von Investorenarchitektur und digitalem Bauen seltener geworden sind.
Hausaufgaben als Haltung: Architektur mit Verantwortung
Sein Buch ›HAUSAUFGABEN‹ ist ein Bekenntnis zu dieser Haltung. Schon der Titel verrät Gressers gründliche, aufmerksame, geduldige Arbeitsweise: Seine Hausaufgaben zu machen bedeutet für ihn, die Geschichte und die Atmosphäre eines Ortes zu studieren, seine Sprache zu verstehen, bevor man mit ihr spricht. Denn, so schreibt er, »jeder Bau greift in das Gedächtnis eines Ortes ein«. Ein herausragendes Beispiel für dieses hohe Bewusstsein ist die Sanierung des Jagdschlosses Platte in Wiesbaden – jenes Wahrzeichen oberhalb der Stadt, das Gresser mit großem Respekt vor seiner Geschichte und zugleich mit zeitgemäßer Klarheit wieder zum Leben erweckte. Wo Verfall und Vergessen drohten, schuf er einen Ort, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander versöhnen konnte. Gleichsam Symbol dafür, wie behutsame Architektur Geschichte bewahren und gleichzeitig Zukunft gestalten kann.

Architektur, die Brücken schlägt
Doch Gressers Wirken reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Seine Projekte führen ihn bis nach Griechenland und Frankreich, in die USA und sogar bis nach Indien, wo er sich mit den sozialen und kulturellen Dimensionen des Bauens unter völlig anderen Bedingungen auseinandersetzte. Auch dort blieb der Ansatz derselbe: zuhören, verstehen, anpassen. »Architektur«, so Gresser, »beginnt nicht beim Entwurf, sondern beim Gespräch.« Diese Haltung prägt all seine Arbeiten – ob in Hessen oder am anderen Ende der Welt. Seine Bauten sind geprägt von Klarheit und menschlichem Maß, von einer stillen Eleganz, die sich nie aufdrängt. Und mit Räumen, die nicht nur funktionieren, sondern berühren. Architektur, so wird in seinem Buch deutlich, ist für ihn ein Medium der Begegnung – zwischen Menschen, zwischen Zeiten, zwischen Kulturen.
Die Kunst der Langsamkeit
In einer Welt, die oft auf Geschwindigkeit und Spektakel setzt, wirkt Gressers Denken fast kontemplativ. Doch gerade diese Langsamkeit ist sein Protest gegen die Beliebigkeit des Bauens. ›HAUSAUFGABEN‹ ist ein stilles, aber eindringliches Plädoyer für Achtsamkeit: für die Verantwortung des Architekten, für das genaue Maß und für die Kunst, Räume zu schaffen, die bleiben dürfen. Hans-Peter Gresser zeigt, dass Architektur, wenn sie aus Haltung entsteht, zur Lebenskunst wird. Sie formt nicht nur Häuser, sondern Haltungen – und erinnert uns daran, dass gutes Bauen immer auch eine menschliche Geste ist.
Gresser, Hans-Peter: Hausaufgaben. Mein Leben für die Architektur in Bildern. Eine Spurensuche. Kramer Verlag. 640 Seiten. Gebundene Ausgabe. 60 SW-Abb., 300 Farbabb., 200 Farbfotos, 200 SW-Fotos. ISBN: ISBN-13: 978-3-7374-0503-4; 99 Euro
›UNTERWEGS mit Hans-Peter Gresser‹, ein weiteres Werk mit wunderschönen Architekturskizzen des Architekten ist in Planung. ISBN: 978-3-69133-011-3
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