
Foto: Jason Sellers
Die Deutschen hegen eine sehr große Affinität zum Wald, nicht erst seit der Romantik. Doch spätestens seit Mitte der 1980er-Jahre wissen wir, dass es dem Wald nicht gut geht, und es scheint fast ironisch, dass unsere französischen Nachbarn ›le Waldsterben‹ von uns in ihren Wortschatz übernommen haben, ohne dem Phänomen einen eigenen Namen zu geben. Nun schreiben wir das Jahr 2023 und nie schien die Aufgabe, den Wald zu retten, schwieriger als heute. Wasserknappheit, Dürre, Hitze, Borkenkäfer und zu viel Wild etc. Warum ist Ihnen der Wald so wichtig?
Die Region um Main und Taunus verfügt über umfangreiche Waldgebiete, die neben den vielen Institutionen der Kunst und Kultur zu den Anziehungspunkten des Rhein-Main-Gebiets gehören. Aber wir müssen uns auch um unseren Wald kümmern. Denn er ist stark betroffen von den Folgen des Klimawandels. Retten lässt sich der Wald nur, wenn bei der Bepflanzung umgedacht wird, robustere Baumarten Buchen, Eichen und Fichten ersetzen. Da der Kulturfonds auch Kunstprojekte fördert oder initiiert, die sich ortsspezifisch auf ihre unmittelbare Umgebung beziehen, gibt es immer wieder Berührungspunkte mit den Wäldern der Region.
Der Wald galt in der Romantik als Seelenlandschaft und das Waldgefühl bot den städtischen Intellektuellen eine Gegenwelt zur rationalen Industrialisierung. Der Wald als Erholungsort für Träumer. Haben wir heute ein ähnliches Phänomen? Einerseits das Drinnen der Arbeit und der Digitalisierung, andererseits das Draußen zum Waldbaden, Atmen, Sinnieren? Was bedeutet Wald?
Der Wald ist tatsächlich seit Jahrhunderten Gegenwelt zur Zivilisation und nicht nur für die Dichter der Romantik, sondern auch für den modernen Menschen ein auratischer Sehnsuchtsort. Schon Henry David Thoreau zog es in ›Walden‹ (1854) zum ›Leben in den Wäldern‹. Immer noch verspricht die von Ludwig Tieck verewigte ›Waldeinsamkeit‹ Heilung von den Fährnissen des Alltags. Spaziergänge in der Natur erfreuen sich als ›Waldbaden‹ großer Beliebtheit in Therapieprogrammen für gestresste Großstädterinnen und Großstädter. Erst im Oktober war im National Geographic wieder ein Artikel zu lesen über ›Forest Bathing‹ und ›Forest Therapy‹.
»Seit der Zeit der Renaissance ist unser Weltbild von einer zentralen Unterscheidung bestimmt: der zwischen Natur und Kultur. Dort die von Naturgesetzen regierte, unpersönliche Welt der Tiere und Dinge, hier die Menschenwelt mit ihrer individuellen und kulturellen Vielfalt. Diese fundamentale Trennung beherrscht unser ganzes Denken und Handeln.« So der französische Anthropologe Philippe Descola. Mit Ihrer Arbeit stellen Sie Verbindungen her – zwischen Natur, Kultur und Kunst. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Im Hinblick auf Descolas Zitat gibt es inzwischen sicher viele andere Sichtweisen. Gemeinsam mit unseren Projektpartnerinnen und -partnern versuchen wir jedenfalls, Schnittfelder aufzusuchen zwischen Natur und Kunst und die Übergänge zwischen beidem fluide zu gestalten. So werden wir etwa in Idstein ein Projekt realisieren, bei dem verschiedene Gewerke zusammenarbeiten, deren Basis das Material Holz ist: Die Arbeit ›simple space‹ der Wiesbadener Kooperative ›New Jazz‹ führt auf diese Weise Geigenbauer und -bauerinnen, einen Förster sowie Streichinstrumentalisten und -instrumentalistinnen zusammen. Auch Projekte wie Lasse-Marc Rieks ›Treehugger‹ zeigen das geheime akustische Leben von Fauna und Flora und sind damit ein schönes Gegenbild zu der überkommenen Auffassung. Installativ arbeitet hingegen Werner Cee: Drei Burgen im Taunus sollen im Jahr 2024 Schauplätze werden für seine große Arbeit mit Sound und Licht: ›desymphonic‹ fußt auf Beethovens ›Pastorale‹, einer Ikone der Naturschilderung in der Musik, und wird umgesetzt auf Initiative des Hochtaunuskreises.

Foto: Christof Jakob
Wald sichert die ästhetischen, ökologischen und sozialen Funktionen für Menschen für die Zukunft. Was muss Kunst können, die sich auf das Thema Wald fokussiert?
Kunst muss wach sein, sie muss unsere Aufmerksamkeit auf drängende Themen lenken und dabei gleichzeitig durch ihre hohe Qualität für sich stehen können. Der Wald ist ein Topos in den Künsten, vor allem in der Literatur, in der Musik und in der bildenden Kunst, wenn wir etwa an das Kunstmärchen, die Oper oder unzählige Waldgemälde denken. Dabei vereint der Wald das Erhabene und das Wunderbare mit dem Unheimlichen und dem Schrecklichen. Das gilt auch für die zeitgenössischen Kunstsparten, in denen die Natur und speziell der Wald einen hohen Stellenwert haben, in vielen Arbeiten im digitalen Raum, auf Waldkunstpfaden mit Skulpturen oder in Installationen von Klangkünstlern und -künstlerinnen, die mit Naturgeräuschen arbeiten.
Der Kulturfonds hat sehr viele Projekt- partnerinnen und -partner. Können Sie erklären, wie diese Partnerschaften zustande kommen und warum es so wichtig ist, dass das Gemeinsame, das Grün, der Wald – ähnlich wie einst die blaue Blume in der Romantik – zum Symbol der Hoffnung wird?
Es liegt in der Struktur des Kulturfonds, dass er mit großen und kleinen Institutionen zusammenarbeitet. Um Allianzen anzuregen und unsere Projektpartnerinnen und -partner miteinander ins Gespräch zu bringen, laden wir regelmäßig zu Terminen ein, die dem Kennenlernen und dem Austausch dienen. Unsere wechselnden Schwerpunktthemen tragen dazu bei, auch spartenübergreifend und interkommunal in gemeinsamen Projekten zusammenzuarbeiten. Viele der Künstlerinnen und Künstler, die den Wald zum Thema machen, engagieren sich gleichzeitig für seinen Erhalt und sind in dieser Diskussion eine wichtige Stimme. Mit Kunstprojekten schaffen wir hier eine besondere Sichtbarkeit.
Vielen Dank für das Gespräch!
Große Kunst
Junge Fotografie und mehr
Vorlaut
Life doesn’t frighten me
Aus der Gesellschaft
Über die besten Eier, die Welt und Hühnerglück
Der Frankfurter Globetrotter
Demokratie zum Hören
Restaurant Tipps
Fine oriental Food
Küche mit Haltung
›Meet and Eat‹ im Kreuzberger Himmel
Zeit für dich
Wo Ruhe zum Luxus wird
Schnell und präzise
Entspannung mit Weitblick
Lebensfreude steht im Mittelpunkt
Leckere Rezepte
Spargel und Radieschen vom Grill mit Burrata und Zitronendressing
Erbsen, Burrata und schwarze Oliven
Matcha Haferlatte
Gaumenschmaus à la Ukraine
Mode & Fashion
Mode – Kunst der Kommunikation
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