
Erinnerungen der ›europäischen Großeltern‹
Für das Zeitzeugenprojekt wurden Menschen gesucht, die vor 1945 geboren wurden und Europa in all seinen Brüchen und Entwicklungen selbst erlebt haben. Junge Mitglieder des Arbeit an Europa e. V.s recherchierten dafür in ihren jeweiligen Herkunftsländern gezielt nach solchen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. ›Europäische Großeltern‹, wie sie der Fotograf Maximilian Gödecke nennt. Ihre Erinnerungen wurden zunächst in den jeweiligen Muttersprachen aufgezeichnet, woraus zwischen 2019 und 2021 ein vielstimmiges Archiv entstand, das Europa als gemeinsamen Gedächtnisraum erschloss und die Vielfalt europäischer Geschichten dokumentiert.
Ausgangspunkt für das Projekt war der Wunsch, nach dem Brexit ein Zeichen für europäischen Zusammenhalt zu setzen. Statt politischer Positionen sollten jedoch persönliche Perspektiven im Vordergrund stehen. Die Ausstellung zeigt, wie individuell Europa erlebt wird und wie sehr diese Erfahrungen dennoch miteinander verbunden sind.


Den Stimmen ein Gesicht geben
Der auf Portraits spezialisierte deutsch-ungarische Fotograf Maximilian Gödecke wurde früh auf das Projekt aufmerksam und entwickelte aus eigener Initiative eine fotografische Erweiterung für das European Archive of Voices. Mit Unterstützung eines Stipendiums des Goethe-Instituts besuchte er die europäischen Großeltern, um ihren Stimmen nachträglich ein Gesicht zu geben. In kurzer Zeit führte ihn seine Sternfahrt durch Europa von Skandinavien bis nach Italien. Noch ist seine Sammlung an Portraits für das Projekt nicht abgeschlossen, aktuell besucht er weitere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen solange dies noch möglich ist, denn wer mit Menschen arbeitet, die ein ganzes Jahrhundert erlebt haben, arbeitet immer auch gegen die Zeit.
Die Geschichten hinter den Bildern
Die Begegnungen mit den Großeltern Europas sind intensiv. Gödecke fotografiert diese hochjährigen Menschen in ihrem Umfeld, dort, wo sie sich wohlfühlen. Die Bilder entstehen im Miteinander und erzählen weit mehr als das Offensichtliche. Sie zeigen Nuancen, Haltungen und Persönlichkeiten. Ergänzt werden die Porträts durch kurze Biografien und QR-Codes, die wiederum direkt zu den Interviews führen. So lässt sich jede Geschichte vertiefen, jede Stimme weiter hören. Dass diese Fotografien meist mehr als das Offensichtliche einfangen, wird besonders eindrücklich im Porträt des Briten Ray Ockenden, Emeritus der Oxford University. Der frühere Germanistik-Dozent positionierte sich energisch gegen den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs und sitzt nun allein an einer festlich gedeckten Tafel: ein leises, aber höchst vielsagendes Bild für den Rückzug aus einer Gemeinschaft. Beeindruckt hat uns auch das Portrait der ungarischen Zeitzeugin Vera Szekeres-Varsa die im Moment des Auslösens die rechte Hand zur Faust ballte und darauf bestand, genauso kämpferisch gezeigt zu werden. Ihr Bild macht deutlich, dass es keine Rolle spielt, wie alt oder wie klein man ist – man kann immer für das kämpfen, was einem wichtig ist. Die 93-Jährige, die noch heute Stadtführungen durch das jüdische Viertel Budapests gibt, steht damit für eine Haltung, die weit über ihre eigene Geschichte hinausweist

Mehr als eine Ausstellung
Die Ausstellung ist in mehrere Themenbereiche gegliedert und wird durch eine Hörstation ergänzt, die Einblicke in das ›Archive of Voices‹ und weitere Projekte ermöglicht. In Kooperation mit dem Amt für Soziale Arbeit entstand zudem ein umfangreiches Begleitprogramm in der ganzen Stadt. So wird aus der Ausstellung ein Netzwerk, das Menschen zusammenbringt und Räume für Austausch schafft.
Begegnung statt Distanz
›Erzähl mir von Europa‹ ist damit mehr als eine Sammlung von Bildern und Stimmen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Es ist eine Einladung zur Begegnung, die sich gerade an die jüngeren Besucherinnen und Besucher richtet, die hier einen neuen Zugang zu Europa finden sollen, der persönlich ist und unmittelbar erfahrbar wird. Vielleicht liegt genau darin die Stärke des Projekts, dass es nicht nur zurückblickt, sondern dazu anregt, selbst genauer hinzuhören, Fragen zu stellen und Geschichten weiterzutragen.
VivArt Service
Weitere Infos zur Ausstellung und dem Begleitprogramm unter:
www.stadtmuseum-wiesbaden.de
Mehr über das Projekt ›European Archive of Voices‹ und die Wanderausstellung ›Erzähl mir von Europa‹ unter:
arbeitaneuropa.com
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