Alles – ausser gewöhnlich

Der im Sommer 2019 eröffnete Ingelheimer Winzerkeller bietet viel Raum für Entdeckungen, für weinkulinarische Erlebnisse und für Einblicke in eine enorm spannende Weinkultur, die so originär wie originell ist. Auch die jüngste Auszeichnung ›Best Of Wine Tourism Award 2020‹ von ›Great Wine Capitals‹ spricht für sich!

Foto: Heike Rost

Es ist ein einzigartiges Ensemble mit Geschichte und Gegenwart – in einer außergewöhnlichen Stadt: ein Leuchtturmprojekt, das weithin strahlt, weit über das rheinhessische Rebenmeer hinaus. Durch licht gewordenen Stein. Durch einen lichtdurchfluteten und glasüberdachten Innengarten. Ein Hain der Ruhe und der Einkehr. Letzteres im wortwörtlichen wie auch im übertragenen Sinne. Gleich neben der mit mediterranen Pflanzen begrünten ehemaligen Kelterhalle des schon 1904 erbauten Winzerkellers der Winzergenossenschaft von Nieder-Ingelheim rücken die faszinierenden Weine von 24 Weingütern und einem Brenner in der stilvollen Vinothek ins rechte Licht. »Zusammen ist man nicht allein«, wussten schon vor rund hundert Jahren die Erbauer, und das gilt auch für Speis und Trank. Vis-à-vis der Vinothek bietet das Winzerkeller-Restaurant mit Küchenchef Falk Richter einen Gaumenschmaus der Verfeinerung des Bodenständigen. Kreativ und köstlich: Großmutters Küche meets international style. Der kulinarische Spannungsbogen reicht also von kleinen Leckereien und Spezereien bis zu edlen Menüs – zum ausgesuchten Tropfen stets ein Genuss.

Foto: Heike Rost
Foto: Heike Rost

Alles außer gewöhnlich: Das ist auch das Profil von Ingelheim. Maßgeblich geprägt hat es Karl der Große vor rund 1.220 Jahren. Es war ein langer Weg von der ›Capitulare de villis et curtis imperialibus‹ um 800 bis zum umfangreich sanierten Winzerkeller von heute, der ein einzigartiges Spektrum insbesondere für kalibrierte, spannende Rotweinkultur zeigt. Die ›Capitulare‹ regelte als Verordnung über die Krongüter und Reichshöfe als erste Land- und Wirtschaftsordnung des Mittelalters etwa en détail den Anbau von Weinreben und befasste sich auch mit dem Ausbau des edlen Rebensafts in Fässern. Dahinter stand wahre Kennerschaft, schließlich war Karl der Große selbst ein Weinliebhaber, der die rote Sorte aus Burgund brachte und wohl auch den Ruf von Ingelheim als Rotweinstadt initiierte. Die Capitulare gilt für nichts weniger als das erste europäische Weingesetz überhaupt. Diesen roten Faden nehmen aktuell die Ingelheimer Winzer auf, um mit neuer Verve vor allem das Burgunderprofil – weiß wie rot – zu schärfen. Mit großem Erfolg. Auch hier hat eine neue Generation Intensität und Transparenz von Früh- und Spät-, aber auch Weiß- und Grauburgundern verdichtet. Die Weine sind kalibrierter geworden und gleichzeitig frischer. Die Ausdruckskraft steigt und steigt – analog die Trinkfreude. Warm waren die Lagen schon immer und damit bestens geeignet für etwas molligere Weine von sanfter Fülle und markanter Statur. Die Winzer schöpfen hier im Rheinknie aus dem Vollen. Auch beim raren Frühburgunder, der hier tatsächlich einen Gipfelpunkt erreicht. Lagen wie ›Pares‹, ›Täuscherspfad‹ und ›Sonnenhang‹ lassen die Augen der Kenner leuchten, aber es gibt auch genug Schoppenweine, die einfach nur mächtig Spaß bereiten, weil sie so saftig, samtig, vollmundig sind.

Auch hat Ingelheim eine spezielle Züchtung in petto, den klein- und lockerbeerigen, dickschaligen ›Neus-Klon‹; ein Überbleibsel aus einer Zeit, als man in Deutschland noch nicht auf französische Genetik setzte. Dieser hat durchaus burgundische Attribute und ist ein Faustpfand für seidige und finessenreiche Spätburgunder. Als Erhaltungszüchter für diesen so spannenden wie raren Frühburgunder mit seinem eher üppigen Geschmacksprofil hat sich Julius Wasem vom Ingelheimer Weingut Wasem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Namen gemacht. Es ist sein Verdienst, dass diese Sorte, die zwar zum Verrieseln neigt, dafür aber mit subtiler Frucht von Süßkirschen, schwarzen Beeren, sanfter Säure und eleganter Saftigkeit belohnt, nicht ausstarb. Alleine dafür lohnt schon die Anreise, denn wo sonst als in der Ingelheimer Vinothek wird einem die stilistische Vielfalt aus solch einer seltenen Sorte auf engstem Raum präsentiert? Meine Empfehlung: Lassen Sie sich von Sommelier Thilo Fetzer in der Vinothek – vielleicht mit einer kleinen Gruppe – eine Frühburgunder-Probe zusammenstellen! Die gibt es auf Anfrage bereits zum kleinen Preis: sechs Weine für zehn Euro. Und dann kehren Sie nach einer kleinen Rast im lauschigen, mediterran inspirierten Innengarten ins Restaurant ein und lassen sich diese seltene Sorte zu einer der liebevoll zubereiteten kulinarischen Kreationen schmecken. 

Garten für den Genuss

Die warmen, sandigen und kalkigen Lagen und das mit Höhepunkten reich gespickte Ingelheimer Terrain bürgen nun einmal für reichhaltigen Genuss. Auch der im Sommer 2019 eröffnete Winzerkeller nimmt den roten Faden souverän auf und erfüllt die Ansprüche der traditioneller gestrickten Weinfreunde genauso wie die des jüngeren Publikums. Was darf’s denn heute sein? Der eine möchte einfach ein, zwei neue Weine entdecken, der andere sich durch die angeschlossene Tourist-Information von den zahlreich gebotenen Events, den Wandertouren und dem reichhaltigen Kulturprogramm der Rotweinstadt Ingelheim inspirieren lassen. Dann bieten Bistro, Restaurant sowie die pittoreske Terrasse auch kleine Schmankerln, großartige Menüs, schmackhafte Wein-Begleitungen oder auch nur ein kongeniales Ambiente für den köstlichen Schluck. ›Löwe und Krone‹ stehen als wertige Signets für Gastlichkeit auf hohem Niveau. Das Ensemble ist großzügig, aber eben nicht überbordend, bietet Raum für Entdeckungen und Erlebnisse und ist so konzipiert, dass jeder Gast seine Nische findet – und sei es nur ein schattiges Plätzchen im malerischen Garten.

Erlebnisse mit Emotionen

Den Ingelheimern hat dieses Keltereigebäude schon immer viel bedeutet. Sein Erhalt demonstriert die weitsichtige Ingelheimer Stadtplanung, sensibel umgesetzt durch die stadtnahe Ingelheimer Kultur und Marketing GmbH. Ein Glücksfall, wurde doch hier eben nicht ein hypermoderner Monolith aus Glas in die Weinberge geklotzt. Ganz bewusst fiel die Entscheidung für das hundert Jahre alte Betriebsgebäude, weil es für Emotionen, Bindung und Nähe zu Erzeugern und Produkten steht. Die Vinothek darin wirkt erfrischend zeitgemäß dank klarer Linienführung, puristischer Eleganz, lichter Räumlichkeiten und klarer Konturen. Das alles hat Finesse und Stil. Jeder Winzer hat sein eigenes Fach zur Präsentation und die Theke bietet viel Raum zum Probieren. Und Thilo Fetzer kennt die hiesigen Winzer und Weinberge aus dem Effeff. Sein Gaumen ist versiert, seine Weinsprache präzise. Mit seinem Team bietet er spannende Events wie ›Die Vinothek stellt sich vor‹ und auch Wein spannend kombiniert mit Käse oder Pralinen. »In Ingelheim hat sich in den letzten Jahren unheimlich viel getan«, schwärmt er. »Diese Vielfalt und Dynamik auf engstem Raum zeigen wir hier. Ein wenig wie Burgund – nur mitten im Rheinknie!«

Indes kommen in Ingelheim auch die weißen Sorten so richtig aus sich heraus. Weiß- und Grauburgunder sowie Chardonnays zeigen hier oft genau jenen Schmelz und jene zarte Cremigkeit, wie sie viele Genießer schätzen. Im typischen Ingelheimer Weißburgunder etwa schmeckt Fetzer »spannende rauchige Noten, die ihn an Schwarzwälder Schinken erinnern. Dazu den Gout von frischem Apfel und Bergamotte. Cremig, nobel, zart im Gerbstoff.« Dabei holt der gelernte Sommelier immer wieder ein Ass aus dem Ärmel. Überrascht mit einem immens kalibrierten Cabernet sauvignon, der hier schon seit Jahrzehnten gehegt und gepflegt wird. Oder einem beerig-pfeffrigen, kräftigen Syrah. Für größere Gruppen, Festlichkeiten oder Business-Events bietet sich – ein Stockwerk tiefer – das faszinierende Ambiente des historischen, illuminierten Gewölbekellers an. Und der moderne Gesellschaftsraum im Obergeschoss hat viel Platz für ausgedehnte Weinproben oder Seminare. Selbst geheiratet werden kann hier künftig. So viele alte und neue Facetten an einem Ort zu entdecken, ist wirklich alles andere als gewöhnlich!

Ingelheimer Winzerkeller

www.ingelheimer-winzerkeller.de


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