
Wenn Gemälde, Skulpturen oder antike Vasen von Museum zu Museum wandern, steckt oft mehr dahinter als reine Sammelleidenschaft. Die Provenienzforschung verfolgt die Spur von Kulturgütern durch Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte und deckt dabei bewegende Geschichten, dunkle Kapitel und überraschende Wendungen auf. Wir haben kürzlich Dr. Udo Felbinger kennengelernt und mit ihm über detektivische Neugier und ethische Dilemmata in seiner Arbeit als Provenienzforscher gesprochen.
Herr Felbinger, viele denken bei Provenienzforschung an Kunstwerke, die aus der NS-Zeit belastet sind. Welche intrikate Zeitumstände deckt Ihre Arbeit noch ab?
Für die Provenienzforschung in den Landesmuseen ist 2015 die Zentrale Stelle für Provenienzforschung Hessen gegründet worden. Sie erforscht ausschließlich Unrechtskontexte aus der NS-Zeit. Dabei handelt es sich nicht nur um Kunst im engeren Sinne wie Gemälde, Plastiken und Zeichnungen, sondern zum Beispiel auch um Musikinstrumente, Porzellan und Textilien.
Was war der faszinierendste Fund oder die überraschendste Geschichte, der Sie im Rahmen Ihrer Forschungen begegnet sind?
Ich habe drei Jahre lang für die Stadt Wetzlar Provenienzforschung gemacht. Dabei habe ich die Provenienz einer Florentinischen Truhe von etwa 1490 erforscht. Sie war 1962 in Berlin versteigert worden. Leider hatte das Auktionshaus alle Unterlagen zur Auktion weggeworfen. Als ich im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen wegen etwas ganz anderem recherchierte, habe ich auf gut Glück das dortige Bibliotheks-Exemplar des Auktionskataloges eingesehen. Es enthielt nur eine einzige handschriftliche Eintragung – nämlich den Namen und sogar die Adresse des Einlieferers dieser Truhe! Ich hätte es ohne diesen Glücksfall sonst wohl niemals herausgefunden.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung in ihrer Recherchearbeit, und wie unterscheidet sich die Recherche heute von der detektivischen Spurensuche früherer Generationen?

Die Digitalisierung ist eine unschätzbare Hilfe bei meinen Recherchen. Viele Bild- und Schriftdokumente in Archiven sind so leichter und wesentlich schneller auffindbar als früher. Wofür ich aktuell ein bis zwei Wochen brauche, dauerte früher Monate.
Wie beeinflussen internationale Kooperationen oder gar politische Spannungen Ihre Arbeit, wenn es um die Rückgabe von Kulturgütern geht?
Internationale Kooperationen sind essenziell, da das Museumswesen und der Kunstmarkt ebenso international agieren. Ohne Hinweise von anderen Provenienzforschenden wären viele Recherchen kaum möglich. Ein großes Problem bei Restitutionen stellt die unterschiedliche Rechtskultur und Gesetzeslage in den verschiedenen Ländern dar. Und wenn es zu politischen Spannungen kommt, ist ein Informationsaustausch kaum noch möglich.
Wir lernten uns zwar beim Festakt zu 200 Jahren Museum Wiesbaden kennen, Sie arbeiten jedoch primär im Landesmuseen in Darmstadt. Was macht die Forschung in Hessen für Sie so interessant?
Ich bin primär für die kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen des Hessischen Landesmuseums Darmstadt zuständig. Meine Kollegin Miriam Merz im Museum Wiesbaden erforscht wiederum die dortige Kunstsammlung. Mit der Zentralen Stelle für Provenienzforschung hat Hessen wesentlich früher als die meisten anderen Bundesländer eine Struktur geschaffen, die eine systematische Erforschung der Landessammlungen erst möglich gemacht hat. Personelle Kontinuität ist hier sehr wichtig, weil sonst der Verlust von Spezialwissen und Know-how droht. Ich bin von Berlin nach Hessen gewechselt, weil die Arbeitsmöglichkeiten hier sehr gut sind, denn diese sind die Grundlage für gute Ergebnisse.
Wenn Sie ins ganze Rhein-Main-Gebiet blicken: Gibt es regionale Sammlungen oder Museen, die durch Provenienzforschung besonders auf- oder abgewertet worden sind?
Die Sammlungen der Region werden tendenziell aufgewertet, da die Kustodinnen und Kustoden, welche die Abteilungen in den Museen betreuen, von unseren Forschungsergebnissen sehr profitieren. Je mehr man über die Geschichte der Objekte weiß, umso interessanter werden sie für unsere Gegenwart. Es gibt leider immer noch Museen – auch hier in der Region – die Provenienzforschung nicht als Gewinn für ihre Arbeit erkennen.
Eine persönliche Frage zum Schluss: Haben Sie sich schon einmal gewünscht, selbst ein Kunstwerk behalten zu dürfen, dessen verschlungene Geschichte Sie aufgedeckt haben?
Nein, das habe ich nicht. Ich bin der Überzeugung, dass Kunstwerke ihren rechtmäßigen Eigentümern restituiert werden müssen. Im Rahmen einer fairen und gerechten Lösung im Sinne der ›Washingtoner Prinzipien‹ ist es oft möglich geworden, dass Objekte in den Museen verbleiben können, wo sie allen Interessierten zugänglich sind.
Danke für die spannenden Einblicke in Ihre wichtige Tätigkeit!

Mehr zu den Washingtoner Prinzipien ist hier nachzulesen:
kulturgutverluste.de/sites/default/files/2023-04/Washingtoner-Prinzipien.pdf
Zentrale Stelle für Provenienzforschung Hessen
Dr. Udo Felbinger
udo.felbinger@provenienzforschung.hessen.de
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1, 64283 Darmstadt
provenienzforschung.hessen.de
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