Lesenswert-Adventsedition

Die VivArt-Redaktion selbst, genauer Dr. Volker Hummel, hat mit Blick auf die Adventszeit und Weihnachten Buchtipps gesammelt und teilt sie hier!

ANNABATTERIE-NACHSPIEL

Gesa Kohlenbach: Meine Lieblingsrezepte aus dem Café Annabatterie. 88 Seiten.
ISBN: 978-3-00-075610-8; 26 EUR; erhältlich über: annabatterie.de

Der Aufschrei war in der Mainzer Neustadt groß, als Gesa Kohlenbach nach zwölf Jahren ihr weit über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes ›Café Annabatterie‹ schloss, um sich neuen Herausforderungen zu widmen – und er hallt noch immer nach. Aber wer den Verlust immer noch nicht verknusen kann oder sich fragt, was Gesa heute so macht, kann sich mit ihrem famosen Backbuch trösten. Darin verrät sie uns die bislang gut gehüteten Schätze: 30 der beliebtesten Original-Backrezepte ihres Cafés. Darunter finden wir mit Entzücken die Klassiker wie ›Aprikosenstreusel mit Zitronenthymian‹, die ›Lavendel Macadamia Brownies‹ sowie ›Kardamom Zimtschnecken‹. Und was die Fangemeinde besonders freuen wird, das Geheimnis um das Rezept für ihren Rote-Bete-Kuchen lüftet Gesa darin auch! Aber man muss nicht wie sie von Haus aus Architektin sein, um diese Torten- und Kuchenträume aufzutürmen; alles ist mit ein wenig Geschick und mit Bordmitteln daheim nachzubacken. Auf eine wunderbare Kuchenzeit!

DIE KÜCHE DER REICHEN

Huguette Couffignal: Die Küche der Armen. 368 Seiten. MÄRZ Verlag (1978) 2023.
ISBN: 978-3-7550-0018-1; 26 EUR

Wenn DER SPIEGEL das ›Sturmgeschütz der Demokratie‹ war, dann war der MÄRZ Verlag ihr Molotowcocktail. Dieses Seventies-Verlagsprogramm kehrt seit 2021 in Reprints wieder. Aber warum sollte man ein Kochbuch lesen, das schon über 50 Jahre alt ist? Nun, es ist einmal alles in einem Band: ethnologischer Essay und engagierter Reisebericht mit Hunderten Rezepten aus der ganzen Welt. In den 1960er-Jahren erforschte die französische Autorin Huguette Couffignal den Hintergrund dieser aus Mangel und jahrhundertelanger Erfahrung geborenen Rezepte. Wir verstehen wieder den ursprünglichen Wert des Essens: Unsere Nahrung muss unser Überleben sichern. Die Lektüre führt uns eindrucksvoll vor Augen, dass Nahrung stets von sozialer Herkunft beeinflusst ist. Armut präsentiert sich jedoch überall anders – mal als Tortillas, mal als Leberknödelsuppe oder brasilianische Bierplätzchen – genauso vielseitig und schon immer nachhaltig ist die Küche der Armen. Interessanterweise sind seither viele dieser Gerichte elementar in der ›Küche der Reichen‹ geworden. Die hier versammelten 300 (!) Rezepte sind jedenfalls bis heute ein Fanal gegen die Dekadenz auf den Tellern – und erstaunlich wohlschmeckend dazu!

IN 89 REZEPTEN UM DIE WELT

Tim Raue: Herr Raue reist. So schmeckt die Welt. 304 Seiten, 200 Fotos und Abb.
Callwey Verlag 2023. ISBN: 978-3-7667-2610-0; 39,95 EURTim Raue: Herr Raue reist. So schmeckt die Welt. 304 Seiten, 200 Fotos und Abb.
Callwey Verlag 2023. ISBN: 978-3-7667-2610-0; 39,95 EUR

Die Leidenschaft zu reisen, andere Geschmäcker, andere Kulturen, ihre Gewürze und Gerichte kennenzulernen, diente als Inspiration für die Serie ›Herr Raue reist. So schmeckt die Welt‹. Insgesamt 18 Episoden wurden es bei Magenta TV und der Produzent Arnim Butzen erkannte das Potenzial als Erster: »Tim Raue frisst, säuft und flucht sich durch die Welt und quatscht dazu, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Machen wir!« Jetzt, zum Start der dritten Staffel, also das Buch zur Serie. Damit besteht die Möglichkeit, Tim Raue nicht nur bei seinen Erlebnisreisen zuzusehen, sondern man kann die Gerichte zu Hause nachkochen. Insgesamt 89 Rezepte aus 18 Ländern finden sich in dem Wälzer: eine kulinarische Weltreise, unterteilt nach Kontinenten (Amerika, Afrika, Europa und Asien) und den ›Boiling Points‹ mit ihren jeweiligen Restauranttipps. Die so gegliederten Kapitel konzentrieren sich nicht nur auf Rezepte in den Schwierigkeitsgraden eins bis drei, sondern bieten jede Menge Hintergrundwissen und mit Herrn Raues Charme auch immer gute Unterhaltung. So ist ›Herr Raue reist‹ zugleich ein anregender Reiseverführer, in dem man dem Sternekoch so nah kommt wie bisher nie.

MEHR ALS NUR WEIHNACHTSBÄCKEREI

Heide Christiansen: Winterwunder & Weihnachtszeit. Rezepte und Ideen für die schönste
Jahreszeit. 160 Seiten, 150 Fotos. Callwey Verlag 2023. ISBN: 978-3-7667-2671-1; 35 EUR
 

Warum wir nicht das ganze Jahr über Plätzchen backen, so wie es in Skandinavien, der Türkei oder in Griechenland üblich ist, werden wir nie verstehen. Darum freuen wir uns nun auf die Adventszeit, wenn wir endlich wieder die Wohnung festlich schmücken dürfen und ewig nach den Ausstechformen suchen. Wer sich dabei nicht mehr auf Uromas Rezepte verlassen will und auch bei der Deko etwas Neues ausprobieren möchte, dem empfehlen wir diese Neuerscheinung im Callwey Verlag. Heide Christiansen liefert uns darin ein wahres Füllhorn an Inspiration. Einfach sensationell, Kapitel für Kapitel, beginnend mit der geschmückten Wohnung über Adventskalender und den dekorierten Baum, Glühwein und Fingerfood, neue Rezepte für Heiligabend inklusive herrlicher Tischdeko bis hin zu Menüs für alle Weihnachtsfeiertage, das Silvesterdinner und das Katerfrühstück im neuen Jahr. Das Ganze ist dabei mit so stimmungsvollen Fotos inszeniert, dass noch die größten Weihnachtsmuffel wieder Lust (und Appetit) darauf bekommen. Definitiv werden wir uns am Mississippi Mud Pie, an Pristiños aus Ecuador, der Garnelen-Artischocken-Lasagne und dem Champagnereis versuchen.

ODE AN EIN EIGENWILLIGES KÖRPERTEIL

Florian Werner: Die Zunge. Ein Portrait. Hanser Berlin. 224 Seiten.
ISBN: 978-3-446-27729-8; 24 EUR

Florian Werner hat das Buch der Stunde geschrieben: über die Zunge als unseren sozialsten Muskel. Als Sprachinstrument und Geschmacksorgan, als erogene Zone und obszönes Zeichen. Eingedenk, welch wichtige Rolle die Zunge im Leben spielt, ist es doch unbegreiflich, wie wenig Aufmerksamkeit wir ihr schenken. Aber dieses Sinnesorgan macht es uns im Vergleich zum Seh- oder Gehörsinn auch schwer: »Das Schmecken gehört wie das Riechen zu den Bereichen, die nicht sprachlich benannt werden können«, behauptet Philosoph Gunter Gebauer. Auch weil uns ein etabliertes Vokabular dafür fehlt. Farben lassen sich präzise benennen, das Verhältnis von Tönen untereinander in Akkorden und Metren bestimmen. Beim Schmecken brauchen wir mehr Fantasie in der Umschreibung und man kann sich gerade so darauf einigen, dass Steinpilze ein nussiges Aroma haben. Schlecken, schlabbern, züngeln, nach Gräten tasten, das Verfallsdatum kontrollieren und natürlich. Laute formen – definitiv hat dieses scheue Organ mehr zu bieten, als uns olfaktorisch und gustatorisch die Welt zu erschließen.

HEUTE IST BESSER

Stefan Sagmeister: Früher war Heute ist besser. Mit einem Vorwort von Steven Pinker,
einem Essay von Steven Heller und einem Interview von Hans Ulrich Obrist. Verlag Hermann
Schmidt. 264 Seiten mit 300 farbigen Abbildungen. ISBN 978-3-87439-925-8; 35 EUR

Stefan Sagmeister blieb uns von der wunderbaren Ausstellung ›Beauty‹ 2019 im Museum Angewandte Kunst Frankfurt in lebhaftester Erinnerung. Nun verlegt er beim verehrten hermann schmidt verlag die deutschsprachige Ausgabe seines neuen Buchobjekts, und es wurde geradezu ein Kampf der Künste. Herstellerisch, gestalterisch und inhaltlich so über die Maße exquisit, dass wir hoffen, der Verlag wird sich eine dritte Zusammenarbeit zutrauen: durchgehend fünffarbig gedruckt, umlaufend ein silberner Blattschnitt, Schuber mit Hochprägung, extra Beilage in vierstufigem Lentikulardruck und — ›Stickereien‹. Beinahe vergisst man über die herrliche Machart das Inhaltliche, das wäre ein Riesenfehler, denn Sagmeister findet, was wir alle in den kommenden dunklen Monaten brauchen werden: good News! Nur weil schlechte Nachrichten in Headlines mehr Aufmerksamkeit finden, ist es gar nicht so, dass die Welt immer schlechter geworden ist – und wird. Stefan Sagmeister hinterfragt, was wir tagtäglich reinfressen oder nachplappern und recherchiert dafür gründlich nach Fakten zum Zustand der Welt früher und heute. Zahlen, die uns allen Mut machen!

FIN-DE-SIÈCLE-APOKALYPTIK

Matthew Phipps Shiel: Die purpurne Wolke. Die Andere Bibliothek. 317 Seiten.
ISBN: 978-3-8477-0462-1; 48 EUR

Aus dem Programm der berühmten, von Hans-Magnus Enzensberger gegründeten Anderen Bibliothek ist uns die Wiederentdeckung der ›Purpurnen Wolke‹ von Matthew Phipps Shiel positiv aufgefallen. Wir zieren uns, weil andere Titel, der seit Neuem von Julia Frank und Rainer Wieland herausgegeben Reihe wie das intrikate Frühwerk ›Gstaad‹ von Arnon Grünberg nicht die glücklichsten Griffe waren. Von ›besonders‹ im Sinne von exquisit zu ›sonderbar‹ im Sinne von zweifelhaft ist es oft nur ein Schrittchen. Shiels groteske Fabel von der durch einen Vulkanausbruch und der dabei ausgestoßenen Purpurwolke aus blausäurehaltigem Gas ausgelöschten Menschheit wurde allerdings zur Vorlage aller ›Quiet-Earth-Fantastik‹ und gehört damit definitiv wieder in den Kanon: Adam Jefferson, der problematische Held dieses ersten postapokalyptischen Settings, entrinnt der Katastrophe, weil er als einziger Rückkehrer von einer Nordpol-Expedition verschont blieb. Wir begleiten den letzten Menschen durch eine verheerte Welt, über der kein Pesthauch liegt, sondern ein merkwürdiges Pfirsicharoma. Unheimlich gut!

TREIBHAUS DER ARCHITEKTUREN

Glass Houses: Phaidon Verlag. 240 Seiten mit über 300 Fotos. Englischsprachige Ausgabe. ISBN: 9781838667504; 39,95 Euro  

PHAIDON präsentiert mit ›Glass Houses‹ 50 atemberaubende, von Architekt*innen entworfene Häuser, in denen Glas die maximale Wirkung erzielt. Von Australien und Brasilien sowie Mittelamerika über Finnland, Schweden, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, die Schweiz und die Niederlande bis hin zu Großbritannien, USA und Vietnam reicht die beeindruckende Schau. Diese wahrhaftig internationale Auswahl umfasst Häuser der frühen Moderne aus den 1930er-Jahren wie Philip Johnsons ›Glass House‹ und Mies van der Rohes ›Farnsworth House‹, herrliche Beispiele glamouröser Mid-Century-Villen aus Los Angeles wie Pierre Koenigs ›Case Study #22‹ sowie herausragende zeitgenössische Planungen mit noch gewagteren Glasstrukturen. Jedes Haus wird mit herrlichen Fotos vorgestellt, die diese dynamischen, lichtdurchfluteten Lebensräume zeigen, wie sie nur Glas als luzider Baustoff bieten kann. Mit dabei ist neben den bereits erwähnten ein Who’s who an Architekt*innen wie Tatiana Bilbao, Lina Bo Bardi, Ofis Arhitekti, Herzog & de Meuron, Hiroshi Nakamura, Kazuyo Sejima, John Lautner und Richard Rogers. Jetzt müssen wir nur noch ein passendes Selbstbewusstsein dafür entwickeln, in diesen fabelhaften Architekturen auch wohnen und leben zu können.  

THE WORLD’S MOST ICONIC CARS

The Atlas of Car Design: The World’s Most Iconic Cars. Phaidon Verlag. 568 Seiten (750 Farb- und SW-Abb.). Englischsprachige Ausgabe. ISBN: 9781838667726 (Rallyrot), ISBN: 9781838665999 (Onyxschwarz); 125 Euro

The World’s Most Iconic Cars

2019 erkannte das Gericht von Bologna den Ferrari 250 GTO als Kunstwerk an und gewährte ihm damit Urheberrechtsschutz. Museen von Rang auf der ganzen Welt sind dieser Steilvorlage in den vergangenen Jahren gefolgt und begannen damit, Automobile als rollende Skulpturen auszustellen, um ihre formale Schönheit, ihr Handwerk, ihr Beispiel für die jeweilige Epoche und deren nachhaltige Wirkung zu feiern. Dies und vieles mehr wird im ›Atlas des Automobildesigns‹ stolz präsentiert und der angesehene PHAIDON Verlag unterstreicht damit, was wir längst wissen: Das Auto ist offiziell Kunst! Mittels einer illustrierten Chronologie können sich die Leser*innen auf die Suche nach ihren Favoriten machen. Das Buch enthält außerdem ein umfangreiches Glossar und kurze Herstellerbiografien. Die atemberaubenden Bilder werden von fesselnden Texten begleitet, die von technischen Triumphen (und Schrecken), wirtschaftlichen Wendungen, dem Lebensstil der High Society und den Wünschen der Massen erzählen. Moderne, klassische und auch gewöhnungsbedürftige Modelle in allen Formen und Größen werden gefeiert – vom ›Käfer‹ als meistverkauftem Auto aller Zeiten bis zum kantigen ›Disruptor‹, dem vollelektrischen Tesla Cybertruck. Der ›Atlas des Autodesigns‹ will nichts weniger als die bahnbrechende globale Übersicht mit über 650 der außergewöhnlichsten Autos sein, die jemals entworfen wurden. Verfasst wurde dieser opulente Titel von Jason Barlow, einem namhaften Journalisten für die Bereiche Auto, Design und Kultur, zusammen mit Guy Bird, einem auf Autos und Design spezialisierten Fachautor aus London. Über 100 weitere Expert*innen aus der Sammlerszene und dem Automotive Design berieten bei der mitunter so erstaunlichen wie exotischen Auswahl der vorgestellten Fahrzeuge und bei der Entstehung dieses hochkarätigen Bandes. Erhältlich in zwei Einband-Varianten: Rallyerot und Onyxschwarz und ein Muss für alle Auto- und Designbegeisterten. 


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