Die Kunst, letzter zu sein

Dirk Becker über das Radfahren, Männer, Höhenmeter und andere hässliche Dinge. Aber auch über die Schönheit der Natur Sloweniens und die Einsamkeit in den Bergen.

Fotos: Holger, Ulp Tours

Gäbe es soziologische Studien über das Mountainbiken, so würde sich wahrscheinlich recht deutlich zeigen, dass dieser Sport mehrheitlich von Männern betrieben wird. Männer, so zeigte mein alljährlicher Alpencross, die so ehrgeizig sind, dass sie über 15 Stunden in der Woche trainieren, um dann die Berge so schnell hinaufzuradeln, als ob es einen Pokal zu gewinnen gäbe. So bewege ich mich also in einer Männergruppe aus Alphatieren, die nach dem Frühstück 1.600 Höhenmeter zum Aufwärmen raufdonnern und sich darüber wundern, warum mir der Appetit aufs Mittagessen vergeht. F**k! 

Der Moment der Erkenntnis an Tag 1: Mit meinem Trainings- plan von vier Stunden in der Woche lässt sich aber so gar nichts gewinnen. NICHTS! Dazu strömender Regen und die permanente Frage meines gequälten inneren Schweinehundes, der nach Erlösung winselt, warum ich dies tue. Er bellt, grunzt und jammert mir Bösartigkeiten zu, wie: ›kleines Ego!‹, ›Midlife- Crisis‹ und ›Erbarmen!‹. Die Frage nach dem ›Warum‹ beschäftigt mich. Sie beschäftigt mich umso mehr, da ich es eigentlich überhaupt nicht leiden kann, zu verlieren oder Letzter zu sein. Doch nicht nur da vorne ist es einsam, hinten auch. Aber hier finde ich es großartig. Nur ich und ich und jede Menge Berge. Mir kommt Descartes ›Cogito, ergo sum‹ in den Sinn. Wenn ich noch an Descartes denken kann, bin ich nicht tot, ganz klar. Und ich fühle mich so sehr am Leben wie lange nicht mehr. Ich fahre die 25 Prozent Steigung so langsam, dass ich mich wundere, wie ich das schaffe, ohne einfach zur Seite umzukippen und muss dabei so breit grinsen wie die Katze aus ›Alice in Wonderland‹. 

Holger, der junge Guide, schien am ersten Tag ähnliche Befürchtungen zu haben, kam zurück, um zu sehen, wie es geht. Gut gehts, denke ich, sage aber nichts. Große Lehrstunde! Probiere es mal mit Gemütlichkeit, denke ich und würde ihm eigentlich gern auch auf seine vielen Fragen die eine oder andere Antwort geben. Doch die Luft dazu fehlt. Es herrscht Unausgesprochenheit. Schön, er hält es aus. Ich auch. Ich achte nicht auf Holger, sondern darauf, dass ich Tag 1 schaffe, dann Tag 2 und am Ende sogar Tag 3. Andere Männer trinken am Abend literweise Bier. Echte Männer eben. Ich gehe schlafen und träume von einem Ersatzkörper. Ich wähle zwischen Jan Ullrich und Lance Armstrong, fühle mich in keinem wohl und entscheide mich für einen neuen Trainingsplan und weniger Büroarbeit. Wunschdenken! 

Tag 4 fühlt sich besser an. Der Regen hat aufgehört, und es gibt Sonne pur. Endlich kehrt die Freude zurück. Das Enduro, das ich gestern noch als viel zu schwer beschimpfte, ist bergab ein Traum. Je ruppiger, umso schöner. Das mag ich. Alles fahrbar, sagt ›Monster-Holger‹, dessen Reifen kein Profil haben und der es über die gesamte bisherige Strecke auch nie bereute, nur ein Hardtail zu fahren! Wo ein Holger ist, ist auch ein Weg, denkt er offenbar und führt uns über Trails, die so schmal sind, dass italienische Singlespeed-Räder hier schon Probleme hätten. Wir folgen ihm – willenlos. Wir Lemminge. Ich liebe es. 

Noch drei Tage durchhalten – Tag 5, 6, 7. Irgendwann kommt die Adria in Sicht, dann Triest, dann endlich italienisches Eis und Kaffee und dann ist es vorbei. Insgesamt 12.000 Höhenmeter über 500 Kilometer und in Slowenien mit der Soca das allerschönste Blau, das je in einem Fluss gesehen wurde. Auf den Pässen trifft man Pferde, Ziegen, Schafe und überall Pilze – herrlich! Stets ist die Zeit zu kurz und ich musste weiter. Doch ich komme wieder, besser trainiert, mit mehr Zeit zum Kraulen – eine Art Selbsttherapie! Keine Frage! 


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