
PIONIERARBEIT FÜR NATURNAHE FORSTWIRTSCHAFT
Frau Rippelbeck, Sie sind seit 1992 im Wiesbadener Stadtwald tätig. Wie begann der Wandel hin zu einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung?
Waldbewirtschaftung ist kein Schnelldreher. Man braucht Geduld, Beharrlichkeit, Ausdauer und eine Vision. Schon 1987 hat mein Vorgänger Weitsicht bewiesen. Er formulierte auf den Grundsätzen der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft, die bereits seit 1950 existiert, das Waldbauprogramm und das ökologische Programm für den Stadtwald. Verbunden hiermit sind bis heute etwa die einzel stammweise Holznutzung sowie der Verzicht auf Pestizide und auf Kahlschläge. Damit war Wiesbaden in seiner damaligen Bewirtschaftung des Stadtwaldes sehr modern aufgestellt. Der Verzicht auf Pestizide war für uns selbstverständlich – das gilt bis heute. Wir sehen den Wald als lebendiges, sensibles Ökosystem, das es zu fördern und nicht zu manipulieren gilt.
1999 erhielt der Stadtwald die Zertifizierung durch Naturland und den Forest Stewardship Council (FSC).Was bedeutete das für Ihre Arbeit?
Es war eine wichtige Entscheidung. Die FSC-Zertifizierung verpflichtet zu umfassender Transparenz, zum Schutz von Ökosystemen und zur Berücksichtigung sozialer Belange. Wer sich zertifizieren lässt, weiß, dass Wirtschaftlichkeit nicht allein im Vordergrund steht. Das passt zu unserer Philosophie: Der Wald dient nicht nur der Holzproduktion, sondern vor allem dem Gemeinwohl sowie dem Natur- und Artenschutz.
Wie begegnen Sie dem fortschreitenden Klimawandel im Stadtwald?
Die Auswirkungen spüren wir seit Jahren – trockene Frühjahre, Hitzesommer, plötzliche Stürme. Wir setzen auf eine hohe Diversität an Baumarten, um die Resilienz des Waldes zu stärken. Mit rund 50 verschiedenen Arten, darunter Eiche, Wildkirsche, Eibe und Weide, sind wir auf einem guten Weg. Aber ob unser heutiges Handeln in 100 Jahren den gewünschten Effekt hat, wissen wir nicht. Nachhaltigkeit bedeutet auch, mit Unsicherheit zu leben und trotzdem vorausschauend zu handeln sowie möglichst viele Optionen zu haben.
»Wald ist keine Selbstverständlichkeit«, sagt Sabine Rippelbeck: »Er braucht Aufmerksamkeit, Pflege – und vor allem Menschen, die seine Bedeutung erkennen.«

Forstamtleiterin: Sabine Rippelbeck
Foto: Jonas-Werner Hohensee
ÖKOLOGISCHE VIELFALT ALS ERFOLGSINDIKATOR
Herr Schmidt, wie zeigt sich der ökologische Erfolg im Stadtwald konkret?
Der Bund Deutscher Forstleute hat als Begründung für die Auszeichnung auch das Vorkommen seltener Arten wie Bechsteinfledermaus, Hirschkäfer, Wildkatze und grünes Besenmoos genannt. Das zeigt, dass unsere Maßnahmen wirken – ob diese Arten zurückgekehrt sind oder nie verschwunden waren, spielt letztlich keine Rolle. Entscheidend ist, dass sie hier überleben können.
DER WALD ALS ORT DER RUHE UND ERINNERUNG
Ihr Projekt Terra Levis hat sich ebenfalls fest etabliert. Was steckt dahinter?
Terra Levis ist unser Bestattungswald, ein Ort, an dem Menschen ihre letzte Ruhe unter einem Baum finden können. Der Zuspruch ist enorm. Wir nehmen inzwischen über 500 Urnenbestattungen pro Jahr vor, und die Nachfrage steigt weiter. Neu ist die Möglichkeit, bereits zu Lebzeiten ›seinen Baum‹ zu pflanzen – mit GPS-Einmessung und Pflegemöglichkeit. Für viele Familien ist der Waldspaziergang damit mehr als Erholung – er wird zum achtsamen Ritual des Erinnerns und Verbindens.
Frau Rippelbeck, Sie sind seit mehr als drei Jahrzehnten Teil des Forstamtes. Wie sehen Sie die Entwicklung des Waldes heute?
Der Wald hat sich gewandelt. Früher sprach man vom Waldsterben, der saure Regen war allgegenwärtiges Thema. Die politische Reaktion mit Entschwefelungsanlagen und Umweltauflagen hat viel bewirkt. Heute steht der Klimawandel im Fokus. Den Unterschied macht, dass der Handlungsdruck größer ist, weil die Schäden schneller sichtbar werden und der Klimawandel rasant fortschreitet. Dennoch ist es eine Stärke des Waldes, sich langfristig anzupassen. Wir Förster*innen begleiten diesen Prozess über Generationen.

Was bedeutet es, einen Wald multifunktional zu bewirtschaften?
Der Wald nützt vielen gleichzeitig: als Lebensraum, Rohstoffquelle, Wasserspeicher, Luftfilter, Erholungsraum. Diese Funktionen müssen so weit wie möglich ökologisch, ökonomisch und sozial in Einklang gebracht werden, was eine ständige Herausforderung ist. Wenn Mountainbiker querfeldein fahren oder Menschen die Wege verlassen, wird das Gleichgewicht gestört. Viele Tierarten wie das Rehwild kommen auch mit hohem Erholungsdruck zurecht, sensiblere leiden oder ziehen sich zurück wie die Greifvögel, die Fledermäuse und bestimmte Insektenarten. Wir können diese Veränderungen allein nicht aufhalten – aber wir müssen sie beobachten und verantwortlich begleiten und viel mehr Menschen durch waldpädagogische Angebote unsere Lebensgrundlage Wald nahebringen.

Wolfgang-Georg Schmidt, Leiter des Bestattungswaldes Terra Levis
Fotos: cicero Agentur & Verlag
Ein oft diskutiertes Thema ist die Einführung neuer Baumarten. Wie gehen Sie damit um?
Wir folgen den Leitlinien der Zertifizierer. Exotische Baumarten sehen wir kritisch; sie bringen Risiken mit sich wie Krankheitsanfälligkeit oder mangelnde Frosthärte oder neue Forstschädlinge. Natürlich beobachten wir auch das Wachstum und Vorkommen von Roteiche oder Douglasie, jedoch entscheidend ist: Der Wald ist ein Langzeitprojekt. Wir müssen Entscheidungen treffen, die in 100 und viel mehr Jahren noch tragen. Deshalb bevorzugen wir klimaresistente heimische Arten, zum Beispiel Traubeneiche oder Winterlinde.
Vielen Dank für das Gespräch!
FAZIT: NACHHALTIGKEIT ALS HALTUNG
Die Auszeichnung zum ›Waldgebiet des Jahres‹ ist eine Anerkennung, aber auch ein Aufruf zum Handeln. Der Wiesbadener Stadtwald zeigt, wie durch langfristiges Denken, wissenschaftlich fundiertes Handeln und gesellschaftliche Einbindung ein Wald erhalten werden kann, der für Natur, Mensch und Klima gleichermaßen da ist.
Alle Veranstaltungen zum Waldgebiet des Jahrs unter: wiesbaden.de
Nutzen Sie auch die Führungen mit dem Förster und suchen Sie sich Ihren Baum in Terra Levis aus: Bis zu 12 Urnenplätze sind für die ganze Familie möglich. Für Führungen wenden Sie sich an das Forsthaus Langendellschlag unter 061123608518 oder schreiben an: bestattungswald@wiesbaden.de
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