SPIELTRIEB oder: Sie wollen doch auch gewinnen

Der Spieltrieb ist ein faszinierendes Phänomen, das sich durch all unsere Lebensbereiche zieht. Vom frühesten Kindesalter an manifestiert er sich in vielseitigen Formen und hat starke Auswirkungen auf die individuelle Entwicklung, das Lernen sowie soziale Interaktionen. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff ›Spieltrieb‹? VivArt über das Spielerische in unserem Wesen vom Homo ludens bis zur Gamification.

Credit: Martin Sanchez, Unsplash

»Winning isn’t for everyone. It’s for those who do whatever it takes.«
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Unser Nationaldichter Friedrich Schiller wusste genau um die wertvollen Entwicklungsmöglichkeiten, die im spielenden Menschen schlummern. In ›Über die ästhetische Erziehung des Menschen‹ schrieb er 1795, dass nur »vertieft im Spiel« man »ganz bei sich« und »ganz Mensch« sei. Allerdings sind spielende Individuen in ihrer Spielhandlung auch frei von Pflicht. Diese ›Freiheit‹ erzeugte stets Argwohn, vor allem im Bildungswesen. Und als Vorbild war der Herzensbrecher, Schuldenmacher und wilde Zocker obendrein ungeeignet. Schillers spielumtriebiges Leben, das nur halb so lang wie Goethes währte, brachte ihm trotzdem denselben Nachruhm ein. In der Pädagogik, die dann von Rousseau bis Pestalozzi maßgeblich reformiert wurde, wollte man den natürlichen Spieltrieb mehr am Unterricht beteiligen. Noch war umstritten, ob das Kind von Natur aus gut sei. Kant war da nicht so optimistisch und wenn man Amelie Nothombs Debüt ›Die Liebessabotage‹ (1993) liest, in dem sie ihre Zeit an der internationalen Schule im Diplomatenghetto von Peking schildert, wo die Eltern um den Weltfrieden kämpfen und ihre Kinder Dritten Weltkrieg spielen, gibt es durchaus Anlass zu Skrupeln. Aber man vertraute im 19. Jahrhundert nun doch mehr auf die Neugierde als auf den Rohrstock. Den Beispielen unter den höheren Säugetieren folgend müsste sich auch die Lust am Spiel einspannen lassen.

Vor allem junge Haushunde und Hauskatzen spielen ›Funktionsspiele‹: Anschleichen und Überrumpeln, Jagen und Flüchten. Dass der natürliche Verhaltensimpuls im Spieltrieb von Menschenkindern (noch) keinem erwachsenen Sinn folgt, passte nicht ins Konzept. Unstreitig lernen unsere Kinder spielerisch die Konzepte, aus denen die Erwachsenenwelt besteht. Dieses Erklärungsmodell erhielt Ende der 1930er-Jahre durch den Niederländer Johan Huizinga den Beinamen ›Homo ludens‹, der spielende Mensch: Im Spiel entdecken wir unsere individuellen Eigenschaften und reifen durch die dabei gemachten Erfahrungen zu der in uns angelegten Persönlichkeit. Heute akzeptieren wir aber auch, dass das Kind nicht per se seine Umwelt allein zu diesem Zweck kennenlernt; das war eine Projektion fantasieloser Erwachsener. Ein Kleinkind hat zunächst gar keine Vorstellung von der Welt und davon, was die Gesellschaft einmal von ihm erwartet. Ausgerechnet Maria Montessori lehnte diesen Umstand vehement ab: Das Spielen sei die Arbeit der Kinder – e basta!


»Ich spiel das nicht, ich bin das!«
Klaus Kinski


Das Spielverhalten der Menschen unterscheide sich von dem der Tiere lediglich im höheren Spielniveau, heißt es. Fuchsjunge erwerben durch Anschauung bei der Mutter und durchs Balgen mit den Geschwistern das Handwerk des Tötens und Überlebens in der Wildnis. Unser eigener Spieltrieb zerfällt jedoch in viele Facetten. Spätestens mit den Forschungen zum ›Weltbild des Kindes‹ (1926) durch den Genfer Analytiker Jean Piaget war nicht mehr zu leugnen, dass der Spieltrieb sich eben nicht nur als Form aktiven Lernens äußert. In vielen Studien mit Kindern fiel Piaget auf, dass sie sich durch Rollenspiele, bei denen sie sich in fremde Personen, Tiere, Gegenstände hineindenken und deren Identität im Spiel annehmen, sowie die intellektuell bestimmten Denk-, Wissens- und Gestaltungsspiele über den kreatürlichen Spieltrieb hinaus entwickeln. Seither wurden rund 15 verschiedene Triebformen definiert. Es handelt sich um Impulse wie den genannten Neugiertrieb, den Explorationstrieb, den Bewegungs- und Leistungstrieb, den Gestaltungstrieb oder den Gesellungstrieb. Diese bringen jeweils eigene Spielformen hervor. So führt etwa der Wettkampftrieb zu den Wettspielen, der Darstellungstrieb zu Scharaden und schließlich auch der Sexualtrieb zum Liebesspiel.


»Gott würfelt nicht.«
Albert Einstein (1879–1955)

»Einstein, hör auf, Gott vorzuschreiben, was er mit seinen Würfeln machen soll.«
Niels Bohr (1885–1962)

»Gott würfelt nicht nur, er bescheißt auch noch.«
Stephen Hawking (1942–2018)


Alle intelligenten Lebensformen spielen. Da müssen wir nicht bei den nächsten Verwandten beginnen. Viele Vögel sind so smart wie Dreijährige. Eulen und andere Greifvögel nicht; ihre Glubschaugen nehmen so viel Platz ein, dass sie sich hinter der Stirn berühren. Merke: riesige Glaskörper – dumm wie Brot. Kleine Augen – Platz für Spieltrieb. Dergestalt sind Rabenvögel zu den verblüffendsten Denkleistungen imstande. Auch Übermut und Unsinn sind in ihren Spielhandlungen offensichtlich. Welchen Überlebensvorteil sollten rodelnde Dohlen auch haben?! Manche werfen sich am Sims von eingeschneiten Hausdächern auf den Rücken und gleiten die Schräge als schwarze Keile hinunter. Ratten wiederum sind bekanntlich Fluchttiere, dennoch gelang es, Laborratten das Verstecken als Spiel beizubringen: Zunächst sollten sie eine Person finden, die sich in einer Kiste verborgen hatte, danach versteckten sie sich, ließen sich suchen und blieben dabei mucksmäuschenstill. Darauf spielten die Ratten miteinander und verrieten sich dabei durch ihr erst jüngst erkanntes Lachen wie Kleinkinder. Aus dem bitterernsten Hide & Seek wurde ein Unterhaltungsspiel.

Das Spielen bereitet uns Menschen wie auch vielen spielenden Tieren also in erster Linie Freude. Caitlin O’Connell, eine Verhaltensökologin der Harvard Medical School, unterscheidet das Bewegungsspiel vom sozialen Spiel. Letzteres erklärt, warum es sogar Elefantenmütter amüsiert, dem Nachwuchs beim Rumblödeln mit dem Rüssel zuzugucken. Auch in unserer Kindheit verhält es sich zunächst nicht anders: Beim Herumtollen stärken wir unsere Motorik, laufen immer sicherer, springen immer weiter, wechseln bei Räuber und Gendarm die Rollen. Gerade das Herumalbern in Bewegung, Verhalten oder Sprache hilft uns, kreativer zu werden. O’Connell ist sich nach Jahren der Beobachtung und des Vergleichens von Tier- und Menschenverhalten sicher: »Auch unsere hochgradig anpassungsfähige und innovative Natur ist tief im Spiel verwurzelt. Beim Spielen lernen wir immer etwas Neues – und sind nie zu alt für die dabei gewonnenen Erkenntnisse. Wie sich ein gutes Spiel auszahlt, weiß man vorher nie. Doch eines ist sicher: Es kann neue Bande knüpfen, Familien zusammenführen, beim Umgang mit Problemen helfen, die Gesundheit verbessern, Zusammenarbeit fördern und Innovationen voranbringen. Angesichts all dieser Vorteile: Wie können wir es uns da leisten, nicht zu spielen?«


»Das Leben besitzt nur einen wahren Reiz: den Reiz des Spiels. Was aber, wenn es uns gleichgültig ist, zu gewinnen oder zu verlieren?«
Charles Baudelaire


Steigen wir höher in der Nahrungskette auf, wächst parallel zum Spieltrieb allerdings auch die ›Grausamkeit‹. Das weiß jeder, der einen Stubentiger dabei erlebte, wie eine erbeutete Maus praktisch totgespielt und genüsslich in den Teppich verrieben wird. Wale wie die für besonders schlau gehaltenen schwarz-weiß gemusterten Schwertwale spielen gern Orcas vs. Seals. Sie passen sich Robben in der Brandung zu wie in einem schaurigen Ballspiel. Auch dass eine Sippe sich in diesem Jahr entlang der iberischen Küste an Sportbooten vergriff, war für die Fachleute nicht aggressiv motiviert: Boote zu belästigen wäre demnach die Challenge dieses Jahres unter den Jungtieren gewesen. Unter uns gibt es jedenfalls Spuren des Spiels, seit der moderne Mensch im Holozän erscheint. Murmeln, Flöten und Püppchen gehören zu den ersten Kulturgegenständen. Würfel sind seit über 8.000 Jahren bekannt; die ältesten sind aus den Knöcheln von Schafen gefertigt, waren schon immer sechsflächig und trugen die bekannten ›Augen‹. Zu den größten Errungenschaften der Zivilisation gehört die Sublimation unserer kriegerischen Natur in sportliche Wettkämpfe wie die Olympiaden oder die Turniere unter den Rittersleuten, in denen der Unterlegene nicht mehr massakriert wird. Auch das Schachspiel, das in Urformen wie dem Senet bereits im alten Ägypten beliebt war, gilt nicht von ungefähr als ›Spiel der Könige‹: Schach ist ebenso eine Sublimation und drückt offenkundig unsere gesellschaftlichen Machtkämpfe allegorisch aus. Das Spiel liegt in uns wie die Geltungssucht. Wir suchen die Unterscheidung, wir wollen die Erhöhung und müssen dafür Unterlegene in einem Sieg erniedrigen. Seinen ›heiligen Ernst‹ legt also auch das vergnüglichste Spiel nie ab.

Und es gibt seltene Beispiele, wie sogar aus dem Ruin in der Spielsucht noch ein Geldsegen wird. Fjodor Dostojewski verzockte in ›Roulettenburg‹, mit dem eindeutig Wiesbaden identifiziert ist, seine Reisekasse: 3.000 Goldmark auf einen Schlag. Auch das von seinem Freund Turgenjew Geliehene verjuxte er gleich wieder. Da saß er nun tagelang im Foyer des Nassauer Hofs, lebte von Tee, den es gratis gab, und kabelte seinem Verlag die ersten Kapitel des berühmten Romans ›Der Spieler‹. Mit dem Vorschuss dafür konnte er die Bahnfahrt zurück nach Sankt Petersburg bezahlen und war schon bald wieder saniert.


»I’ve played all my cards
And that’s what you’ve done too
Nothing more to say
No more ace to play
The winner takes it all
The loser’s standing small
Beside the victory
That’s her destiny.«
ABBA (1980)


Auffällig ist, wie sehr das Spielen nicht erst seit heute, wohl aber immer tyrannischer monetarisiert wird. Gerade Formen wie eine Fußball-WM oder die Olympischen Spiele könnten Ausweis einer friedlicheren Welt sein, dabei wurden Letztere nur 1916, 1940 und 1944 ausgesetzt. Kaum ein Gastgeberland würde seither auf die Spiele oder eine WM verzichten – und mag die Welt noch so sehr in Krieg und Bürgerkrieg versinken. Allein das Budget des Pariser Organisationskomitees belief sich auf 4,38 Milliarden Euro. Auch die schwindelerregenden Summen, die manche Vereine für talentierte Spieler zu zahlen bereit sind, werden seit Jahrzehnten ethisch und fruchtlos diskutiert.


»Er soll an den Spielen teilnehmen, bis er spielend stirbt!«
Master Control Programm (Tron, 1982)


Das zieht seine Kreise. Die gesamte Gaming-Industrie ist heute erfolgreicher und wertvoller als die Film- und die Musikindustrie zusammen! Die Videospielbranche macht sich selbstverständlich zunutze, dass uns nicht das Spiel an sich genug Freude bereitet, sondern beim Gewinnen Glückshormone ausgeschüttet werden. Das Belohnsystem ist daher das zentrale Suchtelement aller Titel von ›Candy Crush Saga‹ bis ›Call of Duty‹. Wer mehr investiert, erhält bessere Belohnungen in Form von Items, Waffen und Werkzeugen, Angriffs- und Verteidigungspunkten, neuen Skins, höheren Rängen. Und je mehr unterschiedliche Belohnungsarten ein Spiel bietet, desto höher ist das Suchtrisiko, so das Fazit von Prof. Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck, der 2019 im Auftrag der Bundesregierung mit der Identifizierung der suchtfördernden Faktoren in der Gaming-Szene beauftragt war. Einer der beliebtesten Titel, die FIFA Videospiele-Serie, hat eine Altersfreigabe von 4+. Millionen vor allem sehr junger Gamer geben darin rund 500 Euro und mehr pro Season für ihr Dreamteam aus, wobei perfiderweise das Zufallsprinzip gilt. Erinnert an Glücksspiel? Ist es auch!

Viele, die noch das Zocken von Videospielen aus den Neunzigerjahren und früher kennen, vermissen den Charme der damaligen Spielearchitektur wie auch den eigenen Humor der damaligen Programmierer. Wahrscheinlich, weil die heutige Generation von Spieleentwickelnden selbst nicht mehr die eigenen Titel auch nur testweise gern spielt. Die Erschaffenden sind keine ›User‹ mehr, ihr Codex ist verlorengegangen. Und auf Spielerseite sind die hohen Ränge ohne In-App-Käufe gar nicht mehr erreichbar. Aus Unmut darüber wird mit illegalen Cheats betrogen. Die Gier: wächst weiter. Und der Spaß: hört auf.

Unser Spieltrieb jedenfalls ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen, das sich durch das gesamte Leben eines Menschen zieht. Er ist nicht nur ein Ausdruck von Spaß und Freude, sondern befördert unsere kognitive, emotionale und soziale Entwicklung. In einer zunehmend digitalisierten Welt bleibt der Spieltrieb relevant, sowohl für die individuelle Entfaltung als auch fürs Gemeinschaftsgefühl. Um die Vorteile des Spieltriebs zu nutzen, ist es wichtig, ihn sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter auszuleben. Bildungseinrichtungen, Unternehmen und soziale Organisationen sollten die Bedeutung des Spiels anerkennen und entsprechende Räume und Möglichkeiten schaffen. Nur so können wir die positiven Effekte des Spielens voll ausschöpfen.

Credit: Martin Sanchez, Unsplash

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