
Lieber Herr Obermayr, wir haben in der aktuellen Ausgabe das Titelthema Werte, und Ihnen war es dennoch wichtig, einmal explizit über die Digitalisierung an Ihren Schulen zu sprechen. Warum?
Wir erleben derzeit eine Digitalisierungseuphorie. Wir tendieren dazu, Digitalisierung bzw. das, was damit einhergeht, als grundsätzlich positiv zu bewerten. Sei es das Tablet als Heftersatz oder das große 86-Zoll-Display als Tafelersatz. Im Bereich der Schulverwaltung leistet die Digitalisierung große Dienste. Elternrundmails, Terminvereinbarungen, das digitale Klassenbuch, das Entschuldigungsmanagement, die Lernplattform, der breite Einsatz von Videokonferenzen, auch hybrid, all das sind unschätzbare Effizienzbeschleuniger. Niemand will mehr darauf verzichten. Für viele Eltern scheint das Tablet als Heftersatz die moderne Variante zu sein. Mit ähnlichen Argumenten: einfacher, bequemer, schneller. Nicht zuletzt, weil man alles an einem Ort hat: Schulbücher als E-Books, Hefte als Textdateien, Arbeitsblätter, die in der Schul-Cloud verfügbar sind, Lern-Apps und -portale, Videos, Taschenrechner, Wörterbücher, Suchmaschinen und natürlich der jederzeitige Zugriff aufs Internet. Kein morgendliches Ranzenpacken und abendliches Aussortieren – ein Laptop, das wars.
Ein Unterricht, der diese Möglichkeiten nutzt, verspricht eine stärkere Motivation der Schülerinnen und Schüler sowie eine größere Vielfalt der Unterrichtsmethoden und der Lernmaterialien für die Lehrkräfte. Und im Zweifel helfen Lehrer Schmidt oder der Klassenchat. Eine größere Anschaulichkeit, immersive Verfahren der virtuellen Realität, direktes Feedback über den Lern- bzw. Wissenserfolg sind Aspekte, die das Versprechen eines effektiveren Lernens noch verstärken.
Und dennoch haben das konventionelle Schulheft, das Buch und die Kreidetafel durchaus weiterhin eine Daseinsberechtigung. Bildung als Wert zeigt sich nicht nur darin, digitale Geräte zu nutzen und Informationen zusammenzutragen. Bildung vollzieht sich auch im Durchlaufen bestimmter mühsamer Prozesse, sei es die Arbeit mit Stift und Papier oder die Entstehung eines ansprechenden Tafelbildes mit klassischer Kreide. Ich verweise dabei gerne auf die Flexibilität des guten alten Overheadprojektors, der viel Raum für Spontanität im Unterricht bot. Nur: Wenn man Digitalisierung in Schulen als Mehrwert? dies äußert, wird man von Eltern als ›verstaubt‹ wahrgenommen. Eltern sagen dann gerne: »Das Tablet haben wir doch unserem Kind extra gekauft, damit es besser in der Schule mitarbeiten kann.« Gegen dieses Argument kommt eine einzelne Lehrkraft nur schwer an. Und doch muss man den Einsatz digitaler Geräte im Unterricht begrenzen und vor allem. Man muss die Nutzung organisieren.
Was meinen Sie damit?
Mit der naiven Zulassung von Tablets im Unterricht haben wir ein ganzes Konglomerat aus Einstellungen, Werthaltungen, Gewohnheiten und Üblichkeiten des privaten Lebens in die Schule importiert. Schülerinnen und Schüler haben sich bis zur Einführung des Tablets im Unterricht bereits ein breites Repertoire von Nutzungen angeeignet, etwa Instagram, TikTok, Snapchat, Clash of Clans, Minecraft, YouTube, Spotify, WhatsApp, Telegram. Was immer als instrumentelle Software der schulischen Bildung im Unterricht eingesetzt wird, sie kommt in einem technischen Raum zur Anwendung, der vorab schon von erheblicher Konkurrenz besetzt ist. Ich warne vor diesen digitalen Freiheiten, zumal die Abiturprüfung nach wie vor konventionell geschrieben wird. Mit einem Stift und einem Stapel Papier, den es zu füllen gilt. Das gesamte Aufgabenset ist analog und eben nicht digital und zudem gelten die Rechtschreibregeln nach Duden, die hier nicht durch Autokorrektur umgesetzt werden und im schlimmsten Fall zu einem Punkteabzug führen. Das gilt für alle Fächer, nicht nur für Deutsch und die Fremdsprachen.

Foto: Monika Werneke
Verderben Tablets das Schreiben?
Schreiben ist – wie das Lesen auch – eine elementare Kulturtechnik. Beides will gelernt sein. Das Erlernen des Schriftalphabets, die Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und der Ausdruck stehen im Vordergrund. Aufsatzformen wie Erzählen, Berichten, Beschreiben, Charakterisieren, Vergleichen, Analysieren, Erörtern und Diskutieren stehen für funktionale Textformate, mit denen die Schreibkompetenz über Schuljahre hinweg vertieft und erweitert werden soll. ›Schreibkompetenz‹ im Hessischen Bildungsplan meint vor allem Textproduktion. Gute Texte zu produzieren ist alles andere als einfach. Man muss sich klarmachen, dass solches Schreiben auf einer Basis aufsetzt, die in höheren Klassen oft nicht mehr adäquat reflektiert wird. Schon jetzt weisen einschlägige Studien auf gravierende Folgen mangelnder Textproduktion hin. Das betrifft nicht nur die Rechtschreibung, sondern meint im Kern die funktionalen Textformate.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, dieser Entwicklung entgegenzutreten?
Zum einen die Aufklärung darüber, welchen Nutzen, aber auch welche Risiken die Digitalisierung bietet. Dafür eignen sich Elternabende, Informationsveranstaltungen, Gespräche mit dem Schülerrat und eine breite Einbindung der Lehrkräfte in diesen Prozess, denn auch dort ist die Meinung alles andere als einhellig. Ein schulisches Mediennutzungskonzept muss den genannten Punkten in sinnvoller Weise Rechnung tragen und diese Regelungen müssen schuleinheitlich umgesetzt werden. Zum anderen sind Angebote in der Schule zu schaffen, um die Lese und Schreibfreude anzuregen. Wir haben an unserer Schule ›Schreibwerkstätten‹ eingerichtet. Sie haben die Aufgabe, alle Schülerinnen und Schüler für das Projekt ›Schreibkompetenz entwickeln‹ zu fördern. Wir wollen Einzelne nicht stigmatisieren und richten deshalb nicht nur Förderkurse für die ›Bedarfsgruppe‹ ein. Viel besser ist es, ein breites Bewusstsein fürs Schreiben und für die Handschrift zu fördern. Deshalb gibt es auch einen Kurs ›Handschrift‹ an unserer Schule in Erbenheim. In der Grundschule Bierstadter Straße ist Heftführung und Handschrift ein eigener Bewertungsbereich, der auch im Zeugnis ausgewiesen wird.
Wo sehen Sie die Chancen des Digitalen für die Schülerinnen und Schüler?
In einer sinnvollen Verschränkung von analoger und digitaler Welt. Das eine schließt das andere nicht aus. Digitalisierung von Informationsprozessen führt zur Zeitersparnis. Diese Zeit wird für das konkrete Lernen frei. Eine gute Buch- und Schreibheftorganisation schließt die Digitalisierung nicht aus. Wer analog gut organisieren kann, wird auch in der digitalen Welt strukturierter Dateien verwalten und eigene Lernpläne anlegen. Das gilt genauso für das Kopfrechnen und die Fähigkeit einer gezielten Informationsrecherche im Internet. Die Fähigkeiten ergänzen sich, wie das auch bei menschlicher Intelligenz und künstlicher Intelligenz sichtbar wird. Wir müssen erreichen, das Ablenkungspotenzial von privat verwalteten Laptops zu reduzieren. Dort, wo wir geschlossene Systeme haben, Lernprozesse standardisieren können, Auswertungen über den Lernstand erhalten und individuelle Förder- und Lernpläne erstellen können, ist die Digitalisierung einschließlich ChatGBT ein Hoffnungsträger für uns Lehrkräfte. Schule sollte weiterhin der Ort sein, an dem das Lesen und das Schreiben mit der Hand sowie die davon abhängige Fähigkeit, auch umfangreiche Texte zu produzieren, für alle Lernenden eine zentrale Rolle spielt. Das Digitale bahnt sich seinen Weg, weil es sich im Hinblick auf den Bildungsprozess nicht so mühsam anfühlt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Kunst
Junge Fotografie und mehr
Vorlaut
Life doesn’t frighten me
Café & Kuchen
Frische Ideen, superleckeres Brot und mehr– Bäcker Dries neu gedacht
Retten statt wegwerfen
»Nur das Beste«
Kunst & Kultur
Junge Fotografie und mehr
Vorlaut
Life doesn’t frighten me
Essen & Trinken
Fine oriental Food
Hinter dem Roséglas
Über die besten Eier, die Welt und Hühnerglück
Wo Eleganz Wurzeln schlägt
Leckere Rezepte
Auberginen-Ziegenkäse-Türmchen mit Honig-Thymian
Geschmurgelte Kichererbsen und Zwiebel mit Feta und Oregano
Spargel und Radieschen vom Grill mit Burrata und Zitronendressing
Gaumenschmaus à la Ukraine
Mode & Fashion
Mode – Kunst der Kommunikation
EIN ZIMMER VOLLER UNIKATE