Un Randonneur pour moi!

Randonneure gibt es heute weltweit. Selbst in Deutschland wird der Randonneur-Stil über die Audax Randonneurs Allemagne (ARA) gepflegt und organisiert.

Illustration from 19th century

In Michel Houellebecqs neuem Roman ›Vernichten‹ denkt ein Akteur liebevoll an sein Randonneur der Jugend, ein Rad mit Rennlenker, aber trotzdem mit
Schutzblechen und sogar Gepäckträger. Angeblich eine Zwischenform, die aus dem Handel leider verschwunden sei. Dirk Becker mit einer Begriffsklärung und warum Houellebecq offenbar kein Sportsmann ist. 

Ein Randonneur ist ein schnelles Fahrrad für sportliche Reisen und lange Touren. Meist handelt es sich um Reiseräder mit einer sportlichen Geometrie, auch mit Eigenschaften und Komponenten vom Trekkingrad oder dem Mountainbike. Heute würde man wahrscheinlich mit dem Begriff ›Gravel-Bike‹ auf Google-Suche gehen und tolle Ergebnisse finden. 

Doch blicken wir einmal zurück, denn so neu ist das Graveln nicht: Das ehemalige Radrennen ›Paris–Brest–Paris‹ wurde 1931 in eine Langstreckenfahrt ohne Renncharakter umgewandelt und sodann als randonnée à vélo – als Radwanderung – bezeichnet.

Statt Wertungen gab es nur noch ein Zeitlimit. Die Ausrichtung dieser Langstreckenfahrt begründete eine eigenständige radsportliche Kultur. Während Radrennfahrende auch schon damals versuchten, lange Strecken mit Höchstgeschwindigkeiten zu fahren, stand bei der Ausrichtung von Paris–Brest–Paris als Langstrecken-Radwanderung das Fahren der großen Distanz von etwa 1.200 km ohne Hilfe von außen im Vordergrund. Die erstmalige Ausrichtung dieser Radwanderung fand große Beachtung in der Öffentlichkeit. Seither hat sich eine radsportliche Langstrecken-Kultur entwickelt, die den Begriff der ›randonnée‹ weiterhin verwendet. Konsequenterweise bezeichnen sich die Fahrenden als ›Randonneure‹, also (Rad-)Wandernde Dass sich ein Randonneur im Gegensatz zum Radrennfahrer nicht so sehr am wettkampfmäßigen Betreiben des Radsports orientiert, sondern die physischen und psychischen Herausforderungen einer extrem belastenden Langstreckenfahrt bestehen will, ist nicht minder lobenswert.

Bei Houellebecq wird die französische Landschaft des Haut-Beaujolais als friedvoll beschrieben: »Man erkannte weder etwas Männliches noch etwas Weibliches darin, sondern etwas Allgemeines, Kosmischeres. Noch weniger glich sie dem zänkischen und rachsüchtigen Gott des Alten Testaments, der mit seinem auserwählten Volk ständig im Streit lag. Es war eher eine pflanzliche Gottheit, die wahre Gottheit der Erde, ehe die Tiere erschienen waren und angefangen hatten, ihr Unwesen zu treiben. Die Gottheit ruhte jetzt, in der Stille dieses schönen Wintertags, es ging nicht der leiseste Windhauch; aber in einigen Wochen würden das Gras und 

die Blätter zu neuem Leben erwachen, sich an Wasser und Sonne nähren, vom Wind bewegt werden. Immerhin gab es doch, zumindest glaubte er sich daran zu erinnern, eine Art Fortpflanzung bei den Pflanzen, mit männlichen und weiblichen Pflanzen, Wind und Insekten spielten dabei eine Rolle, andererseits vermehrten sich die Pflanzen mitunter durch schlichte Teilung oder indem sie neue Wurzeln in die Erde trieben, offen gestanden erinnerte er sich nur entfernt an die Pflanzenbiologie, aber in jedem Fall setzte sie eine weniger spannungsgeladene Dramaturgie in Gang als Hirschkämpfe oder Wet-T-Shirt-Wettbewerbe.«

So könnte man auch die Randonneure mit den Testosteron-geballten Rennradfahrern vergleichen, die kein Lächeln auf den Lippen haben und auch kein ›Grüß Gott‹ über selbige bringen. Die einen eher genießend, die anderen eher kompetitiv. 

Randonneure gibt es heute weltweit. Selbst in Deutschland wird der Randonneur-Stil über die Audax Randonneurs Allemagne (ARA) gepflegt und organisiert. Langstreckenradfahrende gehören keiner kommerziellen Vereinigung an, darum wird in diesem Zusammenhang auf Sponsoren und jede Art von wirtschaftlicher Beteiligung verzichtet. Die organisierten Fahrten heißen ›Brevets‹, und es handelt sich oft um Strecken, die vollständig bei Tageslicht und ohne Schlafpausen absolviert werden können. Houellebecq wurde noch bei keiner Ausfahrt gesichtet. Es darf vermutet werden, dass gemäß dem Motto ›Don’t drink and drive‹ Houellebecq ein verantwortungsvoller Mensch ist, der sich und andere nicht gefährden will. Aber falls wir mit VivArt jemals eine Fahrt mit viel französischem Rotwein bei der Einkehr am Abend organisieren werden, wird er unser Ehrengast sein. 


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