
Beim Betreten der Galerie ist es schwer, den Fokus zu finden. Da ist die sympathische Galeristin Stella Bette, die mich warmherzig empfängt. Und da sind die kraftvollen, ausbalancierten Werke ihres Vaters, von denen jedes einzelne meine Aufmerksamkeit erregt. Obgleich die Motivik abstrakt ist, scheinen sie Botschaften zu senden. Aber wer immer die Werke betrachtet, entdeckt etwas anderes darin. Stella Bette ist mit diesen Chiffren aufgewachsen, die mich an Hieroglyphen denken lassen. Und tatsächlich: »Mein Vater war von den uralten Schrifttafeln fasziniert«, erzählt Stella Bette. »Er sagte immer, die Welt da draußen sei voll von Zeichen, die eine Bedeutung haben.« Weiter berichtet sie aus ihrer Kindheit und Jugend: »Ich kenne meinen Vater vor allem an der Staffelei stehend – tagein, tagaus, manchmal auch nachts.« Der 1942 in Posen geborene Michael Bette war an der Kunstakademie Düsseldorf Meisterschüler von Gerhard Hoehme. 1969 ging er als Stipendiat an das Hornsey College nach London, später arbeitete er in Florenz und Rom, Paris und Singapur. Bis 2011 lehrte er künstlerische Grundlagen an der Fachhochschule Potsdam. Beeinflusst von der ZERO-Bewegung um Heinz Mack und Otto Piene hinterlässt Bette ein künstlerisches Erbe, das im öffentlichen Raum, in Ausstellungen, Sammlungen und Museen gewürdigt wird. Trotz ihrer starken Farbigkeit und üppigen Ornamentik strahlen Bettes Bilder Strenge aus. »Dies liegt an der Klarheit, mit der sie komponiert sind«, erklärt Stella Bette, die in ihrer Wiesbadener Galerie zunächst ausschließlich Werke ihres Vaters zeigt.

Das OEuvre ist auch in Berlin zu sehen, wo der Künstler bis zu seinem Tod 2022 lebte und arbeitete. »Atelier und Wohnung sind eins auf einer gro.zügigen Altbauetage in Charlottenburg und bestehen noch heute«, erzählt Stella Bette. »Mit Vorankündigung lässt sich dort ein Besuch vereinbaren.« Michael Bette hat seiner Tochter einen besonderen Blick auf die Welt gelehrt, hat sie detailverliebt auf das Schöne in der Architektur und Kunst aufmerksam gemacht, insbesondere auf Symmetrie. »In der Natur musste es schon eine Orchidee oder Strelitzie sein, um ihn faszinieren zu können«, so Stella Bette. Sie ist mit der Kunst ihres Vaters aufgewachsen. »Als junge Frau musste ich diese vom Bildungsbürgertum geprägte Welt verlassen. Aber ich bin voll Freude zurückgekehrt und liebe es, mein Wissen dafür zu nutzen, das Gesamtwerk meines Vaters bekannt zu machen.« In wechselnden Querschnitten zeigt ›Bette Gallery‹ die umfassende Sammlung von früheren Zeichnungen bis hin zu radikalen Kompositionen der späteren Schaffensphasen.
Dass sich die Galerie in Wiesbaden befindet, hat zwei Gründe: Erstens zeigte Michael Bette 1980 seine erste Einzelausstellung hier, zweitens liebt die Galeristin selbst diese Stadt. Wie ihr Vater blickt sie fasziniert auf die Ornamentik, die allerorten an den Gebäuden der Gründerzeit zu entdecken ist – entstanden aus einer Kombination von Gestaltungswillen und Handwerkskunst. An den Quellen hat Stella Bette einen perfekten Ort gefunden. »Zunächst habe ich in Private Views langjährige Sammlerinnen und Sammler zusammengeführt«, blickt sie auf das vergangene Jahr zurück. Für die Öffentlichkeit hat sie die Galerie dann im November geöffnet. »Ich verstehe die ›Bette Gallery‹ als einen Ort, der zum Dialog über Kunst einlädt – egal ob Kunstprofi oder Laie, ob mit echtem Kaufinteresse oder einfach nur aus Neugier. Hier darf man ohne Schwellenangst hereinspazieren.« Dass in der ›Bette Gallery‹ jede Person so sein darf, wie sie ist, passt gut zu der ausgestellten Kunst. Denn darin darf jede sehen, was sie will.
Schauen Sie unbedingt bei der ›Kurzen Nacht der Galerien und Museen‹ in Wiesbaden am 5. April vorbei!
BETTE GALLERY
Stella Bette
An den Quellen 2, 65183 Wiesbaden,
0172 5303676
Öffnungszeiten: Di–Fr 14–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr und nach Vereinbarung
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