Der Jäger des Augenblicks

Stefan Glowacz ist Extremkletterer und seine Expeditionen haben ihn auf der Suche nach unentdeckten Steilwänden an die entlegensten Orte geführt. Mara von Zitzewitz mit ihm im Gespräch über Herausforderung, Neugierde und die Wichtigkeit, innezuhalten.

Foto: Thomas Ulrich

Lieber Stefan, du hast Deine Leidenschaft zum Beruf gemacht und dich bei deinen Expeditionen immer wieder in Extremsituationen begeben. Welche Erlebnisse beeindrucken dich nachhaltig?


Vor einigen Jahren haben wir einen Film anlässlich einer Expedition nach Venezuela zum Mount Roraima gedreht. Entstanden ist eine Dokumentation, die sich um die Frage dreht, warum ich das eigentlich mache und warum ich mich immer wieder diesen Entbehrungen aussetze. Ich bin der Überzeugung, dass das Leben aus einer Perlenkette von Augenblicken besteht, die mal intensiver, mal weniger intensiv sind. Jeder dieser Augenblicke prägt einen bewusst oder unbewusst. Sie müssen nicht dramatisch sein oder einen gefährlichen Hintergrund haben. Ich verdeutliche das gerne anhand einer scheinbar banalen Situation. Bei besagter Expedition saßen wir auf einem Absatz mitten in der Wand des Roraima – links und rechts rauschten Wasserfälle vorbei. Jeden Nachmittag, wenn sich die Gewitter über den sogenannten ›Tepuis‹ entladen, sammeln sich auf den Plateaus riesige Wassermengen an, bevor sie kurze Zeit später in riesigen Kaskaden in die Tiefe stürzen. Und plötzlich bricht durch die pechschwarze Wolkendecke ein Sonnen- strahl und lässt einen Fleck des riesigen Urwalds erstrahlen. Das ist so schön und ergreifend, andererseits so banal. Dieses Naturspektakel können wir auch hier finden – in den Alpen, im Wald und anderswo. Einige Sekunden später geht das Wolkenloch wieder zu, doch diesen Moment werde ich nicht vergessen. Deswegen breche ich immer wieder auf, um solch einen Augenblick erneut erleben zu dürfen – völlig unabhängig von Raum und Zeit. Meine Lebensphilosophie richtet sich nach diesen besonderen immateriellen Momenten, die einen prägen und in Erinnerung bleiben. 

Fotos: Klaus Fengler

Auf deinen Expeditionen stellst du dich neben dem Klettern auch vielen weiteren Disziplinen. Auf deiner letzten Reise nach Grönland gehörten Segeln, Snowkiten und die Durchquerung des grönländischen Inlandeises dazu. Wie bereitest du dich darauf vor? 

Ich versuche, an diese Dinge sehr pragmatisch heranzugehen. Ich frage mich zunächst, was ich selbst von diesen Anforderungsprofilen abdecken kann. Natürlich ist meine Kernkompetenz das Klettern. Da weiß ich, dass ich das kann, da weiß ich, dass ich die Erfahrung habe. Bei der Planung frage ich mich also: Welche Voraussetzungen kann ich erfüllen, um so eine Expedition durchführen zu können? Und an welcher Stelle muss ich mir die Kompetenz von anderen borgen? Es ist klar, dass ich nie, auch wenn ich alles dar- ansetzen würde, in so kurzer Zeit so gut segeln oder so viel Erfahrung sammeln könnte, um den Nordatlantik selber zu durchsegeln. Auch habe ich nicht die Erfahrung, über Tage hinweg das Inlandeis zu durchqueren. Zum Glück bin ich kein Einzelgänger und agiere gerne in einem Team. Für diese unterschiedlichen Abenteuer stelle ich eine Mannschaft zusammen, in der es Teilnehmer gibt, die dann wesentlich mehr Expertise in manchen Disziplinen haben als ich. Ich finde es nicht nur unglaublich reizvoll, mich in neue Gebiete aufzumachen, sondern auch, mich mit Menschen zusammentun, von denen ich lernen und von deren Erfahrung ich profitieren kann. 

Sprich, für die Expedition besteht ein Kernteam und für einzelne Abschnitte ziehst du weitere Experten hinzu?


Nein, es ist immer dasselbe Team. Jeder macht das Gleiche, aber in den einzelnen Abschnitten verändert sich die Hierarchie. Generell besteht eine extrem flache Hierarchie bei solchen Unternehmungen. Derjenige jedoch, der die meiste Erfahrung hat, übernimmt das Kommando: Auf dem Schiff ist das der Skipper, auf dem Inlandeis war es der Arktisexperte Thomas Ulrich. 

Foto: Klaus Fengler

Auf der Suche nach unbezwungenen Steilwänden geratet ihr dabei immer wieder an die Grenzen des klettertechnisch Möglichen. Was bedeutet es für dich, eine Expedition abzubrechen? 

Das ist Lernen. Wenn ich solche Unternehmungen plane, weiß ich schon vorher, dass alles positiv zusammenkommen muss, um diese Expedition zum Erfolg zu bringen. Wenn nur ein Bestandteil davon abweicht, kann die Expedition scheitern. In Grönland haben wir viel zu viel Zeit beim Segeln verloren, da wir zu oft auf die richtigen Wetterbedingungen warten mussten. Dadurch fiel beim ersten Anlauf das letzte Segment, eine Wand zu klettern, weg. Diese Risiken sind mir schon vorher bewusst. Das kann jedoch auch ein Anreiz sein: dass auch bei professionellster Planung der Ausgang ungewiss ist. Hochpräzise muss die Planung durchgeführt werden, aber verbissen darf man dabei auch nicht sein. Denn wenn wir die falschen Entscheidungen treffen, kann das auch ganz schnell lebensgefährlich werden. Ich vergleiche das gerne mit Schachspielen. In unserem Fall sind wir Schachspieler und Spielfigur in einer Person. Ein guter Spieler kann viele Züge vorausdenken – sowohl die eigenen als auch die des Gegners – und verschiedene Lösungswege im Kopf haben. Genauso ist das bei einer Expedition. Du musst zwei, drei Züge vorausdenken und dir die Frage stellen: Was könnte passieren, wenn ich das auf die eine oder andere Weise mache? Zugleich bist du nicht nur derjenige, der Figuren auf einem Schachbrett bewegt, sondern die Figur selbst. Du bist derjenige, der den Zug wahrhaftig machen muss und sich letztendlich in große Gefahr begeben kannst, wenn du die falsche Taktik wählst. Du bist für jede einzelne Entscheidung und deren Tragweite verantwortlich. 

Foto: Klaus Fengler

In der Wand bist du auf dich allein gestellt: Welche Eigenschaften des Bergsteigens ließen sich auf andere Lebenssituationen über- tragen? Und wie hast du das letzte Jahr gemeistert? Ein bisschen hast du ja bei der Antwort schon vorausgegriffen: dass es wichtig ist, im Augenblick zu leben und auch das Besondere in den nur scheinbar banalen Momenten zu erkennen. 

Ja, das ist das eine. Auf der anderen Seite hat uns der Lockdown auch dazu gezwungen innezuhalten. Natürlich können wir verzweifeln und unserem alten Leben und der damit verbundenen Freiheit nachtrauern. Meine Unabhängigkeit und meine Mobilität sind zurzeit komplett eingeschränkt, aber aktuell ist diese Situation nicht zu ändern. In dieser Lage denke ich gerne an meine Expeditionen zurück. Wenn wir etwa eine Schlechtwetterfront vor uns haben und nicht nur für Tage, sondern für Wochen aussetzen müssen, müssen wir uns diesen äußeren Umständen anpassen und vielleicht sogar mit einer ganz anderen Vorgehensweise weiter agieren. Die Zeit des Wartens kannst du natürlich mit Verdruss verbringen oder du kannst sie als Zeit des Innehaltens positiv nutzen und die Art und Weise, wie du bis zu diesem Zeitpunkt gelebt hast, hinterfragen. Ich habe das schon vorher getan und mein Tun immer wieder infrage gestellt, um mein Handeln und auch meine Ausrichtung als Kletterer zu reflektieren und zu schauen, ob das der richtige Weg für mich ist. Mein Ansatz war es schon immer, zum Beispiel die Fortbewegung auf meinen Expeditionen auf meine eigene Kraft und meine eigenen Fähigkeiten zu reduzieren. Das heißt, so wenig technische Vehikel wie möglich zu verwenden: Kein Hubschrauber, um mich an die Wand fliegen zu lassen und keinen Motorschlitten, um mich ans Ziel zu bringen. Sondern immer vom letzten Zivilisationspunkt aus eine Wand aus eigener Kraft zu erreichen. Wir müssen verstehen, dass wir in den letzten Dekaden unglaublich auf Kosten unserer Ressourcen gelebt haben, ohne uns im Klaren zu sein, was das für uns bedeutet, was das mit uns und unserem Verhalten und unserem Verständnis macht. Ich finde diese Pandemie, dieses Gezwungensein zum Nachdenken, kam, nur aus dieser Perspektive gesehen, zum richtigen Zeitpunkt. Denn so wie es davor war, können wir nicht weitermachen. Wir müssen umdenken, und das wird jetzt hoffentlich jedem Einzelnen bewusst, dass wir etwas verändern müssen. 

Vielen Dank für das Gespräch, Stefan! 


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