
Marleen Thomas lebt und arbeitet in Wiesbaden – und in ihren Bildern lebt der Moment des Unvorhergesehenen. Ihre Werke entstehen selten aus festen Konzepten, sondern vielmehr aus einem offenen Dialog mit Farbe, Fläche und Material. Ihre malerische Sprache ist beweglich, mehrschichtig und sinnlich – geprägt von Spontaneität und einem ausgeprägten Formgefühl. Was dabei entsteht, hat Tiefe, oft auch Leichtigkeit, aber vor allem: ein Eigenleben.
Du hast ein Designstudium absolviert und dich anschließend der Malerei zugewandt. Wie hat dein Hintergrund im Design deine Herangehensweise an die Kunst beeinflusst?
Komposition, Farbwirkung und visuelle Balance wurden mir in meiner Designabteilung gelehrt und bilden auch heute noch eine Grundlage in meiner malerischen Arbeit. Gleichzeitig habe ich durch das Design gelernt, konzeptionell zu denken und mit Einschränkungen kreativ umzugehen. In der Kunst genieße ich aber genau das Gegenteil: die Freiheit, Dinge nicht erklären oder funktionalisieren zu müssen. Trotzdem schleicht sich manchmal ein gewisser Ordnungswille oder eine gestalterische Klarheit in meine Bilder – das ist wohl das Erbe des Designs.
Deine Werke entwickeln sich oft im Prozess. Kannst du uns mehr über diesen kreativen Ablauf erzählen und wie du entscheidest, wann ein Werk vollendet ist?
Der Prozess ist für mich zentral. Mal habe ich eine Vorstellung, mal lasse ich mich auch spontan leiten und beginne mit einem Impuls, einer Farbe, einer Geste, wie Formen und Bewegungen oder einem Material. Dann reagiere ich Schritt für Schritt auf das, was entsteht. Wichtig sind die vielen Ebenen – diese bringen in mein Werk die Tiefe und die Spannung. Ich arbeite meistens an mehreren Werken gleichzeitig, da ich die Abwechslung und die Möglichkeit brauche, Farben, Kontraste und Kompositionen direkt gegenüberzustellen.
Ein Werk ist dann fertig, wenn es mir nichts mehr entgegensetzt – wenn ich nicht mehr das Bedürfnis habe, einzugreifen oder zu korrigieren. Oft lass ich sie noch mehrere Tage im Atelier stehen und lasse sie jedes Mal auf mich wirken.

Wie reagieren Betrachter*innen auf deine Werke, und gibt es eine Reaktion, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich, und das ist genau das Spannende für mich. Manche Menschen spüren intuitiv etwas, ohne es benennen zu können, andere versuchen, Strukturen oder Geschichten zu finden.
So werden Tiere, Hobbies oder Natur entdeckt, die eventuell durch einen Zufall entstanden sind. Eine Kundin ist eine leidenschaftliche und erfolgreiche Reiterin und erst nachdem das Werk in ihrem Haus hing, entdeckte sie ein Pferd, das gerade weg galoppiert. Jetzt kann ich es auch nicht mehr ungesehen machen – und da frage ich mich manchmal: Wie viel Zufall war das?

Du experimentierst mit Formen, Farben und Materialien. Gibt es Techniken oder Medien, die du in Zukunft gerne noch ausprobieren möchtest?
Aktuell arbeite ich an einer neuen Ausstellung mit einer tollen Fotografie, da ich selber schon immer eine Leidenschaft für Fotografien habe. Besonders die Kombination aus abstrakter Kunst und klassischer Fotografie kann eine tolle Verbindung sein.
Im Allgemeinen reizen mich Skulpturen oder noch mehr dreidimensionale Kunst. Mich interessiert die Kombination von Malerei und Objekt – also die Grenze zwischen Bild und Skulptur. Auch textile Materialien interessieren mich zunehmend, weil sie sowohl Körperlichkeit als auch Verletzlichkeit transportieren können. Vielleicht wage ich mich bald an Installationen oder raumgreifende Arbeiten. Und ich bin neugierig auf Drucktechniken – vor allem wegen ihres Potenzials für serielle, aber trotzdem individuelle Ausdrucksformen. Also, wie man sieht – hier sind noch keine Grenzen gesetzt. Ich freue mich sehr auf den weiteren Weg.
Was bedeutet Erfolg für dich als Künstlerin – ist es Anerkennung, künstlerische Freiheit oder etwas anderes?
Erfolg bedeutet für mich, dass ich meiner künstlerischen Arbeit kontinuierlich nachgehen kann – in meinem eigenen Rhythmus und mit innerer Freiheit. Es geht weniger um äußeren Applaus, sondern darum, eine echte Verbindung zu schaffen: Wenn meine Arbeiten etwas beim Gegenüber auslösen, einen Gedanken anstoßen oder einfach einen Moment von Tiefe oder Leichtigkeit schenken, dann fühlt sich das nach Erfolg an. Anerkennung ist schön und hilfreich, aber entscheidend ist für mich, dabei authentisch zu bleiben – auch wenn der Kunstbetrieb manchmal andere Erwartungen hat.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in deinem Atelier aus? Gibt es bestimmte Rituale oder Abläufe, die dir wichtig sind?
Es gibt eine gewisse Struktur, aber ich versuche, dem Zufall Raum zu lassen. Oft beginne ich mit einem Kaffee und einem kurzen Blick auf das, was am Vortag entstanden ist. Manchmal habe ich einen Plan, manchmal arbeite ich blind drauf los. Musik, Hörbuch oder Stille – das hängt ganz von meiner Stimmung ab. Wichtig ist für mich, dass ich mich körperlich bewege – das hilft mir, aus dem Kopf in den Prozess zu kommen. Und ich lasse mir bewusst Zeit fürs Nichtstun – liege auf dem Boden rum, daddel am Handy und irgendwann überkommt mich der Impuls, weiterzumachen.
Welche Rolle spielt die digitale Welt – Social Media, Website, etc.– in deiner künstlerischen Präsenz?
Die digitale Welt ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits ermöglicht sie Sichtbarkeit, Austausch und neue Netzwerke – das ist für freischaffende Künstler*innen enorm wertvoll. Andererseits birgt sie die Gefahr, dass man sich zu sehr nach außen richtet und sich von Klickzahlen beeinflussen lässt. Ich versuche, Social Media als Werkzeug zu sehen, nicht als Maßstab. Meine Website ist wie ein virtuelles Atelier – ein Ort, an dem man eintauchen kann. Aber die wirkliche Begegnung mit Kunst passiert für mich immer noch analog, im Raum.
Vielen Dank für das Gespräch.
Marleen Thomas
marleen-thomas.de
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