DIE KOSTBAREN RESSOURCEN DER STADT NUTZEN

Die Fraktionsvorsitzende und wirtschaftspolitische Sprecherin der grünen Rathausfraktion kandidiert als Wiesbadener Oberbürgermeisterin. Miriam Becker sprach mit Gesine Bonnet über ihre Beweggründe und Ziele.

Gesine Bonnet ist 54 Jahre alt und hat zwei Söhne im Teenageralter. Die selbständige Redakteurin und Moderatorin lebt seit 17 Jahren in Wiesbaden und engagiert sich als Fraktionsvorsitzende und wirtschaftspolitische Sprecherin der grünen Rathausfraktion.
Fotos: Anna Löwen

Gesine, wir kennen uns aus der ehrenamtlichen Arbeit an der Schule unserer Kinder. Jetzt strebst du zum höchsten Amt der Stadt. Warum?
Weil ich mich mit all meiner Kraft für diese wunderbare Stadt einsetzen will. Und weil ich Verantwortung übernehmen möchte in einer Zeit, in der es gilt, Zukunftsaufgaben mutig anzugehen und die Chancen der Veränderung zu nutzen. In die Politik gebracht hat mich tatsächlich das Leben mit Kindern in dieser Stadt. Zunächst in den Ortsbeirat Mitte, seit 2021 in die Stadtverordnetenversammlung. Aber auch die großartigen Menschen hier motivieren mich: ob kreativer Gastronom oder beharrliche Verwaltungsmitarbeiterin, ob Elterninitiative oder Superblock-Team. Das sind kostbare Ressourcen, insbesondere in diesen Zeiten der Veränderung.

Als Grüne wirst du mit Veränderung vor allem den Klimawandel meinen, oder?
Das ist mit Sicherheit ein wesentlicher Punkt, aber darum geht es nicht allein. Wir leben in Zeiten, in denen vieles umbricht, alte Lösungen passen häufig nicht mehr, neue stehen noch nicht zur Verfügung oder sind noch nicht eingespielt. Ich weiß, dass das vielen Menschen Sorgen bereitet. Aus meiner Sicht ist viel möglich, aber es braucht auch mehr Vertrauen, Planungssicherheit, Vorbilder. Ich bin in einer eher bürgerlichen Familie aufgewachsen, in einem Försterhaushalt mit vielen Geschwistern, direkt am Wald. Bei uns wurden Probleme sehr pragmatisch angegangen. Das hat mich, denke ich, geprägt und mich gelehrt, konstruktiv und gemeinsam Dinge voranzubringen.

Das braucht es für das Amt, das du anstrebst. Davon bin ich überzeugt. Eine Oberbürgermeisterin sollte in der Lage sein, Brücken zu bauen, auf die Menschen zuzugehen und eine gelingende Zusammenarbeit über unterschiedliche Verwaltungsbereiche und Dezernatsgrenzen hinweg sicherzustellen. Das traue ich mir zu. Mir hilft zudem, dass ich das Geschäft der Kommunalpolitik, Abläufe und Gepflogenheiten gut kenne. Auf der anderen Seite habe ich in meiner beruflichen Tätigkeit in den letzten fast 25 Jahren ganz andere Organisationen – vom Dax-Konzern bis zur NGO – kommunikativ unterstützt und beraten. Ich verbinde also einen frischen Blick von außen und politische Erfahrung, so ließe sich das zusammenfassen (lacht).

Raum für Gespräche statt Parkplatz: Gesine Bonnet und Miriam Becker nutzen ein ›Parklet‹ in der Nerostraße für das Interview.

Welche Herausforderungen stehen an?
Einiges. Wir haben bereits über Kinder gesprochen – von der Krippe bis zur Grundschule brauchen wir in Wiesbaden Betreuungsangebote für ganze Tage. Dieser Rechtsanspruch fordert uns als Kommune enorm, denn dafür muss ganz viel Infrastruktur erst geschaffen werden, Mensen, Betreuungsräume. Ein weiteres Thema ist der Strukturwandel der Innenstadt: Die Leute kaufen online ein und das setzt unserem Einzelhandel zu. Es gibt zunehmend Leerstände, siehe das ehemalige Galeria-Gebäude in der Kirchgasse. Wir müssen Wege finden, wie wir unsere Innenstadt auch weiterhin attraktiv und lebendig halten und zu einem neuen Nutzungsmix gelangen. Hierzu unterschiedliche Akteurinnen und Akteure an einen Tisch zu bringen, ist mir wichtig. Und um noch ein Drittes zu nennen: Durch die Digitalisierung verändern sich in der Verwaltung ganz viele Arbeitsprozesse. Darin stecken enorme Chancen für bessere Bürgerservices, für mehr Effizienz und weniger Bürokratie. Letztlich geht es darum, durch smarte digitale Lösungen unsere Kommune lebenswerter zu machen. Natürlich gilt es, dabei alle Menschen mitzunehmen, auch die nicht so digital affin sind. Schließlich wollen wir hier in Wiesbaden die Energie- und Wärmewende voranbringen. Das ist ein Riesenprojekt und auch für die Unternehmen entscheidend, die auf eine verlässliche und bezahlbare Energieversorgung angewiesen sind.


»Es kommt darauf an, mit Besonnenheit und Pragmatismus auch neue Wege zu gehen. Dafür ist das OB-Amt mit der doppelten Ausrichtung – in die Stadtgesellschaft hinein und zugleich in die Verwaltung – ein großer Hebel.«


Der Fernwärmeausbau sorgt gerade für noch mehr Baustellen in der Stadt.
Das stimmt – aber Baustellen stehen ja erst mal dafür, dass etwas vorangeht. Natürlich müssen sie gut koordiniert sein und am besten erledigt man dabei gleich anderes mit, tauscht alte Rohre aus oder legt neue Leitungen. Wir wollen beim Fernwärmeausbau sogar noch mehr Synergien heben: Wenn schon eine Baustelle, soll es nachher schöner aussehen und besser funktionieren für alle Verkehrsteilnehmenden. Ich habe mich intensiv dafür eingesetzt, dass das jetzt bei der Schwalbacher Straße gelingt. Das ist eine Jahrhundertchance: Wir verbreitern dort im Zuge des Fernwärmeausbaus die Bürgersteige, schaffen mehr Raum für Menschen und Begrünung sowie bessere Übergänge und damit den längst ausstehenden Brückenschlag zwischen Westend und Historischem Fünfeck. Nicht bei jeder Fernwärmebaustelle wird das gelingen, aber insgesamt geht es mir schon darum, dass wir den öffentlichen Raum in unserer Stadt menschenfreundlicher und lebenswerter gestalten, das ist am Ende auch eine Frage der Sicherheit.

Du bist im politischen Tagesgeschäft intensiv eingebunden. Siehst du dort Bereitschaft dafür?
Ja, ich erlebe das fast täglich, wenn ich durch diese Stadt gehe. Die Parklets hier in der Nerostraße sind ein schönes Beispiel. Durch unbürokratische Genehmigung haben wir während der Pandemie die Außengastronomie erweitert. Inzwischen gibt es dafür eine Satzung und immer mehr dieser Holzterrassen anstelle eines Parkplatzes in der ganzen Stadt. Das wird super angenommen und die Menschen verstehen, dass wir mehr aus unserem öffentlichen Raum machen können. Vorbild sind für mich viele europäische Metropolen wie Paris, Barcelona, Maastricht. Die meisten kennen diese Städte noch vollgestopft mit Autos. Was für eine Urbanität dort heute herrscht! Wir besuchen diese Orte gerade deswegen gerne.

Dafür müsste der Durchgangsverkehr aus der Stadt heraus und der öffentliche Nahverkehr attraktiver sein.
Das stimmt. Wir setzen uns aber auch dafür ein, dass man weiterhin gut mit dem Auto in die Stadt kommt. Damit nicht alle im Stau ersticken, braucht es attraktive umweltfreundliche Alternativen. Ich wohne mitten in der Stadt, mir reicht Carsharing, da habe ich eine ganze Flotte in nächster Nähe zur Hand, vom Transporter bis zum Kleinwagen. Hoch komfortabel. Aber je nachdem, wo man wohnt, ist es ohne Auto im Alltag nicht so leicht. Mir ist es ein Anliegen, dass in Wiesbaden alle Menschen, ob in den Vororten oder in der Innenstadt, gut und gerne leben. Dass sie eine bezahlbare Wohnung haben und dass Unternehmen optimale Rahmenbedingungen vorfinden für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg. Das sind die Ziele. Mit einem „Weiter so“ sind sie nicht zu erreichen. Es kommt darauf an, mit Besonnenheit und Pragmatismus auch neue Wege zu gehen. Dafür ist das OB-Amt mit der doppelten Ausrichtung – in die Stadtgesellschaft hinein und zugleich in die Verwaltung – ein großer Hebel.


»Insgesamt geht es mir darum, dass wir den öffentlichen Raum in unserer Stadt menschenfreundlicher und lebenswerter gestalten, das ist am Ende auch eine Frage der Sicherheit.«


Aber nicht alle Menschen haben die Ressourcen, sich einzubringen.
Das ist richtig – und nicht alle fühlen sich zugehörig. Etwa Menschen, die hierher eingewandert und geflohen sind. Viele von ihnen leiden unter Vorurteilen und Ablehnung, dabei haben sie vermutlich ganz viel einzubringen. Mir ist es wichtig, hier viel mehr Türen zu öffnen und für mehr Wertschätzung und ein echtes Miteinander zu sorgen. Auch Armut hindert an Teilhabe. Und die Schere zwischen Arm und Reich geht in Wiesbaden weiter auseinander als in anderen hessischen Großstädten. Fast jedes vierte Kind lebt in Armut und die Coronapandemie hat viele Probleme verschärft. Da müssen wir ebenfalls ran, wir müssen bestehende Strukturen überprüfen und brauchen vielleicht neue Lösungen, denn unser Anspruch muss sein: Kein Kind darf zurückbleiben.

Viele Baustellen.
Ja, aber das ist kein Grund, verzagt oder gefrustet zu sein. Ich möchte sichtbar machen, welche Chancen in Wiesbaden stecken. Mein Anspruch als Oberbürgermeisterin ist es, dem Aufbruch eine starke Stimme zu geben.



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