
Was einem endlosen Reigen gleicht, ist keineswegs trivial. Essen, Trinken, Schlafen und dann wieder: ein neuer Tag, neues Glück. Was der vielleicht erste Gastrosoph Jean Anthelme Brillat-Savarin im Jahr 1825 mit den Worten »Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist« formulierte, hat auch nach mehr als 200 Jahren noch immer eine große Bedeutung. Dirk Becker über die Idee, auch in irren Zeiten zu genießen, die Wertschätzung von Qualität, Freude am gemeinsamen Essen, dem Ausgehen, dem Trinken, dem Leben. Über eine Haltung und einen modernen Hedonismus.
Brillat-Savarin und die Philosophie des Genusses
›Physiologie du Goût‹ (Physiologie des Geschmacks) von Jean Anthelme Brillat-Savarin ist ein 1825 erschienenes Meisterwerk und der Grundstein der modernen Gastronomiekritik. Das Werk verbindet genussvolle Tischkultur, Philosophie und Physiologie.
Brillat-Savarin behandelt in seinen ›Meditationen‹ die menschlichen Sinne, den Appetit, die Kunst des Kochens und den Wein – und kreiert herrliche Zitate wie:

»Beim Bordeaux bedenkt, beim Burgunder bespricht, beim Champagner begeht man Torheiten.«
Er war der Erste, der die Gastronomie als ernst zu nehmende Wissenschaft beschrieb und das Konzept der ›transzendenten Gastronomie‹ einführte. Dabei unterscheidet er streng zwischen bloßer Völlerei und echter, kultivierter Gourmandise; Sticheleien gegen alle, die fülliger waren, schon damals inklusive:
»Wenn man den Fettleibigen empfiehlt, morgens früh aufzustehen, durchbohrt man ihnen das Herz.«
Für Brillat-Savarin steigern gutes Essen, geistreiche Tischgespräche und die Harmonie von Speisen und Getränken maßgeblich das menschliche Wohlbefinden. Interessant ist, dass er die Körperlichkeit philosophisch verstand. Der Körper ist für ihn kein Gegner des Geistes, sondern dessen Partner. Geschmack ist für ihn der sinnlichste aller Sinne, weil er nicht nur Nahrung aufnimmt, sondern Geselligkeit, Kultur und Erinnerung miteinander verbindet. So wird die gepflegte Mahlzeit zugleich zu einem körperlichen und geistigen Ereignis. 1825 gab es noch kein Fast Food, es gab noch nicht einmal den Begriff, aber es gab offenbar schon eine Idee davon, dass Essen weit mehr bedeutet, als bloß satt zu werden.

Vom bewussten Essen zum beiläufigen Konsum
Während die Ernährung vor 200 Jahren in vielen Ländern von einer eher knappen, arbeitsintensiven und saisonalen Versorgung abhing, ist unsere Ernährung heute geprägt von dauerhaft verfügbaren, industriell hoch verarbeiteten und kalorienreichen Produkten, die oft zwischendurch konsumiert werden. Snacks, XXL-Packungen, To-go-Angebote und Refills fördern einen beiläufigen Konsum. Doch ohne bewusste Wahrnehmung verwandeln sie menschliche Körper in eine ›Super Size Me‹-Version, wie man sie in den Filmen aus den 1960er- und 1970er-Jahren in Deutschland nicht kannte. Dabei hatte schon Brillat-Savarin vorhergesagt: »Diejenigen, die vernünftig essen, sind zehn Jahre jünger als jene, denen diese Wissenschaft fremd ist.«
Wir wissen längst, was uns guttut
Bemerkenswert ist, dass er von einer Wissenschaft spricht, denn tatsächlich wissen wir längst um all diese Phänomene. Wir haben das Wissen und wir hätten auch die Lösungen: mehr Bewegung, mehr gemeinsames Essen, frische Zutaten verarbeiten, gute Grundprodukte wählen und industriell hoch verarbeitete Produkte meiden, guter Schlaf, mehr Entspannung, mehr Zeit mit im Freundeskreis und mit der Familie. Vielleicht sogar an dem einen oder anderen Abend einmal weniger Alkohol, auch wenn dies von Brillat-Savarin an keiner Stelle erwähnt wird.
Warum wir trotz besseren Wissens anders handeln
Doch es gleicht einer kognitiven Dissonanz. Im Kollektiv erleben wir den Widerspruch zwischen Wissen, unseren Überzeugungen und dem eigenen Verhalten. Philosophen sprechen in diesem Zusammenhang von ›Akrasia‹, der Willensschwäche, bei der kurzfristige Gewohnheiten trotz besseren Wissens stärker wirken als langfristige Ziele. Wie können wir erreichen, dass die Menschen sich besser selbst versorgen mit dem, was sie für ein gesundes, glückliches Leben brauchen? Wahrscheinlich beginnt alles mit einem grundlegenden Perspektivwechsel, um mehr Kontrolle über die eigene Ernährung zu gewinnen. Dazu gehören Fähigkeiten wie: frische Lebensmittel auswählen, einfache Mahlzeiten zubereiten, Vorräte sinnvoll planen, Lebensmittelverschwendung vermeiden, einen Teil der Nahrung – etwa Kräuter oder Gemüse – selbst anbauen.

Kochen als Schlüsselkompetenz für ein gutes Leben
Wenn man nur einen Hebel wählen dürfte, wäre es vermutlich die Kochkompetenz. Studien zeigen, dass Menschen, die regelmäßig selbst kochen, mehr Gemüse und Obst essen, weniger hoch verarbeitete Lebensmittel konsumieren, ihre Kalorienaufnahme besser regulieren, häufiger gemeinsame Mahlzeiten pflegen. Kochen ist dabei weniger das eigentliche Ziel als vielmehr eine Schlüsselkompetenz, die zahlreiche weitere gesunde Gewohnheiten nach sich zieht.
Moderner Hedonismus: Genuss als bewusste Haltung
Letztlich braucht es eine Kombination aus Bildung, geeigneten Rahmenbedingungen und einer Kultur, die Selbstversorgung wertschätzt. Menschen ändern ihr Verhalten meist nicht, weil sie mehr Informationen erhalten. Sie ändern es, wenn das Richtige einfach wird, sozial unterstützt und sich selbstverständlich in den Alltag integrieren lässt. Wir haben in der aktuellen Ausgabe von VivArt die Idee, mehr dazu beizutragen. Viel Spaß beim Lesen.

Weitere Artikel zum Thema Essen & Trinken finden Sie in der der aktuellen Ausgabe VivArt. Verpassen Sie keine Ausgabe:
Restaurant Tipps
Gastgeberin mit rheinhessischem Herzschlag
Überzeugungstäter
Viora Wiesbaden: Feine Küche, Grosse Gastfreundlichkeit
Leckere Rezepte
Erbsen, Burrata und schwarze Oliven
Kunst & Kultur
Junge Fotografie und mehr
Vorlaut
Life doesn’t frighten me
Zeit für dich
Entspannung mit Weitblick
Lebensfreude steht im Mittelpunkt
Refugium für Mensch und Tier
Die Kraft des Schlafes
Neues aus der Gesellschaft
Demokratie zum Hören
Handwerk im Wandel
Daniel Sieben: Hier leben
Wenn das Fundament Risse bekommt
Mode & Accessoires
Zur Kultur des Geschmacks
Gutes Gewissen trägt nie auf