
Der Kochbrunnen wird erstmals 1366 als ›Brühborn‹ urkundlich erwähnt und bedeutet natürlich dasselbe auf Mittelhochdeutsch. Genutzt wurde das Thermalwasser bekanntermaßen viel länger, römischen Legionäre aalten sich bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. darin. Ohne seine heißen Quellen wäre Wiesbaden wohl nie gegründet worden.
Die Quellen des Kochbrunnens: Vielfalt und Mineralien
Bis heute ist nicht vollständig zu klären, wie viele Quellen es eigentlich sind, mal wird von 26, mal von 27 geschrieben und nicht alle unterscheiden sich in Geschmack und Qualität so, dass sie einen eigenen Namen bekamen wie die Adlerquelle, die Schützenhofquelle oder der schwefelig müffelnde Faulbrunnen am Platz der Deutschen Einheit. Etwas auffälliger ist der Bäckerbrunnen im ›Schiffchen‹, für den eigens ein Fachwerkhäuschen errichtet wurde. Auch wenn das, was dort heute entspringt, seit den 1970er-Jahren aus hygienischen Gründen vom Kaiser Friedrich Bad zugeleitet wird, soll die frühere Quelle von den hiesigen Bäckern wirklich genutzt worden sein, um ihren Sauerteig anzusetzen – und sich die Hefe zu sparen.

Beim Bau des Palasthotels stieß man 1903 auf die Fundamente der antiken Therme. Der entscheidende Vorteil wird für die Römer darin bestanden haben, dass aus dem größten Quelltopf, der wiederum aus rund 15 einzelnen Quellen gespeist wird, bereits 67 Grad heißes Wasser in ergiebigen Mengen von zwei Millionen Litern am Tag quillt, welches für ihre Bäder nicht mehr extra erhitzt werden musste.
Thermalwasser im Alltag: Nutzung durch Bäcker und Kurgäste
Obwohl die Badekultur der Römer noch heute als medizinischer Fortschritt bewundert wird, scheint sie der Gesundheit der antiken Europäer kaum geholfen zu haben, fand der britische Archäologe Piers Mitchell heraus. Die groteske Keim- und Parasitenbelastung, die er bei Ausgrabungen anderer Thermen der Römer in Britannia feststellte, scheint im Kochbrunnenwasser allerdings kaum Thema zu sein. Zur äußerlichen Anwendung war es seit der Antike beliebt, getrunken hätten es die weisen Römer wohl nicht. Auch die Hydrogeologen vom Nassauischen Verein für Naturkunde betonen bei ihren Führungen die katalytische Aggressivität des Wiesbadener Thermalwassers. Das Wasser der Kochbrunnenquelle, im Fachjargon eine artesische Natrium-Chlorid-Thermalquelle, gelangt aus über 2.000 Metern Tiefe an die Oberfläche und spült aus der Erdkruste neben der Hauptingredienz Kochsalz einen wirren Cocktail aus über zwei Dutzend weiteren, als Salze ausfallende Mineralien, Metalle und andere leckeren Substanzen wie Antimon, Blei oder Quecksilber zu uns auf den Kranzplatz hinauf. Darunter überschreiten einige locker die Grenzwerte des Bekömmlichen, Arsen sogar um das Zehnfache! All das schlägt sich in orangefarbenen Kalkablagerungen nieder, die mehrmals im Jahr vom Schaubrunnen am Kranzplatz abgeschlagen werden müssen. Die römischen Frauen schätzten übrigens die bleichende Wirkung dieses Sinters und verwendeten die im ganzen Reich gehandelten ›Mattiakischen Kugeln‹ als Haarfärbemittel und Schminke.
Römische Badekultur und gesundheitlicher Mythos
Warum es in Wilhelminischer Zeit üblich wurde, sich das Kochbrunnenwasser zur inneren Anwendung von kessen Brunnenmädchen schöpfen zu lassen und es im Ambulieren durch die Brunnenkolonnaden schlückchenweise zu trinken, ist nicht leicht zu erklären. Man schrieb dem Genuss eine regenerierende und entschlackende Wirkung zu, und wahrscheinlich war dem Gros der Kurgäste in der biederen Kaiserzeit ein gemeinsames Bad im Thermalwasser wie Anno Asterix zu frivol. Im Original erhaltenen Badhaus des Schwarzen Bocks badet man bis heute in wunderschönen Jugendstil-Abteilen allein. Das änderte sich erst durch den Betrieb des Kaiser Friedrich Bads und den trendigen Orientalismus, durch den auch die ›Weltkurstadt‹ offener für Hamam-Wellness wurde.

Wilhelminische Kurtradition und Trinkkultur
Auf jeden Fall brachte dieser Naturschatz schon immer den Fortschritt in die Stadt, das war im Altertum so und erst recht in der Neuzeit. Nicht von Ungefähr ist der Schwarze Bock von 1486 das älteste Hotel Deutschlands. Einige Wiesbadener Kurhotels gehörten zu den ersten mit fließend heißem Wasser und Aufzügen, das 1905 fertiggestellte Palasthotel war sogar das Erste in Europa mit Telefon auf dem Zimmer.
Kochbrunnen heute: Kaiser Friedrich Bad und modernes Wellnesserlebnis
Und gerade zu dieser Jahreshälfte freuen sich die Frostbeulen unter uns über den wunderbaren Dämmer und die wohlige Entspannung im Kochbrunnenwasser. Unter den Wiesbadener Thermalbädern bietet das Kaiser Friedrich Bad immer noch den authentischsten Eindruck. Das exklusiv von der Kochbrunnenquelle gefüllte Sitzbecken hat 39 Grad. Herrlich!
Zur ersten vollständigen Analyse des Kochbrunnenwasser von Fresenius aus dem Jahr 1936: zobodat.at
Mattiaqua beschreibt das Kochbrunnenwasser als ›Heilwasser mit pharmakologischer Wirksamkeit‹. Es ist aufgrund seiner Zusammensetzung nicht wie Trinkwasser zum täglichen Genuss und nicht zur Anwendung über eine längere Zeit ohne ärztliche Beratung bestimmt. Eine Trinkkur sollte ohne ärztliche Beratung nicht länger als 3 Wochen andauern. Die empfohlene Tagesdosis für Erwachsene aus dieser Quelle beträgt maximal 0,4 Liter und ist auf gar keinen Fall zur Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet!
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