
Die Berliner Künstlerin Marion Eichmann hat einen Monat lang am inklusiven Kunstprojekt ›Touched by Art – Kunst berührt inklusiv‹ in Wiesbaden teilgenommen. Wie die künstlerische und persönliche Zusammenarbeit mit ihrem Tandempartner war und warum sie das Kunstprojekt auch der Stadt Berlin empfiehlt, erzählt sie im Interview mit Redakteurin Stephanie Prieß.
Liebe Frau Eichmann, warum haben Sie sich für eine Teilnahme am inklusiven Kunstprojekt ›Touched by Art‹ entschieden?
Weil es wichtig ist, Projekte wie dieses zu fördern und zu unterstützen. Gerade Personen mit Beeinträchtigung sollen mehr im Fokus stehen. Generell muss mehr dafür getan werden, Menschen mit Problemen zu integrieren. Jeder Mensch hat irgendwelche Probleme, die einen mehr, die anderen weniger, weshalb ich es schwierig finde, überhaupt Unterschiede zu machen. Sich von Problemen abgrenzen zu wollen, ist ein absolut falscher Ansatz. Meinen Tandempartner, mit dem ich gearbeitet habe, habe ich mir selbstverständlich nicht selbst ausgesucht. Es war aber auch ein Glücksfall. Kunst entstehen zu lassen mit jemandem, den man noch gar nicht richtig kennengelernt hat, ist schon eine besondere Herausforderung. Die eigentliche Arbeit ist das Menschliche, das Miteinander – auch mit den anderen Künstlern. Man arbeitet täglich von morgens bis abends intensiv zusammen, auch an den Wochenenden. Die Geschichten, die schweren Schicksalsschläge, die man mitbekommt, kann man dann auch nicht einfach per Knopfdruck abstellen. Das ist vielleicht die eigentliche Arbeit bei diesem Projekt. Ich bin es ja sonst gewöhnt, allein im Atelier zu sein.
Wie haben Sie sich auf die Zusammenarbeit mit Ihrem Tandempartner Oliver Schwarz vorbereitet?
Für mich war es beruflich gar nicht so einfach, mir einen Monat Zeit für das Projekt zu nehmen. Denn parallel liefen Ausstellungen, die schon langfristig geplant waren. Größere Museumsausstellungen werden ja schon ein bis zwei Jahre im Voraus geplant. Das dann logistisch so hinzubekommen, war schon etwas eng. Alles, was ich in der Kunst mache, ist 100 Prozent, auch das Projekt ›Touched by Art‹. Ich war vorab zweimal in Wiesbaden. Zum einen, um den Künstler und die Betreuerin kennenzulernen, zum anderen, um mir persönlich einen Eindruck von Wiesbaden zu machen. Ich wollte die Orte erkunden, die für meine Kunst eine Rolle spielen könnten, weil ich als Künstlerin immer vor Ort arbeite und dort etwas entwickle. Mir war bewusst, dass es in den vier Wochen für mich keine Zeit mehr dafür geben wird. Ich habe ein Video von mir gesendet und mich darin vorgestellt, von Oliver habe ich auch eins bekommen. Wir haben uns bereits ein Jahr zuvor in Wiesbaden kennengelernt, an einem Nachmittag zu Besuch bei der Kuratorin Christine Rother. Ich erinnere mich genau. Oliver Schwarz kam in Begleitung seiner Künstlerfreundin und der Betreuerin Julia Isterling, der Filmemacher Oliver Dürr war auch vor Ort. Vielleicht waren das für meinen Tandempartner bei der ersten Begegnung zu viele unbekannte Personen, die Aufregung schwand aber schnell bei ihm. Schon im Vorgespräch waren wir uns sympathisch. Ich habe mich voll und ganz auf ihn eingelassen und ihn ernst genommen wie jeden anderen auch. Ich glaube, das ist wichtig – und das spürt das Gegenüber sofort. Bei unserem Kennenlernen hat er aus seinem Gepäck immer mehr Zeichnungen, Ideen und kleine Skulpturen ausgepackt und mir seine Wünsche für das gemeinsame Projekt mitgeteilt. Ich konnte ihn dadurch gut lesen und vorab einschätzen, in welche künstlerische Richtung wir gehen würden. Nach dem Besuch hat er mir per E-Mail viele Bilder seiner Arbeiten zukommen lassen. Ich selbst musste mich etwas rarmachen, da ich zeitlich sehr eingeschränkt war, habe mir aber viele Gedanken darüber gemacht, wie ich mit der gemeinsamen Zeit künstlerisch umgehe. Zusammengefasst war es im Vorfeld schon eine intensive Zeit, und wir haben uns eine gute persönliche Beziehung aufgebaut. Mein Ziel war es von Anfang an, ihm gerecht zu werden, auf Augenhöhe. Das kann man nicht per Knopfdruck. Man muss bereit und offen dafür sein.
Welche künstlerischen, aber auch persönlichen Erlebnisse prägen diese gemeinsame Zeit?
Es war für mich eine neue Erfahrung, mit jemand anderem gemeinsam künstlerisch zu arbeiten, habe ich doch sonst die volle Kontrolle über meine Arbeit. Die Auseinandersetzung, die weit über das Künstlerische hinausging, war für mich eine große Bereicherung. Meinen Blick fürs Detail in meinem künstlerischen Schaffen habe ich versucht, meinem Partner zu vermitteln. Dazu gab es einen Schlüsselmoment: Durch das Fokussieren auf einzelne Strukturen, sagte mir Oliver Schwarz, könne er sein Umfeld wieder viel bewusster wahrnehmen. »Ich kann wieder sehen, wieder richtig sehen und nicht nur alles wie eine technische Zeichnung in meiner Umwelt wahrnehmen.« Das ist das größte Geschenk und für mich eine wunderbare Bestätigung, einem Menschen durch den Austausch darüber, wie ich ihn sehe, etwas mitgeben zu können, ihn glücklich zu machen – nicht nur für den Moment, sondern nachhaltig. Das rührt mich sehr. Ich denke, er konnte auch künstlerisch viel profitieren. Man setzt sich ja damit auseinander, was man macht, wie man es macht, wie man es sieht – bis hin zu der Frage, wie man mit den Ergebnissen umgeht, wie man sie aufhängt und den kleinen Raum bespielt, den wir uns geteilt haben, um weiterzuarbeiten. Die Zeit hat uns sehr verbunden. Der liebevolle Umgang miteinander, das Einfühlen, die Behutsamkeit im Umgang mit dem Gegenüber und die Achtsamkeit haben uns, denke ich, beiden gutgetan. Ich habe dabei nie daran gedacht, mit einer Person mit ›Beeinträchtigung‹ zu arbeiten. Wir alle sind einfach nur Menschen, die verschieden ticken, aus welchen Gründen auch immer.

Konnten Sie aus dieser Erfahrung auch etwas für Ihre Arbeiten in Ihrer Heimatregion Berlin mitnehmen?
Ich nehme alles im Herzen mit. Einen Einfluss auf meine Arbeit hat das nicht. Es war mehr wie eine Unterbrechung an einem anderen Ort, mit anderen Menschen, und es beschäftigt mich auch immer noch, was das eigentlich war.
Resümierend: Wie haben Sie das Gesamtprojekt ›Touched by Art‹ empfunden?
Für alle war es sicher sehr intensiv und anspruchsvoll, auch ernst und kräftezehrend, aber gleichzeitig positiv. Ich wünschte mir, dass solche Orte und Begegnungen nicht auf einzelne befristete Projekte begrenzt sind. Zu einem solchen Projekt gehört auch, darüber nachzudenken, was passiert, wenn es nach einem Monat vorbei ist. Was passiert dann mit den Menschen, die so viel Aufmerksamkeit bekommen haben, die einen ganz anderen Alltag erlebt haben, die einen Ort bekommen haben, ein Atelier, zu dem sie täglich kommen konnten? All das fällt dann wieder weg. Schon nach zwei Wochen haben wir darüber gesprochen, dass das Projekt irgendwann vorbei sein wird. So etwas im Vorfeld anzusprechen, war sehr hilfreich und wichtig. Ich habe meinem Tandempartner Oliver versprochen, auch weiterhin für ihn erreichbar zu sein, wenn auch natürlich nicht so intensiv wie in Wiesbaden. Das Projekt hat mir aber auch viel gegeben und abgefordert.
Wäre ›Touched by Art‹ auch für Berlin eine Bereicherung?
Aber ja, es ist nicht die Stadt oder der Ort entscheidend. Entscheidend ist, dass solche Projekte überhaupt umgesetzt werden. Es bräuchte viel mehr davon, in jeder Gegend, am besten in jeder Stadt. Inklusion ist, glaube ich, für jeden eine Bereicherung.
Vielen Dank für das Gespräch!

›Touched by Art – Kunst berührt inklusiv‹ ist ein Wiesbadener Projekt. Die Idee: Kunstschaffende mit und ohne Beeinträchtigung machen gemeinsam Kunst. Dazu kamen sie im April und Mai 2026 in Wiesbaden zusammen. Das Projekt ermöglicht intensive Begegnungen und außergewöhnliche Kunstwerke. Es soll nachhaltig wirken – als Modell für gelebte Inklusion durch Kunst.
Marion Eichmann
Künstlerin
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