
Ob Forschung, Arzneimittel oder Technologien – die Medizin macht große Fortschritte. Daran wirken die Ärztinnen und Ärzte der Inneren Medizin mit, die sich in einer der größten medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaft Europas organisiert haben: der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) in Wiesbaden.
Darüber spricht Miriam Becker mit der Vorstandsvorsitzenden Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel und dem Organisationsleiter des Patiententages, Dr. med. Norbert Schütz.
Frau Prof. Führer-Sakel, die DGIM hat vor Kurzem die Marke von 30.000 Mitgliedern überschritten. Herzlichen Glückwunsch! Neu angeschlossen haben sich viele unter 40-Jährige, die Mehrheit davon weiblich. Welchen Unterschied wird diese Generation in der Medizin machen?
F.-S.: Diese Generation erwartet zu Recht, dass wir jetzt die Neustrukturierung unseres Gesundheitswesens angehen. Wir müssen unsere Ressourcen effizienter und auch gezielter nutzen. Dafür müssen sich alle Akteure wirklich bewegen und wir müssen neue Wege gehen. Nur dann wird es uns gelingen, dass Menschen in Deutschland auch in Zukunft eine Versorgung erhalten, die sie wirklich brauchen, um gesund zu werden. Gleichzeitig gilt dieser Anspruch auch für die Beschäftigten im Gesundheitswesen: dass sie ihren Beruf mit Freude an Gestaltung und Weiterentwicklung ausüben, dass sie gesund bleiben und dass selbstverständlich Beruf und Familie vereinbar sind Da ticken die nachwachsenden Generationen von Medizinern zum Glück schon anders als wir. Trotzdem gibt es noch Luft nach oben. Es ist daher ein gutes und wichtiges Signal, dass wir in Deutschland gesundheitspolitisch, in den Fachgesellschaften, in den Wissenschaftsorganisationen aber auch in der Industrie zunehmend über diese Fragen diskutieren und dass dabei auch Themen, die lange eher am Rand standen, etwa die Prävention, nun stärker in den Fokus rücken.

Dr. Dr. med Dagmar Führer-Sakel
Was gibt Ihnen Zuversicht?
F.-S.: Bezogen auf die DGIM: die vielen jungen Mitglieder! Bei der DGIM finden sie den Resonanzraum, den es braucht, um mitzugestalten. In der ›Junge DGIM‹ sind Internistinnen und Internisten aus allen Bereichenvertreten und sie engagieren sich mit großer Motivation.
Ich freue mich, dass Sie auf den Nachwuchs setzen, der ja in unserer Generation häufig kritisch betrachtet wird. Wie sehen Sie das, Herr Dr. Schütz?
S.: Sehr positiv. Wir erleben im Krankenhaus über alle Berufe hinweg in den Teams: Die jüngere Generation rennt nicht mit wehenden Fahnen ins Burn-out, sondern achtet bewusst auf eine Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit. Inzwischen nehmen ebenso viele Männer wie Frauen Elternzeit. Das verändert die Menschen – ihre Haltung zum Leben, ihre Ausgeglichenheit und Präsenz. Wir brauchen medizinisches Personal, das auf sich aufpasst. Hier haben wir alle eine Vorbildfunktion.
Die Ärzteschaft wird auch weiblicher. Welchen Unterschied macht das?
F.-S.: Ich bin erst die dritte weibliche Vorsitzende in der langen Geschichte der DGIM, das zeigt, dass es hier noch etwas Nachholbedarf gibt. Aber in der Tat sehen wir in vielen Gremien einen Wandel, und ich bin auch gespannt, wann sich die Veränderungen auch in den Führungspositionen in der Medizin in der Breite bemerkbar machen. Ein anderes wichtiges Thema ist der Blick auf unsere Patientinnen und Patienten. Wir wissen, dass Erkrankungen im weiblichen und männlichen Organismus unterschiedlich verlaufen können, dass Medikamente unterschiedlich wirken und dass sich auch die Therapieadhärenz zwischen den Geschlechtern unterscheidet. Deshalb spielt die geschlechtersensible Medizin eine immer größere Rolle. Die DGIM hat im vergangenen Jahr dazu eine eigene Kommission eingerichtet.

Frau Prof. Führer-Sakel, Sie haben mit Blick auf den Internistenkongress, den die DGIM wiederum im April in Wiesbaden ausrichtet, das Thema ›Paradigmenwechsel‹ gesetzt. Warum?
F.-S.: Es geht darum, die Chancen der Inneren Medizin für die Neuausrichtung unseres Gesundheitssystems zu begreifen und klug zu nutzen. Daher ist es wichtig, sich mit Fragen auseinanderzusetzen wie: Welche Nutzen und Grenzen hat die ambulante Medizin und wie gelingt eine interprofessionelle Versorgung über Sektorengrenzen? Wie integrieren wir patientenorientierte Outcome-Parameter, sogenannte PROMS, in die Versorgung? Wie können wir die Chancen der Digitalisierung schon heute besser nutzen und was erwartet uns morgen? Wie gewährleisten wir eine nachhaltige Wissenschaftskultur? Schließlich widmen wir uns auch Themen wie Transition, Long-Term-Survivor von Krebserkrankungen und den seltenen Erkrankungen, weil ihre Erforschung nicht nur den Betroffenen hilft, sondern auch grundlegende Erkenntnisse für die Behandlung von Volkskrankheiten liefert.Jetzt müssen wir diskutieren, wie wir das Wissen nutzen. Da gibt es viele Aspekte zu berücksichtigen: medizinische, ethische, ökonomische. Auch Patientinnen und Patienten müssen verstehen, dass es unverzichtbar ist, dass sie selbst aktiv an der Erhaltung ihrer Gesundheit mitwirken. In diesem Zusammenhang sprechen wir von Empowerment und individueller Gesundheitsfürsorge. Wenn wir in der Zukunft eine ausschließlich reaktive und kostenintensive ›Reparaturmedizin‹ vermeiden wollen, ist eine stärkere Fokussierung auf Prävention unerlässlich. Das Ziel muss also sein, Krankheiten gar nicht erst behandeln zu müssen, weil sie durch Aufklärung, Präventionsmaßnahmen und frühzeitige Vorsorge verhindert werden können.
S.: Prävention funktioniert am besten mit mündigen Menschen. Deshalb setzen wir mit dem Patiententag auf verständliche Informationen. Nicht solche aus dem Internet, wo die Quellen oft unklar bleiben, sondern aus erster Hand. Aber für viele Menschen ist das Betreten des Rathauses, wo die Vorträge stattfinden und die Infostände so vieler Organisationen und Selbsthilfegruppen zu finden sind, eine Hemmschwelle. Deshalb verlagern wir dieses Jahr vieles auf den Schlossplatz und lockern das Programm mit Diskussionsrunden auf. Das meiste passiert aber an den Ständen von Betroffenen zu Betroffenen. Da werden Kontakte vermittelt, Info-Broschüren verteilt, persönliche Gespräche geführt. Ich finde das enorm wichtig – und tatsächlich bedauere ich, dass wir dieses Format nur einmal im Jahr anbieten können – die Nachfrage ist groß.
Darum geht es auch beim Patiententag, der dem Internistenkongress vorgeschaltet ist und sich an alle Menschen in Wiesbaden richtet. Seit vielen Jahren organisieren Sie, Herr Dr. Schütz, ehrenamtlich für die DGIM diesen Informationstag. Viele Menschen mit neuen Diagnosen oder chronischen Erkrankungen suchen auf dem Patientag gezielte Informationen, andere sind einfach neugierig…
S.: Der Patiententag ist ein tolles Angebot für die Menschen in Wiesbaden – und entlastet zugleich das das medizinische System. Gerade die Selbsthilfegruppen leisten Enormes. Es sind selbst von Erkrankungen Betroffene, die damit Selbstwirksamkeit und Motivation gewinnen. Der Patiententag lebt vom Ehrenamt. Das ist großartig und soll auch so bleiben.
Immer präsent auf dem Schlossplatz sind die Rettungsdienste. Anfang des Jahres wurde ein Arzt in der Notaufnahme eines Darmstädter Krankenhauses so brutal niedergeschlagen, dass er auf der Intensivstation behandelt werden musste. Der Angreifer hatte sich darüber aufgeregt, dass die Person, die er begleitete, nicht sofort aufgenommen wurde. Leider kein Einzelfall…
S.: Tatsächlich liegt in den Notaufnahmen gerade die stärkste Belastung. Die Bedürfnisse der Menschen, die dorthin kommen, sind völlig unterschiedlich. Manche schweben in Lebensgefahr, andere versuchen hier einfach ihr Glück, weil sie einen medizinischen Rat brauchen. Der Andrang wird immer größer. Manche Krankenhäuser stellen schon Sicherheitskräfte vor die Notaufnahme. Das ist ein Zeichen dafür, dass unsere Versorgungsstruktur momentan nicht richtig funktioniert. Wie die Notfallversorgung organisiert ist, stellen wir jedes Jahr auf dem Patiententag vor. Aber grundsätzlich müssen wir die Hausärztinnen und Hausärzte als zentrale Anlaufstelle stärken.
F.-S.: Rund 30 Prozent der Hausarztpraxen werden von Internistinnen oder Internisten geführt. Doch auch sie können nicht besser sein als das System. Wir müssen uns klarmachen: Unsere Krankheiten können wir so, wie wir das jetzt handhaben, nicht mehr bezahlen. Volkswirtschaftlich wie individuell ist es wesentlich besser, wenn Menschen gesund, arbeitsfähig, motiviert und lebensfroh bleiben. Der Paradigmenwechsel, Krankheiten lieber zu vermeiden, statt sie zu behandeln, ist ein gesellschaftspolitischer Prozess. Wir Ärztinnen und Ärzte wollen doch auch lieber mit Menschen daran arbeiten, dass sie gesund bleiben, als schon bei jungen Menschen vorhersehbare Krankheitsverläufe wie von Adipositas zu Diabetes begleiten.
Das setzt eine Kooperation zwischen Ihnen und dem Patienten oder der Patientin voraus.
F.-S.: Richtig. Vor allem, dass die Person selbst Verantwortung für ihre Gesundheit übernimmt. Das ist ein individuelles Umdenken, aber auch ein gesellschaftliches. Von vornherein in Gesundheit investieren – und Krankheiten in Kooperation zwischen Arzt und Patient bestmöglich managen.
Der Patiententag findet diesmal eine besondere Fortsetzung: einen Science-Slam mit spannenden Themen aus der Inneren Medizin vorgetragen von jungen Ärzten der DGIM im ›Wohnzimmer‹ in Wiesbaden. Großartige Idee, um medizinisches Wissen abwechslungsreich zu vermitteln. Ich freue mich darauf. Vielen Dank für das Gespräch!

VivArt Service
19. Patiententag zum 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V.
Vorträge und Gespräche mit Fachkräften aus Medizin und Beratung sowie Selbsthilfegruppen
Themen:
- Was tun bei Unfällen, Krisen und Pandemien?
- Neues aus der Pneumologie
- Moderne Diabetestherapie beim älteren Menschen
- Lungenkrebsscreening: Einführung eines deutschlandweiten Vorsorgeprogramms
- Aktuelles aus der Herzmedizin
- Gastroenterologische Volkskrankheiten
- Das Gesundheitsamt informiert
- Cannabis in der Medizin
- Long COVID
- Versorgungsformen älterer Menschen für ein selbstbestimmtes Leben zu Hause
- Tanzen erleben und verstehen – warum Tanzen gesund ist
- Kulturelle Vielfalt, kultursensible Medizin und Kommunikation
Samstag, 18.04.2026
9.30–16 Uhr
Rathaus Wiesbaden, Schlossplatz
Eintritt kostenfrei!
Patiententag digital! Das Programm kann kostenlos im Netz verfolgt werden und per Chat können Fragen gestellt werden unter: patiententag.dgim.de
132. KONGRESS DER DGIM – Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin – die Zukunft gestalten!
18.–21. April 2026
RheinMain CongressCenter
Wiesbaden
Weitere Artikel zum Thema Freizeit & Gesundheit finden Sie in der der aktuellen Ausgabe VivArt. Verpassen Sie keine Ausgabe:
Große Kunst
Junge Fotografie und mehr
Vorlaut
Life doesn’t frighten me
Leckere Rezepte
Erbsen, Burrata und schwarze Oliven
Aus der Gesellschaft
Demokratie zum Hören
Handwerk im Wandel
Daniel Sieben: Hier leben
Restaurant Tipps
Gastgeberin mit rheinhessischem Herzschlag
Überzeugungstäter
Viora Wiesbaden: Feine Küche, Grosse Gastfreundlichkeit
Das Restaurant 959 in Heidelberg – eine absolute Auszeit
Kunst & Kultur
Zeitloses Design aus Mainz
Transformation: Kunst auf der Baustelle der Neuen Bäckerei
Wie KI unseren Blick verändert
10 Fragen an Julia Reichelt
Mode
LOKALES SHOPPING
Zur Kultur des Geschmacks