
Fotos: Astrid Wunsch
Liebe Astrid, euer Haus in der Schaumburger Straße war stark sanierungsbedürftig. Wie war euer erster Eindruck bei der Besichtigung?
Ich wollte schon immer mal ein altes Haus renovieren. Dieses war Baujahr 1707 – faszinierend. Dann die Lage mitten in Diez – mit Garten und Laden! Wir waren begeistert und wollten das Haus in etwas völlig Neues ›transformieren‹, ohne seinen Charakter zu zerstören. Wir fanden viele kleine Räume vor, verwirrend aneinandergereiht. An dem Haus war im Laufe der Zeit so viel angebaut worden, dass der Grundriss gar keinen Sinn mehr ergab. Es war klar, dass wir radikal sein müssen, um etwas Außergewöhnliches daraus zu machen.
Hattet ihr sofort eine klare Vision, wie das Haus einmal aussehen würde?
Als wir anfingen, abgehängte Decken und PVC-Böden abzureißen, entdeckten wir tolle alte Balken, eine Kölner Decke und originale Treppen. Das hat uns inspiriert, etwas Neues, Aufregendes zu schaffen. Die Vision hat sich über einen längeren Zeitraum entwickelt, mit Prototypen aus Pappe und vielem Ausprobieren. Es war wichtig, flexibel auf das einzugehen, was das alte Haus uns vorgab.
Durch deine berufliche Erfahrung hattest du bestimmt konkrete Ideen für die Restaurierung. Willst du uns von den Stationen deiner Karriere erzählen?
Meine Erfahrungen als Designerin haben eine große Rolle gespielt. Meine Diplomarbeit behandelte das Thema ›Farben‹. Daher finden sich auch so mutige Farben im Haus. Derzeit arbeite ich in der Software-Entwicklung mit Design-Thinking Methoden: schrittweises Vorgehen, Prototypen, ständiges Testen und Verbessern. So war es auch bei der Renovierung – die verlief aber durchaus auch ganz analog mit Tausenden von Klebezetteln …
Von Berlin nach Diez – durchaus ungewöhnlich. Wie reifte diese Entscheidung?
Irgendwann ist die Anonymität der Großstadt deprimierend; man ist oft nur zum ›Konsumieren‹ verdammt. Davon hatte ich genug, ich wollte zusammen mit einer Gruppe von Leuten etwas gestalten. Ich liebe an Diez, dass ich für 200 Meter Fußweg oft 60 Minuten brauche, weil ich immer wieder Leute zum Quatschen treffe!
Als mittlerweile nicht mehr ganz neue Diezerin bringst du viel Engagement mit bei der Entwicklung deiner Stadt. Worum geht es und was sind deine Schwerpunkte?
Gerade in London durfte ich miterleben, wie sich Stadtviertel durch planerische Maßnahmen veränderten und von einer ›No-go-Area‹ zu einem ›Place-to-be‹ wurden. Eine wichtige Aufgabe: Stadt für alle! Veränderungsprozesse dauern oft lange. Doch wir müssen die Innenstadt jetzt an den Klimawandel anpassen. Mit einer Gruppe von Freiwilligen namens ›Diez wird grüner‹ wollen wir schnell und nachhaltig kühlendes Grün in die Stadt bringen.
Du kennst Limburg und Diez sehr gut. Gibt es beim Thema Belebung der Innenstadt Dinge, die die Domstadt von der Grafenstadt übernehmen könnte?
Diez und Limburg sollten enger kooperieren. Die Bundesland-Grenze kreiert eine künstliche Barriere, die wir beseitigen sollten, statt sie zu betonen. Eine meiner Lieblingsideen ist der Diezer DonnerstagsTreff, der auch viele Menschen aus Limburg anlockt. Hier lernt man immer wieder Leute kennen. Ganz analog! Generell sollte man den Menschen die Möglichkeit bieten, sich mit der Stadt, in der sie leben, zu identifizieren und sie mitzugestalten. Das macht unsere Bürgermeisterin Annette Wick hier in Diez sehr gut.
Vielen Dank, liebe Astrid. Wir wünschen alles Gute und noch viele gute Ideen für deine neue Heimatstadt – und Limburg!



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