
Raphael Gielgen reist als Trendscout für Vitra um die Welt und beobachtet, wie sich unsere Arbeitswelt verändert. VivArt sprach mit ihm über die Zukunft des Arbeitens.
Was ist ein Trendscout Future of Work?
Die Zukunft der Arbeit ist eines der bestimmenden Themen unserer Zeit. Es gibt Menschen, die sich intensiv damit beschäftigen – und genau das ist meine Aufgabe. In einer Welt, in der fast alles messbar wird, versuche ich zu verstehen, was sich nicht messen lässt. Dafür beobachte ich früh, wo sich etwas verschiebt – in Technologien ebenso wie in Räumen, Organisationen, Routinen und kulturellen Mustern. Future of Work ist für mich kein isoliertes Thema, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Veränderung.
Wie wird Zukunft gemacht?
Zukunft wird nicht gemacht, sie wird gebaut. Bauen bedeutet, etwas in die Welt zu bringen, das außerhalb der eigenen Erzählung existiert. Über Jahre haben wir Zukunft mit Kommunikation verwechselt – mit Visionen, Leitbildern und PowerPoint-Folien. Wirklich wirksam wird Zukunft aber dort, wo Menschen Dinge ausprobieren, betreiben, scheitern und verbessern. Zukunft entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch Handlung unter realen Bedingungen.
Was wird sich durch KI ändern?
Lange Zeit war Technologie vor allem Übersetzung. Papier wurde zu PDF, Meetings zu Zoom, Tabellen zu ERP-Systemen. Wir haben die Oberfläche digitalisiert – aber die Logik blieb dieselbe. Arbeit folgte den Mustern von Hierarchie, Routine und Zuständigkeit. Jetzt beginnt ein neues Kapitel. Das ›Generative Zeitalter‹ zwingt uns, Arbeit grundsätzlich neu zu denken. Alles, was über Jahrzehnte als stabil galt – Job-Definitionen, Organigramme, sogar Grundrisse –, wird infrage gestellt. Es ist der Moment, in dem Organisationen ein neues Betriebssystem installieren – ein räumliches, kulturelles und mentales. Zum ersten Mal seit Beginn der Industrialisierung verändert sich nicht das Was der Arbeit, sondern ihr Wie – ihre Logik.
Der Mensch ist ein Körperwesen. Was bedeutet das für die Arbeit?
Wir waren lange Zeit allein in der physischen Welt der Arbeit. Jetzt kommen Systeme hinzu, die ebenfalls handeln, greifen, tragen und ausführen können. Roboter und physische KI übernehmen Aufgaben, für die sie gebaut wurden – für Präzision, Wiederholung, Kraft und Ausdauer. Das verändert Arbeit grundlegend. Nicht, weil der Mensch verschwindet, sondern weil sich verschiebt, wo der Körper eingesetzt wird. Die Zukunft der Arbeit ist deshalb keine rein digitale. Sie ist eine geteilte physische Realität – mit neuen Akteuren, neuen Rollen und neuen Fragen an uns selbst.
Unser Titelthema sind die Ikonen? Wird es diese auch zukünftig noch geben?
Ja, Ikonen wird es auch in Zukunft geben – aber aus anderen Gründen als früher. In einer Welt, in der jedes physische Produkt mit einer virtuellen, schnelleren und skalierbaren Alternative konkurriert, entstehen Ikonen nicht mehr durch Form oder Seltenheit allein. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Was bauen wir? Sondern: Warum bauen wir überhaupt etwas – und für wen? Ikonen der Zukunft stehen für Dinge, die sich nicht virtualisieren lassen: Präsenz, Sinnlichkeit, Dauer, Verantwortung. Sie sind keine Objekte des schnellen Konsums, sondern Orientierungspunkte in einer zunehmend entmaterialisierten Welt. Ikonisch wird künftig, was dem Menschen einen realen Mehrwert bietet – körperlich, kulturell, emotional – und eine Haltung verkörpert, die über das Produkt hinausweist.
Sie sind in Ihrer Freizeit gern in der Natur. Warum spielt diese so oft keine Rolle bei der Arbeit?
Ich lebe auf einem Hof. Dort ist Natur kein Ausgleich zur Arbeit, sondern Teil des Alltags. Sie macht keinen Unterschied zwischen Arbeit und Leben. Sie läuft in Kreisläufen – Tag und Nacht, Jahreszeiten, Aufbau und Abbau. In der Arbeit haben wir uns davon entfernt. Wir denken in Systemen, Plänen und Dauerleistung. Ich akzeptiere diese Systeme – aber ich glaube an Kreisläufe. Natur erinnert mich täglich daran, dass Aufmerksamkeit, Verantwortung und Leistungsfähigkeit nicht linear funktionieren.
Vielleicht spielt Natur in der Arbeit deshalb so selten eine Rolle: weil sie uns zwingt, langsamer zu werden, genauer hinzuschauen – und unsere eigenen Grenzen ernst zu nehmen.

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