
Frau Dr. Heubach, der Palmengarten Frankfurt positioniert sich mit dem neuen Leitthema klar als Ort des ökologischen und gesellschaftlichen Diskurses. Welche konkreten Impulse möchten Sie mit dem diesjährigen Fokus auf Nachhaltigkeit den Besuchern und Besucherinnen mitgeben – und wie reagieren diese bislang darauf?
Das Thema Nachhaltigkeit ist für uns in vielerlei Hinsicht interessant: Zum einen sehen wir uns als botanischer Garten in einer Vorbildfunktion – insbesondere, was die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit angeht. In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder Anregungen für umweltfreundliches Gärtnern gegeben, zum Beispiel mit unserem Spätsommerfest, bei dem wir unter anderem die nachhaltige Kultivierung in unserer Gärtnerei vorstellen, oder auch mit unserem letzten Leitthema ›Blüten- und Bestäuberökologie‹. Gleichzeitig sind wir gespannt auf Impulse von außen. Was ist Menschen, die uns besuchen, mit Blick auf das Thema Nachhaltigkeit wichtig? Welche Ideen haben sie für unsere Gärten? Da hoffen wir auf einen wechselseitig inspirierenden Austausch. Als zentralen Ort dafür werden wir Ende Mai in der Kleinen Galerie am Palmenhaus ein Infozentrum eröffnen, in dem es genau darum geht: über Nachhaltigkeit ins Gespräch zu kommen. An verschiedenen Stationen gibt es dort die Möglichkeit, tiefer in das Thema einzutauchen und zu schauen, welche praktischen Alltagsbezüge Nachhaltigkeit hat. Es hat einen besonderen Reiz und birgt ein besonderes Überraschungsmoment, das Thema bei der Beschäftigung damit und in Interaktion mit unseren Besucherinnen und Besuchern zu entwickeln. Aber natürlich haben wir bereits einige feste Themenstränge ausgelobt. So wird es in 2025 um das Thema nachhaltiges Gärtnern, in 2026 um Garten-Utopien und in 2027 schließlich um das für Gärten originäre – und dennoch nur selten umfassend beleuchtete –Thema Garten als Biodiversitäts-Hotspot gehen.

Die ökologische Lage ist alarmierend: Artensterben, Wasserknappheit und Klimaveränderungen betreffen längst auch unsere Gärten. Wie sehen Sie die Rolle botanischer Gärten wie dem Palmengarten im Umgang mit diesen Herausforderungen: eher als Bildungsorte, als Versuchslabore oder vielleicht sogar als politische Akteure?
Wir sind eine Kombination aus Bildungsort und urbanem Experimentierraum. Die meisten Menschen kommen in den Palmengarten, weil sie Ruhe und Erholung suchen – und das ist auch wunderbar so. Wir haben gar nicht den Anspruch, allen, die uns besuchen, neues Wissen über Pflanzen, Insekten und Nachhaltigkeit zu vermitteln. Aber wir können natürlich dafür werben, sich mit bestimmten Themen tiefer gehend zu beschäftigen, etwa durch Führungen, Ausstellungen oder besondere kulturelle Garten der Zukunft Formate, die Kunst und Natur zusammendenken. Gleichzeitig ist so ein Garten immer auch ein großes Versuchslabor. Wir erleben, wie sich der Palmengarten durch die von Ihnen genannten Entwicklungen verändert, und wir reagieren darauf – müssen darauf reagieren. Vergangenes Jahr zum Beispiel haben wir neue Schattenbäume auf unserer Spielwiese gepflanzt. Da hatten wir das Wohl unserer Besucherinnen und Besucher im Blick, die in zunehmend wärmeren Sommern Abkühlung finden sollen. Zugleich haben wir Baumarten ausgewählt, die zukünftigen Klimabedingungen gut standhalten werden und das Repertoire der Gehölze im Palmengarten erweitern. Wir kommen also gar nicht daran vorbei, auf Umweltveränderungen zu reagieren. Das ist manchmal herausfordernd, aber es bietet uns auch viele Gelegenheiten, einfach mal Dinge auszuprobieren. Wichtig ist, die historischen Bezüge der Siesmayerschen Anlage mit den notwendigen Veränderungen inklusive der gesetzlichen Sicherungspflichten und den heutigen Ansprüchen von Besucherinnen und Besuchern in Einklang zu bringen.

Sie laden in der Reihe ›Grüner Salon‹ nicht nur Fachleute ein, sondern binden auch ganz bewusst emotionale und psychologische Perspektiven wie Klimaemotionen ein. Warum sind diese Gefühle in der Nachhaltigkeitsdebatte wichtig?
Wir kommen alle mit Zukunftsfragen in Berührung – nicht nur hier im Palmengarten –, und jeder Mensch geht anders damit um. Manche haben Angst vor dem, was vielleicht noch auf uns zukommt. Andere werden wütend, weil der notwendige gesellschaftliche Wandel zu langsam vorangeht. Wieder andere verdrängen die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Wir wollen bei unseren Formaten nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen, sondern Räume schaffen, in denen wirklich alle ins Gespräch kommen können – die Ängstlichen, die Wütenden, die Ignoranten und die Hoffnungsvollen. Es kann ja auch unheimlich befreiend sein zu merken, dass wir vielleicht unterschiedlich auf die anstehenden Herausforderungen reagieren, uns aber eigentlich alle das Gleiche wünschen: eine gute Zukunft für uns und kommende Generationen.

Die geplante Ausstellung ›Garden Futures‹ sowie das kommende Wissenschaftsfestival ›Science Utopias‹ haben starke visionäre Züge. Welche Utopien haben Sie persönlich für die Gartengestaltung der Zukunft – und welche Visionen überraschen Sie, wenn Sie mit anderen darüber ins Gespräch kommen?
Ich persönlich wünsche mir, dass wir ökologische Prinzipien noch stärker in den Vordergrund rücken. Wir haben da ja schon einiges umgesetzt, etwa mit unserem Wiesenkonzept, dass wir jetztviel mehr artenreiche Wiesen anstelle von Rasenflächen haben. Trotzdem würde ich mir manchmal wünschen, alles wäre noch ein bisschen wilder, stärker am natürlichen Vorbild orientiert. Als eine besondere Herausforderung sehe ich auch die zunehmende Lärmbelästigung rund um den Garten. Gerade an der Achse Zeppelinallee – Miquelallee erreichen wir zum Teil Lautstärken, die über die im Freizeitbereich zulässigen hinausgehen. Die dort liegenden Gartenbereiche sind nicht so gut besucht. Wir verschenken also wertvollen Ruhe- und Erholungsraum. Da hilft auch die Qualifizierung der Beetanlagen mit ästhetisch spannenden Pflanzen nichts. Das wäre meine ganz persönliche Utopie vom ›Palmengarten der Zukunft‹: die Umwandlung der großen Straßen zu Flanieralleen, quasi eine territoriale Ausweitung des guten Lebens, das Palmengarten und Botanischer Garten bieten.

Ein erklärtes Ziel des Palmengartens ist es, Nachhaltigkeit praktisch umzusetzen – etwa über die EMAS-Zertifizierung. Wie gelingt es Ihnen, ökologische Standards im eigenen Betrieb einzuhalten, ohne dabei an Attraktivität oder Besucherfreundlichkeit zu verlieren? Gibt es da auch Zielkonflikte?
Wir sind in der glücklichen Position, dass wir an vielen Stellen schon vor der Einführung eines Umweltmanagementsystems sehr nachhaltig gearbeitet haben. Vieles geht dabei auf das Engagement der Belegschaft zurück, zum Beispiel die kontinuierlichen Experimente, die Pflanzen in unserer Gärtnerei nach biologischen Standards zu kultivieren. Natürlich treiben uns aber auch Fragen nach dem Energieverbrauch in unseren Gewächshäusern oder nach einer möglichst effizienten Bewässerung um. Da gibt es durchaus Zielkonflikte, besonders mit Blick auf die enormen Energieverbräuche der Gewächshäuser. Wir können im Tropicarium oder im Palmenhaus ja nicht einfach aufhören zu heizen, dann würden wir unsere Pflanzen verlieren. Selbstverständlich gibt es hier auch Handlungsoptionen, deshalb haben wir geschaut, wie weit wir den Temperaturtoleranzbereich der Pflanzen nutzen und die Temperatur in den Gewächshäusern absenken können. Das hat gut geklappt – ohne dass wir die Pflanzen damit gestresst hätten. Aber das muss alles mit wissensbasiertem Augenmaß passieren. Mit der Attraktivität des Gartens oder der Besucherfreundlichkeit steht die Nachhaltigkeit weniger in Konflikt. Sicher, vereinzelt hören wir Bedauern darüber, dass wir einige Veranstaltungsformate ein wenig umgestaltet haben, um unsere Wiesen und Beete zu schonen. Insgesamt erleben wir aber eine große Aufgeschlossenheit dafür, dass der Palmengarten und sein Programm sich weiterentwickeln. Besonders großen Zulauf haben wir bei unserem umweltpädagogischen Programm, das auch zahlreiche experimentelle neue Formate anbietet wie die Taschenlampenführung im Tropicarium oder das bald startende Klima-Puzzle. Auch die interdisziplinären Formate, die sich dem großen Thema Natur und Nachhaltigkeit aus einer künstlerischen Perspektive annähern, ziehen vielen Menschen sehr an.
Vielen Dank für das Gespräch.
10. September bis 5. Oktober: Spätsommerschau
(mit ›Spätsommerfest‹ am 13. und 14. September)
Palmengarten der Stadt Frankfurt
Siesmayerstraße 63, 60323 Frankfurt am Main Öffnungszeiten: Mo–So 9–19 Uhr
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