#lesenswertes für den Pride-Month

Im New York der späten Sechzigerjahre wurden queere Begegnungsorte häufig durch polizeiliche Razzien unterdrückt. In der Nacht zum 26. Juni 1969 widersetzten sich die Gäste der Bar ›Stonewall Inn‹ den Verhaftungen und lösten damit eine ganze Welle Auseinandersetzungen aus. Der sogenannte ›Stonewall-Aufstand‹ wurde zum Turningpoint im Kampf für die Gleichberechtigung queerer Personen. In Gedenken an Stonewall feiert die LGBTQIA+ Community jedes Jahr den ›Pride-Month‹. VivArt nimmt sich diesen geschichtsträchtigen Monat zum Anlass, fünf Werke queerer Autor*innen vorzustellen. Vom klassischen Roman bis zum klugen Sachbuch – gemein haben alle, dass sie unser Prädikat #lesenswert erhalten.


»Orlando war eine Frau geworden.«

Wir lernen Orlando als schönen, jungen Mann im England des 16. Jahrhunderts kennen. Über fast 400 Jahre werden Orlandos Jugend und Schönheit auch nicht vergehen. Nur das Geschlecht verändert sich. Nach einem mehrtägigen, tiefen Schlaf erwacht Orlando im Körper einer Frau. Im Verlauf der nächsten Jahrhunderte durchlebt sie vier verschiedene Lebensentwürfe in den sich wandelnden Epochen, wobei sie sich mal als Mann, mal als Frau kleidet.

Angesichts aktueller Diskurse könnte man beinahe auf die Behauptung hereinfallen, dass Transidentitäten eine moderne Erfindung der sogenannten ›woken‹ Bubble wären. Doch Orlando ist im Jahr 1928 erschienen und wurde von keiner Geringeren geschrieben als Virginia Woolf. In ihrem als Biografie getarnten Roman macht sie sich als Pionierin für die Idee stark, dass Gender und Sexualität nicht zwingend an das biologische Geschlecht geknüpft sein müssten. Woolf, die selbst bisexuell war, ließ sich für Orlando von ihrer Freundin Vita Sackville-West inspirieren, mit der sie lange Zeit sexuell und romantisch verbunden war. Virginia und Vita waren Teil der ›Bloomsbury Group‹, einer Gruppierung englisch-sprachiger Schriftsteller*innen, Philosoph*innen und Künstler*innen, von denen viele nachweislich queer gewesen sind.

Virginia Woolf: Orlando. Aus dem Englischen übersetzt von Karl Lerbs. Kampa Verlag. 368 Seiten. ISBN 978 3 311 15041 1

Cover: Kampa Verlag


»There was a love that had always existed between women.«

Das Leben der vierundzwanzigjährigen Rachel wird beherrscht von Kalorien. Wann sie als Nächstes wie viele zu sich nehmen darf und wie sie sie wieder auf ihrem Crosstrainer verbrennt. Doch Rachels akribisch geplanter Alltag wird aufgerüttelt, als sie Miriam kennenlernt. Miriam scheint das glatte Gegenteil von Rachel zu sein. Sie hat ein gutes Verhältnis zu ihrer Familie und fühlt sich tief mit ihrem jüdischen Glauben verbunden. Außerdem ist Miriam dick, denn sie isst, worauf sie Lust hat. Rachel ist fasziniert von dieser Frau, die genau das verkörpert, wovor Rachel sich fürchtet. Und so lässt sie es zu, dass Miriam sie füttert.

›Muttermilch‹ von Melissa Broder gilt online als ›Weird Girl Fiction‹. Wer sonst am liebsten Nicholas Sparks liest, ist hier vielleicht falsch. Wer leicht anzuekeln ist, womöglich auch. Aber wer Lust auf eine rundum gelungene lesbische Romanze hat, die weird im besten Sinne des Wortes ist, sollte ›Muttermilch‹ dringend eine Chance geben. Opulent und herzzerreißend!

Melissa Broder: Muttermilch. Aus dem US-Amerikanischen von Karen Gerwig. Claassen Verlag 2021. 336 Seiten; ISBN: 978-3-54610-006-9; 24 Euro

Cover: Claassen Verlag


»Wer wollen wir sein, wenn wir anders sind?«

Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt und Harvard und promovierte über den Begriff der kollektiven Identitäten. Wenn eine einmal den Begriff des Begehrens selbst erklären dürfte, dann diese kluge und mit allen Krisengebieten in der Welt und in der Sexkultur vertraute Autorin. Wie die Musik oder der Glaube lässt sich auch das Begehren nicht nur einmal entdecken, es offenbart sich uns in immer neuen Formen, wenn wir den Mut haben uns weiter zu erforschen, als das Doktor-Sommer-Team es erwartet. In ihrem sehr persönlichen, so narrativen wie analytischen Essay schildert Carolin Emcke das Suchen und die allmähliche Entdeckung des Begehrens. Sie beschreibt, wie es ihr als Jugendliche vor allem die Sprache der Musik ermöglichte, Begriffe für das Begehren zu finden, für die Fragen von Vorbild und Nachahmung, Norm und Differenz. In ›Wie wir begehren‹, das von der ersten Zeile an fasziniert, buchstabiert Carolin Emcke die vielen Dialekte des Begehrens aus. Und sie stellt sich in einer tragisch endenden Geschichte der Freundschaft der Frage, was geschieht, wenn wir nicht das Glück haben, eine eigene Sprache, einen Ausdruck in der Vielfalt des Begehrens zu finden. Ein staunenswertes Werk, das zu Recht nominiert war für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Carolin Emcke: Wie wir begehren. FISCHER Verlag. 256 Seiten. ISBN: 978-3-596-18719-5; 12 Euro.

Cover: FISCHER Verlag


»Stonewall never happened.«

Miss Major Griffin-Gracy ist eine Schwarze trans Frau. Seit mehr als fünfzig Jahren spielt sie eine essenzielle Rolle als Ziehmutter und -Großmutter für unzählige trans und queere Personen auf der ganzen Welt. Sie ist Veteranin des ›Stonewall-Aufstands‹, ehemalige Sexarbeiterin und Zeitzeugin der HIV/AIDS-Krise. ›Miss Major Speaks‹ enthält Konversationen zwischen der Aktivistin und ihrem langjährigen Vertrauten Toshio Meronek, der u.a. mit seinen Reportagen für Al Jazeera, The Nation und Vice News bekannt wurde. In ihren Ausführungen ist Miss Major schonungslos. Intersektional betrachtet, zählen Schwarze trans Frauen zu den am stärksten diskriminierten Personengruppen. Sie leiden überproportional häufig unter Polizeigewalt, Erwerbslosigkeit und damit zwangsläufig auch unter unsicheren Wohnverhältnissen. Miss Major berichtet von all den Steinen, die diese Welt ihr und ihren ›gurls‹ in den Weg legt und teilt ihre Ratschläge und Hoffnungen für die Zukunft. Ein Buch, das Pflichtlektüre für alle cis Personen werden sollte.

Toshio Meronek & Miss Major: ›Miss Major Speaks: Conversations with a Black Trans Revolutionary‹. Verso Books 2023. 176 Seiten. ISBN: 978-1-83976-334-2

Cover: Verso Books


»Sorry about the blood in your mouth. I wish it was mine.«

›Crush‹ – die Verbform bedeutet im Deutschen so viel wie ›zerquetschen. Je nach Kontext sogar ›vernichten. Auf der anderen Seite hat das Wort auch eine deutlich unschuldigere Bedeutung. Wenn man einen ›Crush‹ hat, dann hat man einen Schwarm, ist man verliebt. Diese Doppeldeutigkeit spricht auch Louise Glück (›Wilde Iris‹) in ihrem Vorwort zu ›Crush‹ an. Die Nobelpreisträgerin war Preisrichterin, als Richard Siken 2004 mit seinem Gedichtband den ›Yale Younger Poets‹-Preis gewann. Durch den Filter von Sikens Poesie scheinen Unschuld und Gewalt untrennbar miteinander verbunden. Das lyrische Ich blutet, es verschlingt ein Herz und spuckt es wieder aus, es verschluckt Glas. Die Liebe wird zum Fieber, mit dem man zu leben lernen muss. Das könnte sicherlich auch damit zusammenhängen, dass Siken aus Sicht eines Homosexuellen schreibt, der in den späten Sechzigerjahren geboren wurde. Hass und Liebe liegen bekanntermaßen nah beieinander. Wenn man queer ist, kommt der Hass nur leider auch von außen. 

Richard Siken: Crush. Yale Series of Younger Poets, Band 99. 62 Seiten. ISBN: 978-0-30010-789-0

Cover: Yale University Press


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