
In Israels ›Garten der Gerechten unter den Völkern‹ werden diejenigen geehrt, die jüdischen Menschen während des Nationalsozialismus geholfen haben. Unter den fast 29.000 Namen ist bislang keine Person aus Wiesbaden. Dennoch gab es hier Helferinnen und Helfer, deren Unterstützung durch Verstecke, Lebensmittel oder Medikamente oft lebensgefährlich war. An der Rettung einer einzigen Person waren oft bis zu zehn Menschen beteiligt. Etliche Menschen jüdischer Herkunft mussten in Deutschland untertauchen, aber lediglich eine Minderheit überlebte.
Jahre im Versteck: Die Rottenbergs
Naftali und Sofie Rottenberg waren von 1939 bis 1945 in der Adolfstraße 14 versteckt. Sie waren 1938 nach Polen abgeschoben worden, durften aber nach dem Tod von Sofies Mutter nach Wiesbaden zurückkehren, um das Familienerbe zu regeln. Das Ehepaar fand Unterschlupf bei Sofies Schwester Ria Bach und ihrem Mann Theo. Da die Rottenbergs nicht in der Jüdischen Gemeinde Wiesbadens registriert waren und die nationalsozialistischen Behörden statt Naftali nach einer ›Natali‹ suchten, gerieten sie nicht in den Fokus der Gestapo. Das Ehepaar konnte das Haus in der Adolfstraße jedoch nur nachts verlassen und verbrachte die meiste Zeit bis zum Einmarsch der US-amerikanischen Truppen im Keller.
Überleben mit schweren Folgen
Katherine Lukat, Sachgebietsleitung Gedenkstätten beim Stadtarchiv Wiesbaden, führt dazu aus: »Das Leben vom Ehepaar Rottenberg ist eine sehr gut dokumentierte Biografie von nur wenigen jüdischen Menschen, die die Shoah in Wiesbaden überlebten. Sie zeigen, wie das Überleben im Versteck Menschen körperlich und seelisch zeichnete. Naftali Rottenberg hatte mehrere Herzinfarkte im Keller des Hauses Adolfstraße 14 erlitten. Seine Frau Sofie konnte ihm nicht helfen, da eine medizinische Versorgung aus Angst vor Entdeckung nicht möglich war. Schwer erkrankt und ausgezehrt beantragte das Ehepaar Rottenberg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ›Wiedergutmachung‹. Doch die deutschen Behörden erkannten sie nicht als Verfolgte des NS-Regimes an und sie mussten ihre Anerkennung und Entschädigung schließlich selbst erkämpfen. Naftali Rottenberg war maßgeblich an der Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden und dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in unserer Stadt beteiligt.«

Ein Abschied aus Verzweiflung: August und Ida Spiegel
Ein weiteres Wiesbadener Ehepaar, August und Ida Spiegel, überlebte die Zeit des Nationalsozialismus trotz Unterstützung nicht. Sie waren zwölf Jahre zuvor nach Wiesbaden gezogen, um im Alter näher bei ihrer Familie zu sein und lebten in der Danziger Straße 75 beim sozialdemokratischen Rektor Nikolaus Prediger. Seine Frau und er unterstützten das Ehepaar während der Verfolgung durch das NS-Regime. Im Sommer 1942 erhielten die meisten jüdischen Menschen in Wiesbaden ein Schreiben, das ihre bevorstehende Deportation ankündigte. 40 von ihnen wählten daraufhin den Freitod, darunter auch August und Ida Spiegel. Als Nikolaus Prediger ihren Abschiedsbrief erhielt, erfuhr er aus der Datierung, dass die Spiegels den Entschluss zum Selbstmord bereits 1940 gefasst hatten und zwei Jahre mit dieser schweren Entscheidung lebten. Zum Zeitpunkt ihres Todes war August Spiegel 82 und Ida Spiegel 80 Jahre alt.
Erinnerung an Wiesbadens vergessene Schicksale
Diese Schicksale stehen stellvertretend für viele vergessene Geschichten und zeigen, dass Überleben im Nationalsozialismus Mut, Solidarität und stillen Widerstand erforderte.


Abschiedsbrief von August und Ida Spiegel
Sonntag, 2/11 40
Werte liebe Familie Rektor! Mit diesen wenigen Zeilen nehmen meine Frau und ich von Ihnen Abschied – für immer! Ich schreibe Ihnen diese Zeilen, denn in letzter Stunde ist noch so Verschiedenes zu erledigen, rechtzeitig und im vollsten Bewusstsein und Einverständnis meiner Frau. Gestern, am 1. November, erhielt mein Sohn von einem befreundeten Pfarrer aus Ettlingen, welcher sich nach meinem Befinden erkundigte, mitgeteilt, dass alle dortigen Nichtarier binnen weniger Stunden ihr Heim hätten verlassen müssen, um abtransportiert zu werden. Wir glauben bestimmt, dass über kurz oder lang uns das gleiche Schicksal erreichen wird. Für uns alte morsche Menschen ist eine so übergross grässliche Verbannung dem Tode gleichzustellen, drum ziehen wir ein schnelles Ende vor. Für alle Ihre Liebe und Aufmerksamkeiten, die wir während unseres Zusammenwohnens genossen haben, danken wir Ihnen von ganzem Herzen. Möge Ihnen die Vorsehung stets nur im besten Sinne geneigt sein. Im Geist drücke ich Ihnen Allen von ganzem Herzen die Hand.
August Spiegel und Ida Spiegel
VivArt Service
VivArt bedankt sich herzlich bei Dr. Katherine Lukat und Dr. Axel Ulrich für die fachliche Unterstützung bei der Recherche zu diesem Thema.
Umfassendes Wissen über die Lebensgeschichten jüdischer Menschen aus Wiesbaden zur Zeit des Nationalsozialismus vermittelt das Aktive Museum in der Spiegelgasse.
Aktives Museum Spiegelgasse
Spiegelgasse 9, 65183 Wiesbaden
Öffnungszeiten: Do–Fr 15–17 Uhr
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