
Viel Triviales, wenig Erhellendes war zu lesen und schon gar keine neuen Zugänge ins Werk des ›Großen Franz‹ wurden im Jubiläumsjahr erschlossen. Der 100. Todestag eines der Wichtigsten unter den Wichtigen ist bisher enttäuschend begangen worden. Dabei ist es das Schönste und unstreitig auch das Schwerste, über diesen Verfasser meisterlicher Grotesken zu schreiben. Vor allem, wenn man wie ich Kafka immer noch mag. Vielen wurde er bereits in der Schulzeit ausgetrieben; ›Die Verwandlung‹ (1915) und ›Die Traumdeutung‹ (1900) waren parallel lange Prüfungsstoff und die Interpretation nach Sigmund Freud wurde an Kafkas Werke angesetzt wie ein Brecheisen. Mit Interpretationen tut man vielen Dichtungen Gewalt an, man stutzt einen Kosmos auf die vulgäre Größe weniger ›Knackpunkte‹. Welch bestürzende Lautmalerei: Ist das Werk ›geknackt‹, blickt man in vielen Fällen auf etwas, das ausschaut wie eine glibberige Auster in der aufgebrochenen Schale. Für Susan Sontag ist Kafka regelrecht zum »Opfer einer Massenvergewaltigung« geworden. Mag sein, dass damit manch biografisches Rätsel auf primitive Weise gelöst ist, die Kunst entfernt sich dadurch nur immer weiter.
Übrig blieb also auch bei den meisten meiner Mitschüler*innen eine beschädigte Literatur und dieser melancholisch dreinblickende Pechvogel als Urheber. Ein verklemmter Tropf, der sich vorm robusten Vater fürchtete, diverse Verlobungen einging, die nie zur Eheschließung kamen, und dessen Fragment gebliebene Prosa uns – angeblich gegen Kafkas Willen – durch Max Brod bekannt gemacht wurde. Max selbst war ein viel produktiverer Autor als Franz. Wer mehr über Kafkas Prag erfahren möchte, wird Brods Erinnerungen ›Prager Tagblatt‹ (1957) mit Gewinn lesen und lernt dabei einen glänzenden Stilisten kennen, der so gar nicht wirkt, als hätte er unter dem Trieb, Kunst zu produzieren, gelitten. Gerade bei Kafkas bestem Freund muss man vorsichtig sein: Viele Stilisierungen haben ihren Ursprung bei Brod. In den Erinnerungen anderer Zeitgenossen zeigt Kafka auch ein verblüffend anderes Naturell: kein lebensunfähiger Neurastheniker, der sich im somnambulen Wahn um die Gesundheit schreibt.
Vielmehr einer, der sich mit den Nöten der Arbeiterklasse identifizierte, der stolz die rote Nelke am Revers trug und als promovierter Jurist für die Arbeiter-Unfall-Versicherung in Prag mit den ›Amtlichen Schriften‹ die Grundlagen im Arbeitsschutz schuf und sich dadurch mit vielen Fabrikanten anlegte. Einer, dessen Rat die Kollegen in Literaturdingen suchten, obwohl seine Urteile gefürchtet waren. Franz Werfel etwa, von dem Kafka stets als »Kleiner Franz« sprach, obwohl dieser eigentlich die Bestseller schrieb und einer der wenigen in Prag war, die vom Schreiben leben konnten, heulte nach Lesungen, wenn der Große Franz das nächste Werk unerbittlich auseinandernahm.

Es ist aber auch dieser für uns Deutsche typische Reflex, tragische Sichtweisen zu bevorzugen. Kafkas zum »Ungeziefer« verwandelte Figur Gregor Samsa ist als Ausgeburt gezeichnet; der runde Rücken passt prima zur Deprivation der Angestellten jener Jahre, die vor den Büroleitern buckeln. Der komödiantische Zug darin, dass einer morgens verschläft und eine Entschuldigung dafür sucht, nicht »aufs Büro« zu gehen, sich heute Morgen nun mal so lausig-käfermäßig fühlt, hat eigentlich viel Witz und man sollte darüber kichern dürfen. Aber nein, das Schalkhafte in vielen Werken Kafkas passt nicht ins traurige Bild, das man in 100 Jahren Schulweisheit von ihm und seinem Werk zementiert hat. Auch die Person Kafka wird von Weggefährten als herrlich albern geschildert. Kafka soll in Theateraufführungen oft völlig deplatziert aufgelacht haben, kriegte sich bei Lesungen vor Prusten kaum ein und die wenigsten konnten sich einen Reim auf sein Amüsement machen. Cringe? Sehr wahrscheinlich! Sein Leben jedenfalls verlief vielleicht tragisch, seine Bücher sind es nicht.
Kafka liebte die Komödie und den Mummenschanz, am liebsten Puppenspiel, das für Kinder auf den Plätzen Prags aufgeführt wurde und das er mit diesen ausdrucksstarken Augen eines erwachsenen Jungen fürs Leben gern sah. Von hier stammen unter anderem die idiotischen Gehilfen, die seinen Protagonisten vom Landvermesser K. in ›Das Schloss‹ bis zu ›Blumfeld, ein älterer Junggeselle‹ das Leben schwer machen. Am Anfang sind diese Peiniger noch zum Beispiel mit Jeremias und Arthur personifiziert, später genügen zwei endnervig auf- und abprallende Pingpong-Bälle. Man kann Kafkas Werke so lange verbiegen, bis sie sich dem Begriff des Absurden bei Albert Camus fügen, oder sie so unfein überdeuten, dass sie die Theorien Freuds bestätigen – oder man lacht befreiend darüber! Schauen Sie sich nur an, wie das Bett in seinen Werken inszeniert wird: Körperliche Vereinigung findet statt, aber nie darin. Es ist sogar ständig im Weg. Um etwa zu seinem Anwalt zu gelangen, muss ›K‹ in ›Der Prozess‹ drübersteigen, weil es in der Enge der Wohnung direkt vor die Eingangstür gestellt wurde. Das ist geradezu eine Satire des Libidinösen.

Wenige wissen, dass Kafka auch Berliner war. Im September 1923 übersiedelte er von Prag nach Berlin-Steglitz, um dort gemeinsam mit Dora Diamant zu leben. Ein kurzes Glück mit dieser so selbstbewussten wie lebenshungrigen Frau war Franz Kafka noch beschieden. Dora und Franz träumten davon, gemeinsam in Tel Aviv ein Restaurant zu eröffnen, aber seine Tuberkulose war zu weit fortgeschritten. Finanzielle Schwierigkeiten nötigten sie dazu, innerhalb weniger Monate mehrmals umzuziehen, ehe Kafka im März 1924 endgültig die Stadt verlassen musste, um sich auf Kur in Österreich zu begeben und dort am 3. Juni 1924 im Sanatorium Hoffmann in Kierling bei Klosterneuburg im Alter von 40 Jahren zu sterben. Ihre Berliner Wohnung war es auch, die von der SA später bei Hausdurchsuchungen verwüstet wurde. Kafka soll Dora viele Manuskripte und alternative Romanfassungen anvertraut haben und es ist nicht zu ermessen, wie viel vom Nachlass unter schweren Stiefeln zertrampelt wurde. Das, was Max Brod retten und veröffentlichen konnte, passte in einen Handkoffer und war offenbar nur ein Bruchteil, der – weniger rätselhaft als angenommen – fragmentarisch bleiben musste.

Kafkas Werke sind und bleiben unheimlich. Unheimlich gut. Zum einen sind sie schon im Ausdruck und Rhythmus der Sätze durchweg eigenwillig formuliert zu bizarren Parabeln, die sich nicht ausdeuten lassen. Das war zum anderen aber auch en vogue zu einer Zeit, in der die Fantastische Literatur einen frühen Höhepunkt erlebte mit spukhaften Werken von Hanns Heinz Ewers, Alexander Moritz Frey oder Alfred Kubin. Zeitgenössische Autoren wie Peter Handke, Abe Kōbō oder Patrick Süskind haben mehr oder minder vergeblich versucht, auch nur den Klang von Kafkas Textur zu faken. Jedoch nicht nur das ›Was‹ der geschilderten Handlung ist grotesk (also etwas, das nicht sein kann oder nicht sein darf) — das ›Wie‹ der sprachlichen Mittel ist es ebenso. Kafka schrieb gewissermaßen in einer Fremdsprache, in einem umständlich wirkenden Deutsch, das in der Hauptstadt des Königreichs Böhmen gesprochen wurde und das auch er erst spät auf dem Gymnasium erlernte. Tröstlich ist, dass Kafka auch für die Tschechen bis heute ein schwieriger Autor ist. In beiden Welten fremdartig. Kommt man im Lesen nicht zurecht, sollte man ihn hören. Da ist nämlich noch mein Französischlehrer zu nennen, der kurzerhand die Objektpronomen zurückstellte, als er von der drohenden Kafka-Klausur erfuhr und uns aus den Erzählungen vorlas. Seither kann ich zum Beispiel die beunruhigende Miniatur ›Eine kleine Frau‹ nicht vergessen. Vielleicht kennt man selbst von der Bushaltestelle oder vom Blick auf den Balkon gegenüber auch diese eine Person, die einen per se nicht mag und der man nicht gefallen kann, die sofort erbost ist, wenn man ihr begegnet, egal wie man sich verhält.

Als besagter Monsieur ›S‹, der für seine cholerischen Ausfälle bekannt war, bemerkte, dass außer mir niemand mehr an seinen Lippen hing, klappte er aufgebracht seine durchgearbeitete Ausgabe der Erzählungen mit den Worten zu: »Das tue ich MEINEM Kafka nicht an!« Ich habe mir dann im Studium und bis heute sehr genau ausgesucht, wer mir überhaupt etwas über MEINEN Franz Kafka sagen darf. Bis auf ein Oberseminar bei einem ausgewiesenen Kafka-Experten (und meinem späteren Doktorvater) habe ich um alle Seminare einen Bogen gemacht und mich schon gar nicht über Kafka prüfen lassen. Ich möchte nicht den Glibber sehen, sondern mir die Illusion von der rabenschwarzen Perle in der Schale erhalten. Da halte ich es dann auch mit dem Philologen Michael Maar. Dem Einzigen, der uns im Jubiläumsjahr ein gutes Angebot gemacht hat. In seiner lesenswerten Dichter- Anthologie ›Leoparden im Tempel‹ fordert er dazu auf, dieses undeutbare Werk weder als Rätsel noch als Geheimnis zu lesen, sondern schlicht als Wunder! Dieser wenngleich »unauflösliche«, bis heute »springlebendige Purzelbaum« sollte Kafka bleiben dürfen! Einer, der den bis heute ergiebigsten Zugang zum Werk erschlossen hat, ist übrigens der nicht minder komplexe Zeichner Robert Crumb. Gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler David Zane Mairowitz schuf Crumb 1993 die Graphic Novel ›Kafka‹: Beeindruckend vollständig, respektvoll, menschlich und dennoch abgründig wird ausgerechnet ein Comic dem Prager Genie gerechter als jede akademische Arbeit (bisher). Darum ist der Berliner Verlag Reprodukt nicht hoch genug zu loben, die deutschsprachige Ausgabe im Jubiläumsjahr verlegt zu haben. Kafka, der sich einmal selbstironisch seiner Dauerverlobten Felice Bauer gegenüber als »ein großer Zeichner« beschrieb, hätte sich sehr darüber gefreut.
Germanistik und Feuilleton hatten 100 Jahre lang Zeit, das Phänomen Kafka zu ergründen. Wir lesen wieder die Originale — und empfehlen die neuesten gezeichneten Auseinandersetzungen:
Franz Kafka: Die Zürauer Aphorismen
Bibliothek Suhrkamp. 2026. 133 Seiten. ISBN: 978-3-518-22408-3; 15 EUR
Franz Kafka: Brief an den Vater. Faksimile im Originalformat
Kampa Verlag. 2019. 240 Seiten. ISBN: 978-3-311-23000-7; 46 EUR
Robert Crumb/David Zane Mairowitz: Kafka
Reprodukt Verlag. 2024. 176 Seiten. ISBN: 978-3-95640-402-3; 9,90 EUR
Franz Kafka: Die Zeichnungen
C. H. Beck. 2022. 368 Seiten, 229 Abb. ISBN: 978-3-406-77658-8; 45 EUR
Hans-Gerd Koch (Hrsg.): Kafkas Familie
Klaus Wagenbach Verlag. 2024. 208 Seiten, 100 Fotografien; ISBN: 978-3- 8031-3738-8; 38 EUR
Nicolas Mahler: Komplett Kafka
Suhrkamp Verlag. 2024. 127 Seiten. ISBN: 978-3-518-47374-0; 18 EUR
Große Kunst
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Vorlaut
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Aus der Gesellschaft
Über die besten Eier, die Welt und Hühnerglück
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