
»Ich liebe die Vergangenheit, ich lebe die Gegenwart mit meinem ganzen Wesen und ich strecke mich nach vorne in die Zukunft.«
Iby Lippold empfängt mich in ihrem Atelier mit Jasmintee und Keksen. An den Wänden hängen filigrane Stickereien, etwa eine beeindruckende Interpretation der Mona Lisa, die aus Kreisen mit unterschiedlich dicken Linien besteht. Wie mir Lippold verrät, ist dieses Kunstwerk laut einer Freundin aus China auf der chinesischen Social-Media-Plattform ›Xiaohongshu‹ sehr beliebt.
Künstlerische Anfänge und verlorene Entwürfe
Vor meinem Besuch habe ich sorgfältig recherchiert und auf ihrer Webseite erfahren, dass sie schon als Kind Kleidungsstücke gezeichnet hat. Ich frage sie danach, ob sie diese Entwürfe jemals als Erwachsene realisieren konnte. »Das ist leider alles verloren gegangen«, erklärt Lippold. »Ich konnte damals nicht einschlafen, ohne diese Ideen aufzuzeichnen. Aber was ich auf der Webseite nicht erwähnt habe, ist, dass ich schon als Kind Lehrerin werden wollte.« Dieser Wunsch hat sich erfüllt.
Lunéville-Stickerei in Deutschland lehren – eine Besonderheit
Heute bietet Lippold Kurse in der französischen Haute-Couture-Technik der Lunéville-Stickerei an – als eine von wenigen in Deutschland. Erlernt hat sie diese Technik an der berühmten ›École Lesage‹ in Paris. Welche Lektion sie besonders geprägt hat, beantwortet Iby mit einer Anekdote: »Meine erste Arbeit war eine Libelle, aber ich war so verkrampft, dass ich die Seide zerrissen habe. Meine Lehrerin hat ein Stück Seide hergeschnitten, es auf die Rückseite geklebt und gesagt: ›Jetzt stickst du weiter.‹ Sie hat mir die Angst genommen, Fehler zu machen, und das ist das Beste, was man lernen kann.«

Kunsthandwerk für alle zugänglich machen
Heute steht sie als Lehrerin vor eigenen Herausforderungen. »Die Lunéville-Stickerei kommt aus Frankreich und ich möchte sie nicht dort lassen. Jeder Student muss sich das leisten können«, betont Lippold. »Ich will sie einfach zugänglich machen, das ist die größte Herausforderung. Ich habe ein Bild aus Frankreich auf meinem Computer, da waren zwei Damen auf der Straße, um sie herum Matsch und Staub und sie haben da gestickt. Das wünsche ich mir auch, dass es jeder lernen kann.« Sie führt aus, dass sie ein Lexikon für die Lunéville-Stickerei sein möchte, denn ein solches gibt es auf Deutsch bislang nicht.
200.000 Stiche und ein fast unmögliches Projekt
Ich erkundige mich, was ihre bisher aufwendigste Stickerei war. »Mein Pferd. Die Technik ist eigentlich unser Grundstich, der ›Chain Stitch‹, aber der Schwierigkeitsgrad ist wie bei einem Algorithmus. Ich habe unten angefangen und bin wieder bei demselben Punkt gelandet. Insgesamt waren es über 200.000 Stiche und ich bin dabei fast blind geworden. Ich kenne Künstlerinnen, die gesagt haben: ›Iby, ich dachte, ich bin verrückt, aber du bist wahnsinnig‹«, lacht sie.

Warum traditionelles Kunsthandwerk Zukunft hat
Ich erinnere mich an ein Zitat von Ibys Webseite, das vom Meister der Lunéville-Stickerei François Lesage persönlich stammt: »Ein Land, das seine Handwerkskunst verliert, ist ein Land, das stirbt.« Wie ordnet Lippold traditionelles Kunsthandwerk in den kulturellen Kontext unserer Zeit ein? Sie erwidert, dass diese Frage aus ihrem Herzen spricht und sie fast täglich beschäftigt: »Das ist wie der Titel eures Magazins, ›VivArt‹ – die Kunst soll leben. Ich komme aus der Buchhaltung und als ich angefangen habe zu unterrichten, habe ich eine fantastische Welt betreten, mit Menschen, die lebendig sind und vor Ideen sprudeln. Kultur kann nur durch Kunstwerke leben. Was schauen wir uns heute in Museen an? Das sind Bilder, die uns die Vergangenheit zeigen. Bei Lesage gibt es 70.000 Stickmuster. Die Zukunft wird durch unsere Vergangenheit geformt, das heißt, wir nehmen diese Stickmuster und formen, was heute und morgen kommt. Wenn Kultur, Identität und Tradition verloren gehen, muss man graben, bis man die Wurzeln wiederfindet. Ich liebe aber auch kulturelle Vielfalt, Computer und KI und experimentiere gerne damit, das widerspricht sich nicht. Ich liebe die Vergangenheit, ich lebe die Gegenwart mit meinem ganzen Wesen und ich strecke mich nach vorne in die Zukunft.«
Inspiration zwischen Perlen, Popkultur und Filmkostümen
Nach dem Gespräch führt Lippold mich durch ihr Atelier und zeigt mir zarte Fäden sowie Pailletten und Perlen in allen Farben. In einer Schublade bewahrt sie Inspirationen aus den unterschiedlichsten Quellen auf – darunter eine Brottüte aus einem Supermarkt, bedruckt mit Zeichnungen von Gebäck. Schließlich greift Iby in ihr Bücherregal und zieht einen Bildband mit filigranen Kostümen von ›Game of Thrones‹ hervor. Sie verrät mir, dass sie selbst einer Schülerin bei Kostümstickereien für den ›Tribute von Panem‹-Film ›The Ballad of Songbirds and Snakes‹ geholfen hat.
Alles ist möglich, wenn man beginnt
Zum Abschied drückt mir Lippold einen Flyer in die Hand, auf dem in großen Lettern steht: »If you can put the thread in the needle, you can do anything!« Zu Deutsch: Wenn du den Faden in die Nadel führen kannst, kannst du alles. Das kann ich, denke ich mir beim Verlassen des Ateliers und fühle mich neu inspiriert. Denn alles ist möglich – solange man es beginnt.

VivArt Service
Haute-Couture-Stickerei-Kurse bei Iby Lippold:
›Tenderness‹
Kursgebühr: vor Ort 1.350 Euro (enthält Materialkosten), online 450 Euro
›Poppies‹
Kursgebühr: vor Ort 1.450 Euro (enthält Materialkosten)
›Butterflies‹
Kursgebühr: vor Ort 1.550 Euro (enthält Materialkosten)
Buchungen und Nachfragen auf WhatsApp unter: 0177 9277698
Iby Lippold
Kunsthandwerk-Trainerin
Hollerbornstraße 50B
65197 Wiesbaden
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