Wir pflanzen einen Wald

Vom VivArt-Wald, von Zukunftsbäumen, Downhill-Chaoten und Gassibeuteln im Wiesbadener Stadtwald: Volker Hummel im Gespräch mit Matthias Lemcke, Leiter der Revierförsterei Platte/Naurod.

Foto: Stadtwald Wiesbaden

Gemeinsam mit dem Leiter des Forstreviers Platte/Naurod hat unsere Agentur Cicero bereits den ›Hörwald‹ realisiert. Mit Matthias Lemcke haben wir auch die Pflanzung des VivArt-Walds arrangiert. Er ist mit ganzer Seele Förster und hat lustige blaue Augen, die aber in unserem Gespräch sorgenschwer und auch wütend dreinschauen können. Was sich im deutschen Wald mit dem Klimawandel abzeichnet, gibt auch Grund zur Sorge und was sich für seltsame Manieren im Stadtwald einbürgern ebenso.

Herr Lemcke, VivArt wollte Ende 2020 ein sichtbares Zeichen setzen und für unsere Abonnent*innen wurde ein Waldstück in Ihrem Revier nahe der Achteckhütte aufgeforstet. Wie geht es den Setzlingen?

Es sind vornehmlich Traubeneichen, etwa 100 junge Bäume. Das Frühjahr war zwar sehr kalt, doch der viele Regen im Mai und Juni hat den Setzlingen gutgetan. Es ist ja nicht die einzige Fläche, an der wir nachverjüngen, aber Ihrer Anpflanzung nahe der Achteckhütte geht es erst mal gut.

Und wie ist die Lage im ganzen Stadtwald?

Der Wiesbadener Stadtwald hatte schon immer große Bedeutung über den reinen Wirtschaftswald hinaus: Er ist Erholungsraum für die Menschen und Lebensraum für eine reiche Tier- und Pflanzenwelt. Deswegen gibt es bei uns viel weniger Fichtenwald als in anderen Forstbetrieben. Die Fichte ist durch den Borkenkäfer bei uns praktisch abgewickelt. Im letzten Jahr wurden in meinem Revier allein 6.000 m³ Käferholz eingeschlagen, das ist mehr als ein ganzer Jahreseinschlag. In diesem Jahr wird es vermutlich ähnlich. Das ist in den Revieren der Kollegen anderer Waldbesitzer meist dramatischer. Der Waldschutzbericht der forstlichen Versuchsanstalt Baden-Württemberg 2020 ist ein Dokument des Grauens.

»Als Stadtwald ist es eine unserer Aufgaben, den Wald als Naherholungsraum zur Verfügung zu stellen. Wenn sich alle an die Spielregeln halten, funktioniert ein Miteinander.«

Matthias Lemcke

Die Fichten sind bei uns also Geschichte. Welche Arten werden sie ersetzen, Buchen?

Bei der Buche, die lange als Zukunftsbaum galt, zeichnen sich ähnliche Probleme ab. Sie hat praktisch kein dickes Fell, also keine dicke Borke wie Eiche oder Linde, damit hält sie diesen heißen Sommern schlechter stand. Die Rinde platzt und dann haben Pilze leichtes Spiel. Rindenkrankheiten oder Parasiten wie Käfer plagen aber fast alle heimischen Artengleich, ob es Bergahorne, Eschen, Ulmen, Kirschen oder eben Buchen sind. Aktuell haben Baumarten wie Edelkastanie oder auch die heimische Linde bessere Prognosen. Auch Weißtanne wird angebaut, die wurzelt tiefer und reicht an den absinkenden Grundwasserpegel. Aber die Buchen sind unsere Sorgenkinder. Sie werden noch wachsen, aber vermutlich nicht mehr so alt wie bisher. Ob wir künftig noch so alte, mächtige Buchenwälder haben werden, ist fraglich.

Dann gibt es auch viel Verbiss durch Rehe …

Ja, neu gesetzte Pflanzen müssen gegen Verbiss geschützt werden. Die Natur bringt uns auch Sämlinge vieler verschiedener Baumarten, sie können aber nicht groß werden. Das sieht man sehr gut in Ihrer Kulturfläche. Dort wachsen sogar Blumen wie das Waldweidenröschen, die sonst bevorzugt verbissen werden.

Waren es zu viele Besucher im Wald über die Coronazeit?

Als Stadtwald ist es eine unserer Aufgaben, den Wald als Naherholungsraum zur Verfügung zu stellen. Wenn sich alle an die Spielregeln halten, funktioniert ein Miteinander. Probleme machen allerdings Downhill-Biker, die sich abseits der Wege Trial- Parcours durch den Wald anlegen und durch Rückzugsräume seltener Tierarten fahren, teilweise auch nachts! Da wird mit der Säge störendes Gebüsch aus der Piste gesägt und die Strecken werden sogar frech markiert. Für unsere ›unsichtbaren‹ Waldbewohner wird das zum Problem.

Was sind unsichtbare Tiere?

Wenige Pilzesucher kennen den Wald so gut wie wir Forstleute. Nicht weit vom Forsthaus gibt es eine uralte riesige Dachsburg. Sie ist verlassen. Drei Greifvogelhorste und das Nest einer Waldohreule, die ich auf meinen Wegen gern besuchte, sind aufgegeben. Diese unsichtbaren Bewohner des Walds geben auf; für einen Luchs, den ich so gerne hätte, wird es dann im Stadtwald eng!

Wenn Sie einen Wunsch für Ihr Revier frei hätten, dann …

würde ich mir wünschen, dass die Besucher ihren Müll nicht achtlos in den Wald werfen, dazu zählen besonders auch die Hundekotbeutel. Das ist mir unbegreiflich. Liebe Leute, die Menschen, die nach euch kommen, freuen sich auch über einen sauberen Wald!

Herr Lemcke, vielen Dank für das Gespräch und besonders für Ihr Engagement im zukünftigen Waldstück unserer Abonnent* innen!


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