Rahim Schmidt: Arzt, Aktivist und Mainzer aus Überzeugung

Dr. Dr. Rahim Schmidt lebt seit über 20 Jahren in Mainz. Im Interview spricht er über seine Arbeit als Arzt, sein Engagement für Menschenrechte und warum Langsamkeit für ihn Lebensqualität bedeutet.

Foto: Universitätsmedizin Mainz / Markus Schmidt

On the Road ist Dr. Dr. Rahim Schmidt auch nach über 40 Jahren in Deutschland noch. Der Iraner mit aserbaidschanischen Wurzeln kam 1978 im Alter von 19 Jahren nach Deutschland, brachte sich die Sprache selbst bei und wollte nur eines: studieren. Heute lebt er in Mainz und ist stellvertretender fachärztlicher Leiter der Allgemeinmedizinischen hausärztlichen Hochschulambulanz (AHA) der Universitätsmedizin. Als Spezialist für Migrantenmedizin ist er deutschlandweit ein gefragter Redner, außerdem politisch engagiert und ehrenamtlich für Amnesty International tätig.

Warum leben Sie in Mainz?
Meine Frau ist Deutsche, kommt aus Essen. Wir lebten eine Zeit lang in Hagen, aber das war keine Stadt für mich. Ich brauche den Kontakt zu Menschen, zu Politik, zu Cafés – und da fiel die Wahl auf Mainz. Ich kannte die Stadt von früher, von unseren Demonstrationen in den 80ern. Ich habe hier viele Freunde und Bekannte, ich liebe den guten Wein, den Rhein und die offene Atmosphäre der Stadt. Es war also eine bewusste Entscheidung und ist mittlerweile die längste Station in meinem Leben. Seit über 20 Jahren bin ich jetzt Mainzer.

Worauf könnten Sie in Ihrer Stadt gern verzichten?
Auf gar nichts. Alles gehört genauso zu dieser Stadt, wie es ist – und es ist gut so.

Was hat sich in den vergangenen fünf Jahren zum Guten hin verändert?
Mainz ist noch mal offener geworden, kosmopolitischer. Es gibt diese Bereitschaft zum Dialog, gerade hier. Vielleicht hat es auch mit dem Biontech-Boom zu tun. Dass ein Professor mit türkischen Wurzeln einen Impfstoff mitentwickelt, der weltweit zum Einsatz kommt, hat Mainz noch mal in einen anderen Fokus gerückt.

Was zum Schlechteren?
Das Tempo. Alles wird schneller – Lieferando, Plastikverpackungen, Hektik im Alltag. Ich sehe das als Arzt auch im Zwischenmenschlichen: Beziehungen, Freundschaften, Gespräche, das alles wird knapper. Wir verlieren die Langsamkeit und mit ihr eine Form von Lebensqualität. Und es gibt auch viel Gegeneinander, alles wird kleinteiliger. Ich glaube, wir müssen lernen, wieder aufeinander zuzugehen und uns gegenseitig wirklich zuzuhören.

Wohin gehen Sie gern auf ein Bier oder einen Wein?
In den ›Baron‹, direkt auf dem Universitätsgelände. Hier hat es Atmosphäre, es trifft sich Jung und Alt, Student und Professor. Für mich auch ein Ort der Erinnerungen an die 80er, die Proteste und meine Jugend.

Welches kulturelle Event haben Sie hier zuletzt besucht?
Ich muss gestehen, kulturell zieht es mich eher nach Frankfurt, ich liebe Alt-Sachsenhausen. In meiner Anfangszeit lebte ich dort ganz in der Nähe in einem besetzten Haus. Ich bin nachts aus dem Fenster geklettert und vor der Polizei geflüchtet, habe meinen linken Schuh in einer Schneewehe verloren. Ich erinnere mich gern an diese Zeit und an die Menschen, die mir geholfen haben. Dort streife ich dann durch die Straßen, genieße die Kneipenkultur und denke an früher.

Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie nicht in Mainz sind?
Vor allem die Menschen: meine Familie, meine Freunde. Und meinen Hund. Aber ich vermisse auch den Domplatz, den Rhein und den Wald. Früher war ich Marathonläufer und laufe auch heute noch viel, am liebsten zwischen Gonsenheim und Finthen. Der Wald hat ja auch in der deutschen Kultur eine besondere Stellung und findet sich in vielen Gedichten wieder. Das fehlt mir, wenn ich woanders bin.

Was bedeutet für Sie ›Zuhause‹?
Zuhause ist kein Ort, es ist ein Gefühl. Für mich ist das: Wärme, Erinnerungen, Sprache, Gerüche. Das gibt mir der Gonsenheimer Wald genauso, wie wenn ich in Marburg Frau Schmidt besuche, die mir in den 1980er-Jahren ein Zimmer vermietet hat, als ich praktisch nichts hatte. Zuhause ist aber auch mein Beruf – der Kontakt zu Menschen, das Vertrauen, das sie mir entgegenbringen. Auch dabei fühle ich mich wirklich heimisch.

Wie prägt Ihr eigener Hintergrund Ihre Arbeit als Arzt?
Ich sehe alles von drei Seiten – kulturell, sprachlich, menschlich. Ich weiß, was es heißt, fremd zu sein. Und ich weiß, wie sehr Worte wirken – im Guten wie im Schlechten. In der Medizin geht es nicht nur um Diagnostik, sondern auch um Sprache, Verständnis und Vertrauen. Das darf man als Arzt nicht außer Acht lassen, besonders in der Migrantenmedizin. Ich arbeite viel mit Menschen, die nie gelernt haben, über ihre Beschwerden zu sprechen – einfach deshalb, weil man das in ihrem Kulturkreis nicht tut. Da braucht es Sensibilität, Erfahrung und vor allem Zeit. Ich erlaube mir, den Menschen diese Zeit zu geben.

Welche Begegnungen in Mainz haben Sie besonders bewegt?
Zahlreiche. Ich arbeite ehrenamtlich mit dem Arztmobil für Obdachlose. Menschen, die jahrzehntelang auf der Straße leben, die nichts haben – keine Krankenversicherung, kein soziales Netz – und trotzdem ihre Würde behalten, dankbar sind, stark sind. Da lernt man Demut. Und man versteht, was wirklich zählt: Nähe, Respekt und zwischenmenschliche Wärme.

Was haben Sie für die Zukunft vor?
Ich gehe tatsächlich zum Ende des Jahres in Rente, aber ich habe noch viel vor und bin offen für neue Aufgaben. Mit Sicherheit werde ich mich auch weiterhin ehrenamtlich engagieren – für Migranten, Medizin und Menschenrechte.

Vollenden Sie diesen Satz: Mainz ist …
Ein Ort der Begegnung – offen, menschlich und lebendig.

Vielen Dank für das Gespräch!


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