
Lieber Herr Ackermann, Wiesbadens Innenstadt kommt momentan bei den eigenen Bewohnerinnen und Bewohnern oft nicht gut weg. Die Themen Sicherheit, Leerstand, Sauberkeit, aber auch Lärm und Verkehr spielen eine große Rolle. Was wird sich hier ändern, wenn es nach Ihnen geht?
Ich teile die Einschätzung nicht, dass die Wiesbadener momentan nicht gut über ihre Stadt sprechen. Klar gibt es Klagen und Anlass für Kritik, aber das ist kein originäres Wiesbaden-Problem, sondern in allen Großstädten zu finden. Es ist ein Stück weit normal, dass da, wo viele Menschen zusammenleben, es viele unterschiedliche Meinungen und deshalb öfter Diskussionsbedarf gibt. Am Ende ist das auch ein Beleg dafür, dass sich die Menschen für ihre Stadt interessieren: Wenn es ihnen egal wäre, würden sie sich vermutlich nicht äußern. Nichtsdestotrotz nehmen wir die angesprochenen Themen sehr ernst, da sie alle Bestandteile des Transformationsprozesses sind, den unsere Innenstädte derzeit durchlaufen. Es gibt viele Faktoren, die unsere Städte seit einigen Jahren verstärkt prägen: die Digitalisierung, der Klimawandel und der demografische Wandel, die Migration, der Wertewandel und viele mehr. Die Palette der Einflussgrößen ist breit und entsprechend komplex gestalten sich die Auswirkungen auf unsere Städte und beeinflussen nicht nur unser individuelles Verhalten, sondern auch politische Entscheidungen. Ich spüre quer durch die Bevölkerung ein sehr großes Interesse daran, unsere Innenstädte als gelernte Zentren und Treffpunkte, als Orte des Gemeinschaftserlebnisses und des Austauschs auch in Zukunft zu erhalten und nutzen zu können. Insofern glaube ich, dass wir in gemeinschaftlichen partizipativen Prozessen Lösungen für alle angesprochenen Punkte finden werden.
Grüne Innenstädte, Bäume, gute Luft und Verkehrsberuhigung scheinen nur auf den ersten Blick wirtschaftlichen Interessen im Wege zu stehen. Viele Städte zeigen bereits, dass weniger Autoverkehr, clevere Radwege und mehr Aufenthaltsmöglichkeiten für die Menschen keinen Interessenkonflikt bedeuten müssen, sondern perspektivisch einen Mehrwert bieten. Welchen Weg müssten wir in Wiesbaden verfolgen?
Ich glaube, dass die angesprochenen Punkte auch heute schon auf große Akzeptanz und Zustimmung in der Bevölkerung, Politik und Wirtschaft Wiesbadens stoßen und deshalb auch hier Planungen und Strategien sehr stark beeinflussen. Meiner Ansicht nach müssen wir uns aus kommunaler und politischer Perspektive vor allem um die Schaffung guter Rahmenbedingungen kümmern: Eine Stadt, die man gern und häufig besucht, in der man sich gern aufhält, einkauft und konsumiert, wird eine Stadt sein, die prosperiert, die für Einzelhandel und Dienstleister interessant ist, in der Investoren gern ihr Geld anlegen und in der man gern und gut lebt. Bei all dem sollte man nicht vergessen, dass wir von Prozessen reden, die mitunter auch Zeit brauchen, um umfänglich umgesetzt und schließlich auch akzeptiert zu werden.
Menschen lieben einfache Antworten und doch ist die Aufgabe komplex, wenn es darum geht, dass Sie den verschiedenen Interessen gerecht werden wollen. Welche Aufgaben werden priorisiert?
Vor rund drei Jahren wurde der ›Masterplan Innenstadt‹ verabschiedet, der, basierend auf einer Bestandsaufnahme des damaligen Ist-Zustands, umfangreiche Handlungslinien beinhaltet, die das Citymanagement mittels konkreter Projekte umsetzt. Hierbei hilft uns derzeit das Bundesförderprogramm ›Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren‹, mit dem wir schon einige Projekte realisieren konnten, etwa. die viel geliebten Hollywood-Schaukeln am Dern’schen Gelände oder ganz aktuell, der Wasserspielplatz am Luisenplatz. Die vier großen Handlungsfelder sind dabei Mobilität und Verkehr, Attraktivität, Gestaltung, Erlebnis. Ein weiteres Thema, quasi eine Daueraufgabe, ist der Klimawandel, bzw. seine Auswirkungen in der Stadt und wie wir damit umgehen können. Eine Priorisierung vorzunehmen, gestaltet sich einigermaßen schwierig, weil sich in vielen Bereichen eine Erwartungshaltung aufgebaut hat, siehe Social-Media-Kanäle. Insofern bemühen wir uns im Citymanagement-Team darum, mit möglichst vielen Interessensgruppen ins Gespräch und idealerweise auch in vielen Bereichen schon in die Projektarbeit zu kommen. Mir persönlich liegt unsere Fußgängerzone am Herzen, da sie wie ein Brennglas viele Herausforderungen Wiesbadens auf engstem Raum bündelt. Sie ist die gute Stube unserer Stadt und daher besonders im Fokus.
Unsere Innenstadt ist ein Juwel, nicht nur die historische Architektur ist bemerkenswert, sondern auch die Grünanlagen. Wie lässt sich diese Schönheit bewahren, ohne alles Neue zu verhindern?
Ich bin mir absolut sicher, dass das möglich ist! Städte haben sich schon immer weiterentwickelt und gerade dann, wenn man zunächst ratlos auf Herausforderungen geschaut hat, haben sich grandiose neue Ideen entwickelt. Ermutigende Beispiele finden sich viele im In- und Ausland. Etwa in New York, wo eine ungenutzte Hochbahntrasse in den High-Line-Park umgewandelt wurde, oder der Hamburger Feldstraßen-Hochbunker, der komplett begrünt wurde und sich zum Publikumsmagnet entwickelt hat. In Barcelona wurden ebenfalls unattraktive Großwohnviertel wieder zu lebenswerten Orten umgestaltet oder denken Sie an Kopenhagen, das man seit einigen Jahren konsequent zur lebenswerten Schwammstadt umbaut. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern, oft sind es auch kleinere Maßnahmen, die große Wirkung für die Stadt entfalten.
Vielen Dank für das Gespräch

Jens Ackermann
Leiter der Stabsstelle Citymanagement citymanagement@wiesbaden.de
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