Ehrenbürger Jörg Jordan

Wiesbaden sähe heute an vielen Stellen anders aus, gäbe es Jörg Jordan nicht. Vivart Lebenszeit portraitiert und interviewt den Ehrenbürger, dessen Arbeit im vergangenen Jahrhundert dem Stadtbild und der Lebensqualität Wiesbadens bis heute zugute kommt.

Foto: Rene Vigneron

In der Nachkriegszeit hielt man die historische Architektur Wiesbadens für altmodisch und überholt. In der Politik wurde darüber diskutiert, große Teile der alten Bebauung durch Neubauten zu ersetzen. Mit der Planung wurde der Frankfurter Architekt Ernst May beauftragt. Dessen ›zukunftsfähige Vision‹ war ziemlich radikal und baute auf Abriss. Seine Forderungen:

  • Das Bergkirchenviertel bis auf die Kirche abreißen und durch Hochhäuser ersetzen.
  • Abriss des Villenviertels östlich von Paulinenstraße und Mainzer Straße. Hier sollte die City Ost entstehen mit     Verwaltungszentrum und Bürostadt.
  • Anstelle des Altstadtschiffchens sollten Parkplätze angelegt werden.

Die damaligen Jungsozialisten mit dem Trio Jörg Jordan, Achim Exner und Michael von Poser entwickelten ein Gegenkonzept. Mit ihrem Programm ›Für ein menschliches Wiesbaden‹ konnten sie sich nach vielen Diskussionen und spektakulären Aktionen durchsetzen. Als Stadtentwicklungs- und Baudezernent war Jörg Jordan maßgeblich an der Umsetzung des Paradigmenwechsels zur Stadterhaltung beteiligt. Dazu gehörten die Sanierung des Bergkirchenviertels, der Komplex Palasthotel, die Restaurierung des Hessischen Staatstheaters und der Villa Clementine, die heutige Fußgängerzone inklusive des autofreien Schlossplatzes und viele weitere Projekte.

Die Sanierung des Bergkirchenviertels begann 1975. Heute präsentiert sich das Viertel mit einem altstädtischen Quartiercharakter mit entkernten und begrünten Innenhofbereichen und einem preiswerten Mietwohnungsbestand. In den 1970er-Jahren wandelte sich die Einstellung gegenüber den historistischen Baudenkmälern nicht nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft allgemein. »Wiesbaden ist das bedeutendste Stadtdenkmal des Historismus in Deutschland.« So wirbt die Landeshauptstadt heute auf ihrer Homepage. Seit 2005 strebt sie auch den Status als Weltkulturerbe an.

Auch nach seiner beruflichen Karriere als Jurist blieb Jordan weiterhin aktiv. Er begann als Pensionär ein zweites Studium der Ge-schichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, das er 2009 erfolgreich als Magister abschloss, im Jahr 2013 folgte die Promotion zum Dr. phil. Der Titel seiner Dissertation ›Im Schatten Napoleons: Staatsaufbau in Nassau und Stadtentwicklung in Wiesbaden‹, die auch als Buch erschienen ist, beschäftigt sich mit der Geschichte des Herzogtums in den ersten beiden Dritteln des 19. Jahrhunderts.

In dieser Zeit wandelte sich das Bauernstädtchen Wiesbaden mit seinen heißen Quellen und einem überschaubaren Badebetrieb zur herzoglichen Residenzstadt sowie zum Modekurort des europäischen Adels und des wohlhabenden Bürgertums. 1852 wird Wiesbaden erstmals als Weltkurstadt bezeichnet. Auch nach der Annexion Nassaus durch Preußen ist der Aufstieg Wiesbadens nicht zu stoppen. Im Gegenteil: Die Zahl der Kurgäste und auch der Einwohner steigt weiter rasant an. In der kurzen Zeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Beginn des Ersten Weltkrieges wurden im Rheingauviertel und im äußeren Westend neue Stadtviertel ›des gehobenen Wohnbedarfs‹ straßenzugsweise hochgezogen. 


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