Das Gras ist immer grüner: Warum Perspektivwechsel glücklich machen

›Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite‹ – das Motto unserer Sommerausgabe beschreibt nicht nur Neid, sondern die Sehnsucht nach Veränderung, Perspektivwechsel und echtem Glück im Hier und Jetzt.

»Die Ernte ist auf fremden Feldern immer fruchtbarer«, wusste Publius Ovidius Naso bereits vor über 2.000 Jahren in der ›Liebeskunst‹ zu dichten. Bei den Angelsachsen wurde das geflügelte Wort zu: ›Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite des Zaunes‹. Die moderne Psychologie kennt sogar ein ›The grass is always greener‹-Syndrom. Doch dieser Satz birgt eine tiefere, fast philosophische Dimension. Er kann auch als Einladung gelesen werden: nicht zum Vergleichen, sondern zum Wiederentdecken dessen, was man bereits hat. Oder: nicht als Kritik am Hier, sondern als Chance für das Dort.

»Neid und Missgunst für 99 Euro am Tag.«
– Claim von Springer & Jacoby für den Leih-Porsche von Sixt


Der Kinderbuchautor Janosch erzählt in ›Oh, wie schön ist Panama‹ von einem kleinen Tiger und einem kleinen Bären, die von Panama träumen, nachdem sie eine nach Bananen duftende Kiste gefunden haben. Sie brechen auf, begegnen Tieren und verirren sich aufgrund falscher Hinweise. Am Ende landen sie unbemerkt wieder zu Hause, halten es für Panama, reparieren ihr Haus – und sind glücklich im vermeintlichen Traumland.

Warum Zufriedenheit heute so schwerfällt

Was Kinder intuitiv verstehen, fällt vielen Erwachsenen erstaunlich schwer. Sie träumen unentwegt weiter – nicht nur von Panama, sondern vielmehr vom eigenen Haus, Boot, Auto, Flugzeug oder gar der Reise ins All. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn sie dabei zufrieden wären. Doch interessanterweise ist der Glücklichkeitsindex in Deutschland nicht besonders hoch, und das Schimpfen auf die eigene Heimat wird lauter und lauter. Dabei dachte ich immer, dass es uns unglaublich gut geht. Der deutsche Dramaturg und Theaterautor Carl Hegemann schrieb darüber schon vor vielen Jahren in einem kleinen Werk. »Dunkle Machenschaften, Lüge, Manipulation, verhindern das richtige Leben. Irgend jemand, ein Mensch, eine Organisation, ein System, hat es auf mich abgesehen und pfuscht in meinem Leben herum. Bei genauem Hinsehen stellen wir fest: Wir selbst sind schuld an der Misere. Denn in der ›Neuen Ökonomie‹ und in den Zeiten der Verwahrlosung ist jeder für seine Wahrheit selbst verantwortlich, jeder sein eigener Unternehmer, frei und selbstbestimmt, von keiner höheren Wahrheit oder Lüge beschränkt. Wir sind es, die versagen, die nicht in der Lage sind, die neue Freiheit zu nutzen Andere schaffen es, und wenn es nur einer von Tausenden ist. Diese Einsicht führt geradewegs in die Depression und in die Krise, privat und ökonomisch.«

Und wie kommen wir wieder aus der Krise heraus?

Oder anders formuliert: Warum fällt es vielen Menschen so schwer, dort glücklich zu sein, wo und wie sie gerade sind? Wäre es denkbar und hilfreich, wenn das ›andere Grün‹ für uns gar keinen Gegenpol mehr darstellte, sondern eine Chance? Schließlich ist der Perspektivenwechsel eine der ältesten Bewegungen des Denkens. Schon Heraklit wusste: »Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.«
In der Forschung sprechen die beiden Psychologen Niels van de Ven und Marcel Zeelenberg von ›benign envy‹: einem wohlwollenden, anspornenden Neid, der durchaus leistungsfördernd sein kann. Vielleicht brauchen wir genau das, um aus dem alltäglichen Mimimi herauszukommen?

»Jeder wäre gern Cary Grant. Sogar ich wäre gern Cary Grant.«
– Cary Grant

Wenn alles im Wandel ist, sind wir es zwangsläufig auch – Bewegung tut gut. Wer stehen bleibt und sich im eigenen Unglück suhlt, verpasst nicht nur die Veränderung der Welt, sondern auch die eigenen Möglichkeiten.
Doch noch ein Blick zurück, bevor es gedanklich nach vorn geht. Einer der ganz Großen, wenn es um Weltverachtung und die Konsumkritik ging, war der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau. Sein ›Walden‹ ist Kult. Darin beschreibt er sein einfaches Leben am Walden-See – und stellt doch eine viel grundsätzlichere Frage: Warum braucht der Mensch die Natur?

»Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte,
um nur den wesentlichen Tatsachen des Lebens gegenüberzustehen und zu sehen, ob ich nicht lernen könnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn ich sterbe, einsehe, dass ich nicht gelebt hatte.«
– Henry David Thoreau


Thoreaus Antwort ist klar: Die Natur ist kein Luxus, sondern ein Gegenüber, das uns hilft, uns selbst zu verstehen. In der Stille der Natur reduziert sich das Leben auf das Wesentliche – und genau darin liegt, seiner Meinung nach, ihre Kraft.
Philosophisch betrachtet erfüllt die Natur mehrere zentrale Funktionen: In ihr fallen viele gesellschaftliche Rollen weg. Ohne Lärm, Tempo und Erwartungen wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen. Thoreau sieht darin eine Chance zur Klarheit: Wer draußen ist, erkennt, was wirklich zählt. Die Natur ist die Gegenwelt zur Beschleunigung.

Natur als Gegenwelt zur Beschleunigung

Schon im 19. Jahrhundert kritisierte Thoreau die zunehmende Hektik der Gesellschaft. Heute würde er vermutlich schlicht verrückt werden. Die Natur wirkt hier wie ein Gegengewicht – sie folgt eigenen Rhythmen, unabhängig von Terminen und Produktivität. Natur eröffnet einen Raum, in dem Besitz und Status an Bedeutung verlieren. Doch warum hilft uns diese Lektüre heute noch? Weil wir selbst im 21. Jahrhundert hier noch mitten im Grün leben, umgeben von Natur, die einlädt, entdeckt zu werden. Nicht unbedingt allein, sondern gern mit Familie, Freunden und Menschen, die lieber andere Menschen, Tiere und Bäume als Displays betrachten.

Das Glück liegt oft näher als gedacht


Wenn man es hier im Sommer nicht schafft, zufrieden zu sein – wo sonst? Das Glück liegt quasi vor der Haustür. Die Rhein-Main-Region ist mit den urbanen Linien Frankfurts und den weichen Landschaften des Umlands ein Raum, der zum Übergang einlädt. Der Main, der sich ruhig durch die Region zieht, verbindet nicht nur Orte, sondern auch Perspektiven. Er ist Grenze und Brücke zugleich. Wer ihm folgt, entdeckt nicht nur neue Wege, sondern auch neue Blickwinkel auf das Vertraute.
Ein Ausflug in den Rheingau, wo sich die Weinberge teils sanft, teils steil zum Rhein hinabziehen, verändert den Blick auf die Zeit. Eingebettet in Zyklen von Wachstum und Reife wird Zeit zur Quality Time. Gleiches gilt für den Taunus, dessen Wälder eine stille Tiefe ausstrahlen – ein Gegenraum zur Beschleunigung des Alltags. Es sind keine spektakulären Ortswechsel, sondern feine Verschiebungen, die das Erleben intensivieren.


»Nicht der Ort bestimmt das Glück, sondern die Art, wie wir ihn wahrnehmen.« – Arthur Schopenhauer.

Ein Gedanke, der den Kern trifft: Das ›grünere Gras‹ ist oft eine Frage der Aufmerksamkeit. Wer sich auf die andere Seite begibt, entdeckt nicht nur Neues, sondern lernt auch, das Bekannte anders zu sehen. Der Perspektivenwechsel wirkt zurück – wie ein Spiegel, der uns uns selbst klarer erkennen lässt.

Warum Perspektivwechsel uns verändern


Friedrich Nietzsche formulierte es wie stets radikal: »Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.« Das Unbekannte, das Andere, ist nicht immer bequem. Es fordert uns heraus, irritiert, bringt Bewegung ins Denken. Doch gerade darin liegt seine Kraft. Wer sich nur im Vertrauten bewegt, bleibt in sich selbst gefangen. Erst die Begegnung mit dem Fremden öffnet Räume. Die Natur wird dabei zur Lehrmeisterin. Johann Wolfgang von Goethe nannte sie »das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt bietet«. In den Auenlandschaften des Mains, in den Streuobstwiesen oder auf den Höhenzügen des Taunus lässt sich diese Erfahrung unmittelbar machen. Hier zeigt sich, dass Vielfalt kein Gegensatz ist, sondern ein Zusammenspiel. Dass jede ›andere Seite‹ Teil eines größeren Ganzen ist.

Das Gras ist immer grüner – weil es anders wächst


Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieses Satzes: Das Gras ist nicht deshalb grüner, weil es besser ist – sondern weil es anders wächst, unter anderen Bedingungen, in anderem Licht. Es lädt uns ein, diese Unterschiede zu erkunden, ohne sie zu bewerten.
So wird aus einer scheinbar banalen Redewendung eine leise Philosophie des Unterwegsseins. Eine Erinnerung daran, dass die Welt nicht statisch ist – und wir es auch nicht sind. Dass jenseits unserer Gewohnheiten keine Bedrohung liegt, sondern Möglichkeit. Die andere Seite wartet nicht darauf, beurteilt zu werden. Sie wartet darauf, erlebt zu werden. In diesem Sinne viel Spaß bei der neuen Ausgabe von VivArt, Seite für Seite.


Weitere Artikel zum Thema Freizeit & Gesundheit finden Sie in der der aktuellen Ausgabe VivArt. Verpassen Sie keine Ausgabe:


Große Kunst

Junge Fotografie und mehr

Junge Fotografie und mehr

Dirk Becker über das neue Projekt ›Chromfeld‹ – eine Mischung aus Verlag, Galerie und Kulturseite – und über die Idee, ... Weiterlesen
Vorlaut

Vorlaut

Meinungsstarke junge Frauen werden oft als vorlaut bezeichnet. Dieses Stereotyp existiert bereits seit den frauenpolitischen Bewegungen der 60er-Jahre und wird ... Weiterlesen
Life doesn’t frighten me

Life doesn’t frighten me

So der Titel der Ausstellung über Mode-Ikone Michelle Ellie und das Label Comme des Garçons, die Dr. Mahret Kupka 2020 ... Weiterlesen

Leckere Rezepte

Erbsen, Burrata und schwarze Oliven

Erbsen, Burrata und schwarze Oliven

Gemütliches Beisammensein mit Freund*innen bei leckerem Essen und unbeschwerten Gesprächen – genau dieses Lebensgefühl spiegelt die populäre Food-Bloggerin Alison Roman ... Weiterlesen

Aus der Gesellschaft

Demokratie zum Hören

Demokratie zum Hören

Der Audiowalks ›Hörmal Demokratie Wiesbaden‹ macht Demokratie im Stadtraum erlebbar. Kurze Audios erzählen, welche Rolle Orte wie der Bahnhofsvorplatz, ein ... Weiterlesen
Handwerk im Wandel

Handwerk im Wandel

Modernes Handwerk braucht mehr als Qualität. Nadine Ricci von P. Herdling Bedachungen erklärt, wie Innovation, Marketing und starke Netzwerke das ... Weiterlesen
Daniel Sieben: Hier leben

Daniel Sieben: Hier leben

Daniel Sieben steht für Unternehmergeist, Gemeinschaft und kreative Stadtentwicklung. Im Interview spricht er über seine Lieblingsorte ... Weiterlesen
Juwelier Oberleitner

Werbung

Sunflower

Werbung

VivArt Abo Anzeige

Werbung

Wiesbadener Volksbank

Werbung

Restaurant Tipps

Gastgeberin mit rheinhessischem Herzschlag

Gastgeberin mit rheinhessischem Herzschlag

Die Hundertguldenmühle Appenheim steht für regionale Küche und herzliche Gastfreundschaft. Küchenchefin Eva Eppard über Genuss, Rheinhessen und ihr besonderes Restaurant ... Weiterlesen
Überzeugungstäter

Überzeugungstäter

Im Restaurant das Rutz Berlin verbinden Anja und Carsten Schmidt Spitzenküche, außergewöhnliche Produkte, exzellente Weine und verantwortungsvolle Genusskultur ... Weiterlesen
Viora Wiesbaden: Feine Küche, Grosse Gastfreundlichkeit

Viora Wiesbaden: Feine Küche, Grosse Gastfreundlichkeit

Viora Wiesbaden begeistert mit mediterraner Küche, internationalen Spezialitäten und stilvollem Ambiente in der Altstadt ... Weiterlesen
Das Restaurant 959 in Heidelberg – eine absolute Auszeit

Das Restaurant 959 in Heidelberg – eine absolute Auszeit

959 Heidelberg: Eine absolute Auszeit – Küchenchef Michael Braun über Teamgeist, Vielfalt und Genussmomente in außergewöhnlichem Ambiente ... Weiterlesen

Kunst & Kultur

Zeitloses Design aus Mainz

Zeitloses Design aus Mainz

Einig Studio Mainz steht für zeitloses Design und regionale Fertigung. Matthias Einig verbindet klare Formen mit cleverer Funktion und hoher ... Weiterlesen
Transformation: Kunst auf der Baustelle der Neuen Bäckerei

Transformation: Kunst auf der Baustelle der Neuen Bäckerei

Noch ist die Neue Bäckerei nicht fertig. Wände, Spuren des Umbaus und unfertige Räume erzählen von einem Ort im Werden ... Weiterlesen
Wie KI unseren Blick verändert

Wie KI unseren Blick verändert

KI begegnet uns heute überall. Sie schreibt Texte, erzeugt Bilder und verändert die Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Doch ... Weiterlesen
10 Fragen an Julia Reichelt

10 Fragen an Julia Reichelt

Julia Reichelt, Leiterin des Kunstforums TU Darmstadt, spricht über ihre Arbeit, Kultur, Lieblingsorte und warum Darmstadt für sie zur Heimat ... Weiterlesen

Mode

International shoppen

International shoppen

Mode für die Masse ist nicht die Sache von Luciano Emerick de Andrade, der mit Elan die gleichnamige Boutique auf ... Weiterlesen
Unaufdringliche Ästhetik

Unaufdringliche Ästhetik

Unter dem Namen burggrafburggraf bringen die beiden Zwillingsschwestern Nicola und Elena seit 2017 puristische Taschen, Rucksäcke und Accessoires aus pflanzenbasierten ... Weiterlesen
LOKALES SHOPPING

LOKALES SHOPPING

Vom Modegeschäft ›Wildhardt‹ gibt es inzwischen fünf Filialen und ein Outlet. Konzept und Angebot der einzelnen Niederlassungen unterscheiden sich, aber ... Weiterlesen