
Das Covermotiv stammt aus dem Film ›Vika!‹, der beim diesjährigen goEast Filmfestival gezeigt wurde

Dr. Tankred Stöbe
Helfen stärkt die Resilienz
Dr. Tankred Stöbe hat als Mediziner hier in Deutschland, aber auch für ›Ärzte ohne Grenzen‹ auf der ganzen Welt sehr vielen Menschen das Leben gerettet. Die deutsche Ärzteschaft hat ihn für seine »ärztliche Haltung und unerschütterliche Einsatzbereitschaft« mit der Paracelsus-Medaille ausgezeichnet. Zur Eröffnung des Patiententages hat ihn die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) nach Wiesbaden eingeladen.
Herr Dr. Stöbe, extreme Situationen haben Sie bei Einsätzen zuletzt in der Ukraine, dem Sudan und in Gaza erlebt. Was macht Organisationen so stark, dass sie unter solchen Bedingungen helfen können?
»Resilienz ist für die humanitäre Hilfe extrem wichtig. Vielleicht bewerben sich potenziell resiliente Menschen eher bei Organisationen wie den Ärzten ohne Grenzen, schließlich müssen sie sich höhere Belastungen zutrauen. Wichtig ist, die eigene Resilienz weiter zu stärken. Es hat nicht nur mit Glück zu tun, wenn jemand eine bessere Resilienz hat als andere. Die inneren Stärken lassen sich trainieren. Dann ist ein erfolgreiches Überleben in Extremsituationen wahrscheinlicher und Traumatisierungen lassen sich leichter bewältigen.«
Der Schutz von Hilfsorganisationen in Kriegs- und Krisengebieten ist nicht mehr so selbstverständlich wie in der Vergangenheit. Wie gehen die Organisationen damit um?
»Tatsächlich waren wir häufiger Angriffen ausgesetzt, obwohl dies gegen das Völkerrecht verstößt. Der Respekt davor geht verloren. Die Weltgesundheitsorganisation hat seit 2022 in der Ukraine zwei Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen pro Tag dokumentiert. Solche Orte werden zu strategischen Zielscheiben. Selbst wenn sie als Verstecke von Kombattanten dienen sollten, rechtfertigt das nicht direkte Angriffe – zumal diese im Nachhinein nicht aufgearbeitet werden. Humanitär sind das unglaubliche Katastrophen, die ihre Schatten nach vorne werfen: Es
werden zum einen Menschen verletzt und getötet, zum anderen gibt es wieder eine medizinische Einrichtung weniger, um künftig Kranke behandeln zu können.«
Was bietet Schutz?
»Manchmal helfen Diplomatie und Verhandlungen vor Ort. In einer Frontstadt wie dem ukrainischen Cherson versuchen wir, die Exposition zu minimieren, indem wir uns im Krankenhaus verschanzen, das Obergeschoss und die Räume zur Front hin nicht nutzen – also das halbe Gebäude – und alles für die Weiterführung unserer Arbeit im Keller bereithalten. Wir tragen Schutzwesten, sind auf chemische und nukleare Angriffe vorbereitet, soweit das geht, können psychologische Beratung in Anspruch nehmen und wechseln die Teams nur alle zwei Wochen, damit sie unterwegs weniger gefährdet sind.«
Was macht Sie so stark, dass Sie so vielen anderenMenschen helfen können?
»Wenn ich abreise, bleiben die Menschen, die im Krieg leben, dort. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, mich in Sicherheit bringen und erholen zu können. Zugleich fühle ich mich ohnmächtig, wenn ich nicht helfe. Ich bin froh, sinnvoll tätig zu sein. Konkret Menschen zu helfen, das ist es, was mich stärkt.«
Wie fühlt sich dann das Leben in Deutschland an?
»Wenn man so viele Katastrophen direkt erlebt, wie wir das tun, verändert das den Blick auf unsere Gesellschaft. Wir üben uns hier in immer feineren Verhaltensweisen, ziehen uns jetzt öfter in Kokons zurück. Das macht uns jedoch emotional angreifbarer, vor allem, wenn existenzielle Herausforderungen drohen. Wir sollten uns besser wappnen.«
Andreas Maul und Hans-Peter Hoogen

Für die richtige Sache kämpfen
Andreas Maul und Hans-Peter Hoogen haben die Initiative ›Mahnmal Homosexuellenverfolgung‹ ge- gründet und dafür gesorgt, dass es den ›Frankfurter Engel‹ gibt. Nach mehr als 30 Jahren haben sie jetzt ihren Verein aufgelöst.
Was hat Ihnen vor drei Jahrzehnten die Kraft gegeben, die Initiative zu gründen?
»Unsere Kraftquelle war, zur richtigen Zeit für die richtige Sache zu kämpfen, mit Herz und ehrlichem Engagement in einer effektiv arbeitenden Initiative. Die positive Resonanz und schnell einsetzende Erfolge stärkten zudem das Selbstbewusstsein unserer Gruppe und ermöglichten es uns, aufkommenden Widerständen mit eigener Entschlussfreudigkeit und Ausdauer zu begegnen und nicht auf die Zuständigkeiten anderer zu bauen, sondern größtmögliche Verantwortung für die Realisierung unseres Projekts selbst zu übernehmen.«

Gabriele Abshagen
Glaube und Nächstenliebe
Was motiviert Sie bei ›Manna Mobil‹, Kinder und Jugendliche mit so viel Elan zu versorgen?
»Mein Antrieb und meine Superkraft sind mein christlicher Glaube und die Nächstenliebe.
Ramon John

Das Wohnzimmer meiner Oma
Ramon John stammt aus Fulda und ist seit 2016 Mitglied des Hessischen Staatsballetts. Die ›Frankfurter Allgemeine Zeitung‹ schreibt über ihn: »Ramon John ist eine Ausnahmeerscheinung im Hessischen Staatsballett, für seinen ›Wanderer‹ ist er als bester Tänzer ausgezeichnet worden und mit dem größten deutschen Theaterpreis ›Der Faust‹.«
Was gibt Ihnen immer wieder die Inspiration und Kraft, auf höchstem Niveau so unterschiedliche Choreografien zu tanzen?
»Ich leide so stark unter Lampenfieber, dass ich fürchte, eines Abends einfach nicht mehr auf die Bühne zu gehen. Was mir vor dem Auftritt hilft, ist, mich gedanklich in das Wohnzimmer meiner Oma zurückzuversetzen, wie ich als Kind dort für sie und meine Mutter tanzte. Das nimmt mir den Druck, meinen eigenen hohen Erwartungen und denen des ganzen Publikums entsprechen zu müssen. In diesem Zimmer habe ich angefangen, verschiedene Rollen darzustellen. Dieses Verspielte gibt mir auch heute Kraft. Wichtig ist es mir, einen Raum schaffen zu können wie einen Safe Space, in den die Leute fliehen können aus dem Alltag. Es ist großartig, dass wir hier mit dem Ensemble in Wiesbaden und Darmstadt die Möglichkeit dazu haben. Ich bin kein Fan von Social Media mehr. Als Gegenpol zur digitalen Welt möchte ich die Dynamik der analogen Kunst teilen, die wir gemeinsam mit dem Orchester an den Ballettabenden hier in Wiesbaden und Darmstadt entfalten können. Die meiste Kraft gibt mir dabei mein Partner Masa.«

Heleen Gerritsen
Die Gespräche mit meiner Großmutter
Heleen Gerritsen ist seit 2017 Leiterin des Wiesbadener goEast Festivals, ab Juni die künstlerische Direktorin der Stiftung Deutsche Kinemathek, einer der führenden Filmerbe-Einrichtungen Europas.
Was tun Sie, um in anstrengenden Zeiten bei Kräften zu bleiben?
»Als sie noch gelebt hat, habe ich meine Großmutter angerufen! Jetzt schöpfe ich Kraft aus Gesprächen mit Freundinnen und Freunden, gerne auch bei einem Spaziergang in der Natur. Und mein Morgenritual ist mir wichtig: Sobald die Temperaturen es zulassen, verbringe ich die ersten 30 Minuten nach dem Aufstehen auf meinem Balkon in der Sonne, trinke da meinen Kaffee und bereite mich vor auf den kommenden Tag.«
Christine Rother-Ulrich

Die Liebe zur Kunst weitergeben
Christine Rothers Leben ist eng mit der Kunst verwoben. Besuchten wir sie früher in ihrer Galerie Rother-Winter in der Wiesbadener Taunusstraße, ist sie heute im Museum Reinhard Ernst anzutreffen. Mit ihrem Fachwissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Architektur führt sie durchs Gebäude und die Sammlungen, die hier eine besonders stimmige Synergie eingehen. Neben der permanenten Sammlung sind aktuell Werke von Helen Frankenthaler zu sehen. Rother erzählt begeistert über das Leben dieser Farb-Rebellin und ihre besondere Rolle, die sie in der Kunstgeschichte einnimmt. Stets mit Expertise, ohne zu fachsimpeln. Vielmehr leitet Rother die Menschen bei den Führungen dazu an, neugierig auf die Gemälde zu blicken und zu benennen, was sie selbst in den abstrakten Formen und Farben sehen. Denn alles ist richtig, wie Frank Stella gesagt hat: »You see, what you see«. Christine Rother-Ulrich ist Kulturbotschafterin – damals wie heute.
»Es gibt für mich nichts Schöneres, als die Liebe zur Kunst weitergeben zu können.«

Axel Milberg
Es muss immer Aufbruch geben
Der Schauspieler Axel Milberg erhielt den Hauptpreis des Deutschen FernsehKrimi-Festivals Wiesbaden für seinen letzten Einsatz als Kommissar Borowski im ›Tatort‹. Das Festival ist eine Veranstaltung des Kulturamtes der Landeshauptstadt Wiesbaden und gastiert alljährlich im Caligari.
Was treibt Sie an?
»Für mich muss es immer Aufbruch geben. Die nächste Rolle ist die beste.«
Illustrationen: Jessie Mühlich
Weitere Artikel zum Thema Resilienz finden Sie in der neuen Ausgabe der VivArt Lebenszeit. Verpassen Sie keine Ausgabe:
Kunst
Junge Fotografie und mehr
Vorlaut
Life doesn’t frighten me
Café & Kuchen
Frische Ideen, superleckeres Brot und mehr– Bäcker Dries neu gedacht
Die Kunst der feinen Mischung
»Nur das Beste«
Kunst & Kultur
Junge Fotografie und mehr
Vorlaut
Life doesn’t frighten me
Essen & Trinken
Alles außer Champignons
Genuss, Gastfreundschaft und ein kleines Stück Griechenland
Gastgeberin mit rheinhessischem Herzschlag
Überzeugungstäter
Leckere Rezepte
Erdbeertörtchen
Oladky zum Vernaschen!
Gaumenschmaus à la Ukraine
Spinat Gnocchi mit brauner Butter
Mode & Fashion
Gutes Gewissen trägt nie auf
EIN ZIMMER VOLLER UNIKATE