
Zu den Privilegien einer Chefredakteurin gehört es, interessante Menschen zu treffen. Diesmal: Dr. Nina Ewald-Riegler, die in Wiesbaden-Biebrich eine außergewöhnliche Privatpraxis für Frauenheilkunde eröffnet hat.
Wie schön, dass Sie sich nach Stationen wie Princeton, New York, Paris und Mumbai in Wiesbaden mit Familie und – neu gegründet – einer Frauenarztpraxis verortet haben. Toller Standort!
Stimmt. Diese Räumlichkeiten sind ein Glückstreffer. Die kleine Stadtvilla sorgt für eine Atmosphäre zum Wohlfühlen. Das ist mir wichtig, denn Arztbesuche sind nicht unbedingt mit positiven Gefühlen besetzt. Ich möchte keine Assoziationen an ein Krankenhaus wecken. Oder die Situation, mit einer Person sprechen zu müssen, die hinter einem Counter versteckt ist. Meine Patientinnen treffen auf einen freundlichen Menschen – meist Nadine Weiler – an einem Tisch, wo sie gerne auch mal einen Berg Unterlagen ausbreiten können …
Stimmt, hier fühlt man sich willkommen; der Wartebereich erstreckt sich sogar auf eine Terrasse. Die interessanten Fotos, Tapeten und der pinkfarbene Untersuchungsstuhl haben ebenfalls meine Aufmerksamkeit erregt. Es ist zu spüren, dass Sie herumgekommen sind und Humor haben.
Das freut mich! Ich finde es großartig, meine Erfahrungen hier einzubringen – auch, mehrere Sprachen zu sprechen. Der Austausch fällt vielen Frauen dadurch leichter. Was die medizinische Erfahrung betrifft: Ich habe in Mainz studiert und war an den Helios HSK tätig, durfte mit großartigen Ärzten wie Professor Dr. med. Andreas du Bois und Dr. med. Markus Gonser arbeiten und forschen – unter anderem zu verschiedenen Karzinomen. Danach habe ich mehrere Jahre in der Frauenarztpraxis von Frau Dr. de Liz gearbeitet. Ein Schwerpunkt lag auf der Behandlung von Frauen mit Beschwerden in den Wechseljahren. Auch meine Auslandserfahrungen haben mich geprägt und darin bestärkt, einen ganzheitlichen Blick auf Mensch und Medizin zu haben.
Nachdem diese Praxis geschlossen wurde, haben Sie sich mit Ihrer Kollegin Dr. Claudia Pedin und dem Team diesen Neustart ermöglicht. Frauenmedizin ist komplex. Worauf legen Sie den Fokus?
Wir decken die komplette Frauenheilkunde ab – also alle Vorsorgen, Beratungen, Geburtshilfe. Das Spektrum ist so breit wie die Themen, die Frauen hierher mitbringen. Wenn Sie nach einem besonderen Fokus fragen, sind es die Therapie- und Beratungsgespräche rund um die Wechseljahre. Als Frauenärztin biete ich eine Vielzahl an Untersuchungen und Behandlungen an – bis hin zu gezielten Strategien bei Beckenbodenschwäche, vaginalen Beschwerden oder Brustuntersuchungen.

Geht es auch um Hormontherapien?
Ja, das Wissen auf diesem Feld ist inzwischen enorm, gelangt jedoch nicht so in die Praxis – und damit zu den Frauen –, wie ich es mir wünschen würde. Im Praxisalltag fehlt oft die Zeit dafür. Und nicht alle Medizinerinnen und Mediziner sind darin geschult, bestimmte Beschwerdebilder den Wechseljahren zuzuordnen.
Außer bei Hitzewallungen. Dabei taucht dieses Symptom gar nicht bei allen Frauen auf …
Ja, das ist der Klassiker. Viele Frauen wissen nicht, wie stark sich ihr Gehirn und ihr Hormonhaushalt im Laufe des Lebens verändern. Dabei sind die Wechseljahre weder in ihren Auswirkungen noch im Zeitraum klar zu umreißen. Jede Frau macht spürbare Veränderungen durch – positive wie negative – und häufig auch viel früher, als die Menopause typischerweise eingeordnet wird. Wichtig ist für die Patientinnen zu verstehen, was gerade mit ihnen passiert. Dazu gehört ein Gegenüber, das Beschwerden ernst nimmt, Zeit zum Zuhören hat, Zusammenhänge erklären kann – und Schritt für Schritt Wege aufzeigt, mit Symptomen wie Schlaflosigkeit, Schmerzen oder Depressionen besser klarzukommen oder sie sogar hinter sich zu lassen. Dieses Gegenüber möchte ich sein.
Da fällt mir ein Zitat von Natalie Günzburg über Frauen ein: »Mit vierzig haben sie begonnen, sich zu fragen, was sie tun können, um nicht jenes lächerliche, unsympathische und traurige Tier zu werden, das ›eine Frau mittleren Alters‹ genannt wird.« Ich wusste sofort, was damit gemeint ist. Es geht zum einen um den Blick der Gesellschaft auf die Frau, die jenseits der Wechseljahre gleichsam ihre Existenzberechtigung verloren zu haben scheint, zum anderen um die körperlichen Veränderungen, die viele Frauen stark treffen.
Genau. Die Frauen empfinden sich oft als unzulänglich, wenn sie schwitzen, an Gewicht zunehmen, übermüdet und reizbar sind, häufig zur Toilette müssen und es deshalb vorziehen, nicht mehr vor die Tür gehen. Die Tatsache, dass sie sich den Veränderungen hilflos ausgeliefert fühlen, ist traurig – und zudem ein echter Karrierekiller. Viele reduzieren ihre Berufstätigkeit. Manche geben sich regelrecht selbst auf, obwohl sie früher voller Lebensmut waren. Das finde ich angesichts des aktuellen Wissensstandes und der Möglichkeiten von Hormontherapien unnötig. Da bin ich nicht nur als Frauenärztin aktiv, sondern trage mit Veranstaltungen und Vorträgen gerne dazu bei, dass sich der gesellschaftliche Diskurs über ältere Frauen verändert!
Viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch!
Private Frauenarztpraxis Wiesbaden
Römerweg 10, 65187 Wiesbaden
0611 76383920
Öffnungszeiten
Mo, Di und Fr 9–15, Do 9–17 sowie nach Vereinbarung
privatefrauenarztpraxiswiesbaden.de
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