
Lieber Christian, seit 1870 Balthasar Ress den Gasthof Ress gegründet hat, scheint es in den Genen der Familie zu liegen, stets Vollgas zu geben. Was treibt dich an?
Ich liebe es, Projekte zu entwickeln, sie beim Entstehen zu begleiten, aufs Gleis zu setzen und dann natürlich für die tägliche Operative an ein gutes Team zu übergeben. Vermutlich hätte ich mir in jungen Jahren daher auch vorstellen können, Architekt zu werden. Aber wie man sieht, bietet das Familienweingut dahin gehend auch jede Menge Betätigungsfelder. Wir sind tatsächlich seit Generationen eine Unternehmerfamilie. Und das hat nun mal mit ›unternehmen‹ zu tun und nicht mit ›unterlassen‹.
Du warst mit deiner Vinothek in der Mauergasse Pionier und auch der Erste, der sich traute, eine Art Flagship-Store für das Weingut zu eröffnen. Damit hast du wesentlich zum Erfolg der ganzen Straße beigetragen. Was war damals deine Idee?
Ich hatte damals schon lange von einer eigenen Weinbar geträumt. Weil ich gerne Gastgeber und davon überzeugt bin, dass eine gut geführte und entsprechend designte Bar, die den Namen des Weinguts trägt, ein hervorragender Imageträger für das eigene Produkt ist. Natürlich ist es auch ein attraktiver Vertriebskanal, nicht nur wirtschaftlich betrachtet, sondern auch weil man dort jeden Tag viel unmittelbares Feedback von den Gästen einsammeln kann. Das ist für unsere Arbeit und die Einordnung im Markt sehr wertvoll. Dieses Feedback entgeht einem, wenn man nur den Großhandel beliefert und darüber den Draht zu seinen Endkunden verliert oder gar nicht erst aufbaut.
Heute erneut in die Vinothek zu investieren, war nicht unbedingt notwendig, oder etwa doch? Was ist eure Philosophie?
Die Weinbar in Wiesbaden war seit April 2013 am Markt, also zum Zeitpunkt der Renovierung fast elf Jahre lang an sechs Tagen die Woche in Betrieb – die unfreiwilligen Lockdown-Pausen ausgenommen. Der Innenausbau war dadurch schon entsprechend abgenutzt. Außerdem unterliegen wir ja, nicht zuletzt hier am Standort Mauergasse, einem intensiven, aber eben auch fruchtbaren Wettbewerb – übrigens nicht nur um die Gäste, sondern natürlich auch um die besten Mitarbeiter. Mir war es wichtig, dem Anspruch unserer Marke entsprechend auch in Sachen gestalterische Positionierung wieder ganz vorne mitzuspielen. Das ist aus meiner Sicht mit der Renovierung und dem Facelift des Designs gelungen. Am Ende zählt nämlich nicht nur die Produktqualität, die über jeden Zweifel erhaben sein muss, sondern auch die Präsentations- und die Servicequalität. Das Image einer Marke besteht nun mal aus der Summe aller Assoziationen, Erlebnisse und Erinnerungen an das Produkt. Insofern muss jede Facette ihren Teil zum positiven Image beitragen.

Deutscher Wein wird immer besser, bekommt immer mehr Anerkennung und gleichzeitig sind es keine einfachen Zeiten. Was müsste besser laufen?
Der Weinkonsum sinkt insgesamt in vielen sehr wichtigen internationalen Absatzmärkten. Der heimische Markt ist, wie viele andere auch, durch die belastete Kaufkraft der Konsumenten unter Druck. Das alles geht nicht spurlos an den deutschen Erzeugern vorbei. Ich sehe darin aber auch Chancen. Letztendlich wissen wir alle, dass Wein ein Genussmittel ist, das nur in Maßen konsumiert werden sollte – also eher seltener, dann aber in bester Qualität – idealerweise auch ökologisch hergestellt. Das ist bei Fleisch doch ähnlich. Auch hier gilt sinnvollerweise die Maxime: Weniger, aber dafür besser! Für diesen Trend fühlen wir uns als ökozertifizierter und handwerklich arbeitender Premium-Betrieb bestens aufgestellt. Unabhängig davon ist es in schwierigen Zeiten immer besser zusammenzuarbeiten als gegeneinander. Da sehe ich in der Region noch Luft nach oben. Mit vielen klappt das im Alltag hervorragend und wir spielen uns vertrauensvoll die Bälle zu – das hilft uns allen am Ende.
In der Mauergasse gibt es einzigartige Synergieeffekte. Wie würdest du diese beschreiben?
2013 habe ich die erste Weinbar in der Mauergasse eröffnet. Heute sind es vier. Ich habe mich über jeden einzelnen Mitbewerber aufrichtig gefreut, weil mir klar war, dass jede zusätzliche Weinbar ein Beitrag zur Positionierung der Mauergasse als ›Wein- und Genussmeile‹ sein kann – von der wir alle etwas haben. Dass das aufgeht, kann jeder Gast in der Mauergasse erleben.
Vielen Dank für das Gespräch!
Balthasar Ress Weinbar & Vinothek
Mauergasse 10, 65183 Wiesbaden
Öffnungszeiten: Mo–Do 11–22 Uhr, Sa 11–24 Uhr
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