
Sie haben Namen, Gesichter und Formen und verkörpern die Werte, für die wir stehen. VivArt hat spannende Persönlichkeiten gebeten, ihre ganz persönlichen Ikonen zu teilen und unseren LeserInnen zu erzählen, was sie an ihnen festhalten lässt, wofür sie stehen und warum sie bis heute wirken.

»Ikonen entstehen nicht durch Nachahmung« – dieser Leitsatz prägt die Arbeit von Prof. Jörg Waldschütz. Als Professor für Kommunikationsdesign an der Hochschule RheinMain verbindet er Gestaltung, Forschung und digitale Innovation und fördert eigenständiges, konzeptionelles Denken. Dabei steht die Entwicklung klarer visueller Identitäten im Mittelpunkt seiner Lehre.
»Zunächst verlief mein Weg ausgesprochen solide. In Mainz studierte ich Kommunikationsdesign, Typografie und Schriftgestaltung – u. a. bei Hans Peter Willberg, einem der prägendsten Typografen jener Zeit. Es war eine fundierte, fast klassische Ausbildung, jedoch kannte meine Generation X eine mächtige Ablenkung. Sie kam aus Großbritannien und hieß MTV. Das britische Studio des US-amerikanischen Musiksenders war für mich mehr als Fernsehen. MTV war eine Ikone. Dort entstanden die Bildsprachen, die meine Zeit formten. Mit radikalen Video-Styles, Formaten wie ›Most Wanted‹ mit Ray Cokes, ›Unplugged‹, ›120 Minutes‹ oder den Video Music Awards: 24/7 und global wirksam. Ich wollte dorthin, wo diese Bilder gemacht wurden, also verließ ich noch während des Studiums meine Komfortzone und ging Ende der Neunzigerjahre nach London. Mein Ziel war Neville Brody, Typograf, Gestalter und ein kreatives Mastermind von MTV. Von ihm wollte ich lernen, wie man diese Stile entwirft, solche Energie gestaltet.
Doch Brody tat etwas Unerwartetes: Er schickte mich fort. Mit einer Kamera. Nach Camden Town. ›Never copy another designer‹, sagte er. Brich mit deinen Vorbildern, erschaffe deine eigenen Ikonen! Da begann ich zu begreifen. Inspiration ist kein Rezept, Stil kein Zitat. Gute Gestaltung entsteht aus Beobachtung, aus dem Mut, sich vom Bekannten zu lösen. Auch meinen Studierenden sage ich: Sucht euch Kontexte, keine Vorbilder! Geht zu Agenturen wie ›Dumbar‹ oder ›Designers Republic‹. Nicht um zu imitieren, sondern um eine eigene Position zu entwickeln. Dort entstehen die Impulse, weshalb wir als Designer morgens aufstehen. Vor zwei Jahren traf ich Neville Brody auf der ›seeConference‹ wieder. Er war so präsent, so wach, so kompromisslos wie eh und je. Bewundernswert! Manche Ikonen altern nicht. Sie verändern nur ihre Form.«

Wo Wiesbaden laut, politisch und kulturell vielfältig wird, ist Gerhard Schulz meist nicht weit. Mit dem Schlachthof Wiesbaden hat er einen Ort geprägt, der seit Jahrzehnten weit über die Stadt hinaus für unabhängige Kultur steht.
»Gefragt nach ›Ikonen‹, finde ich Menschen, die mir Halt gegeben haben, in denen ich Orientierung fand. Menschen, die mich be- und ent-geistert haben, mich bewegten und mitgerissen, gar umgehauen haben. Jene, die mich nachdenklich und aufmerksam, aber auch widerstandsfähig – also zum Widerstand fähig – gemacht haben. Durch die ich gelernt habe, was Ausdauer heißt, was Ehrlichkeit ist, wie Treue funktioniert, was ›Gemeinsam-durch-dick-und-dünn-gehen‹ bedeutet, warum Optimismus und Zuversicht auf kritischer Reflexion gründen. Dass Aufrichtigkeit nicht immer geschätzt wird und dass Authentizität so selten ist, weil die Täler viel tiefer sind, als vom Hügel aus zu sehen ist.
Gradlinigkeit lässt sich nicht planen. Sie stellt sich erst gegen Ende als solche heraus und wird als Gratwanderung gelebt. Manches davon lernte ich bei meinem Altgesellen Georg, der mir das Zimmerer-Handwerk lehrte: ein Hoch auf alle Zimmerleute! Fast alles Weitere habe ich bei Nelson Mandela und Muhammad Ali, bei Bruce Springsteen und Keith Richards gefunden. In einer Tiefe, die ich früher nicht beschreiben, aber der ich mich mein Leben lang nicht entziehen konnte. Sie gaben mir Haltung, Kraft, Zweifel, Rhythmus, Worte, Spaß, Stärke, Stimme und Berechtigung. Wahr ist: ›It is a long walk to freedom when you’re born to run. And if you don’t always know what you’re talking about but you know you’re right – it’s only rock’n roll!‹ –Bruce Springsteen.«

Der Wiesbadener Frank Brabant sammelt seit 1962 vornehmlich die klassische Moderne, Kunstwerke von 1900 bis 1945. Diese exquisite Gemäldesammlung hat er bereits zu Lebzeiten Pari Pari dem Museum Wiesbaden und dem Staatlichen Museum Schwerin vermacht. Über Ikonen wollte Brabant nicht sprechen, wohl aber über seine Idole. Und das antike griechische ›eidolon‹ meint ein verehrtes Vorbild, was doch sehr ähnlich ist.
»Meine Kunstwerke haben mich über manchen Schicksalsschlag hinweggetröstet. Immer wenn es mir schlecht erging, habe ich mich mit dem Kauf eines Bildes belohnt. Ich kaufte, was mir gefiel und der bescheidene Geldbeutel erlaubte. Heute würde man sagen: gegen den Trend. Dass eine solche Wertsteigerung einsetzen würde, war in den Sixties nicht abzusehen. Es war für mich nie ›Aktien an Wänden‹, und ich habe nie ein Bild verkauft. Sicher ist unter den rund 700 Werken auch die eine oder andere Ikone wie Warhol oder Dali, näher sind mir jedoch meine Idole: Deutsche Maler und Grafiker des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, George Grosz, Rudolf Schlichter, Georg Scholz und Karl Hubbuch, die nach der Schandausstellung sogenannter ›entarteter Kunst‹ 1937 mit Berufsverbot belegt wurden. Nur Grosz gelang die Flucht in die USA, die übrigen malten unter großem Risiko heimlich weiter. Ich fühle mich diesen Geächteten wesensverbunden und kümmere mich seit Jahren noch um die sogenannte ›Verschollene Generation‹: Künstler und Künstlerinnen von hohen Gaben, die sich zur Machtergreifung noch keinen Namen gemacht hatten und nach 1945 keinen Anschluss in die Akademien und Galerien fanden. Meine Sammlung bringt Licht in dieses Dunkel.«

Caspar Arnhold ist ein preisgekrönter deutscher Filmemacher und Fotograf aus Frankfurt am Main. Sein Kurzfilm ›Kinetosis‹ lief 2008 im Wettbewerb in Cannes, und er wurde mit Gold beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Seine atmosphärischen Arbeiten erkunden die verborgenen Wahrheiten menschlicher Existenz – in einer Balance zwischen Fiktion und Realität.
»August Sander ist für mich einer der bedeutendsten Ikonen der Fotografie des 20. Jahrhunderts. Geboren 1876 in Herdorf im Westerwald, entwickelte er einen zugewandten, sachlichen und präzisen Blick auf den Menschen, der seine Arbeit unverwechselbar macht. Sanders zentrales Lebenswerk ›Menschen des 20. Jahrhunderts‹ ist der ambitionierte Versuch, die deutsche Gesellschaft seiner Zeit in all ihren sozialen Schichten und Rollen systematisch zu erfassen – vom Bauern über den Handwerker bis hin zum Künstler und Intellektuellen.
Sanders Fotografie ist aus meiner Sicht zutiefst humanistisch. Die Menschen wirken weder idealisiert noch bloßgestellt, sondern als würdevoller Teil eines größeren gesellschaftlichen Gefüges. Seine Porträts zeichnen sich durch eine nüchterne Klarheit aus, dabei begegnet er seinen Motiven mit Respekt und Distanz zugleich. August Sanders Werk ist nicht nur ein fotografisches Archiv, sondern ein zeitloses Zeugnis menschlicher Vielfalt und sozialer Realität. Für mich persönlich schließt sich hier ein Kreis zu zwei weiteren Ikonen: Der japanische Modedesigner Yohji Yamamoto ließ sich von August Sander inspirieren – in seinen Kollektionen spiegeln sich Sanders Prinzipien von nachhaltiger Kleidung und Schlichtheit im Ausdruck der Persönlichkeit wider. Kleidung wiederum, die Wim Wenders trägt und schätzt, was in seinem Film ›Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten‹ deutlich wird.«

Juliane Eller führt das Weingut ›JUWEL Weine‹ in Alsheim in Rheinhessen. Bereits mit 23 Jahren übernahm sie den Familienbetrieb von ihren Eltern – eine Verantwortung, die weit über das Winzerhandwerk hinausgeht. Ihre Weine verbinden Tradition mit einer modernen, eigenständigen Handschrift und stehen für kompromisslose Qualität aus einer der renommiertesten Weinregionen Deutschlands.
»Gefragt nach meinen Ikonen, denke ich als Winzerin und Gründerin nicht an ferne Persönlichkeiten oder große Namen. Meine Ikonen stehen viel näher – es sind meine Eltern, Ingrid und Thomas Eller. Menschen, die mir Werte vorgelebt haben, lange bevor ich sie benennen konnte. Sie haben unser Weingut damals nicht einfach übernommen, sondern es mit ihrer ganzen Lebenszeit aufgebaut. Jahrgang für Jahrgang, mit harter Arbeit, großem Verzicht und der tiefen Überzeugung, dass hochwertige Qualität nur durch Konsequenz entstehen kann.
Der Familienbetrieb war für sie nie nur ein Beruf, sondern ihr Lebenswerk. Ihr Alltag richtete sich nach der Natur und jede ihrer Entscheidungen nach dem, was in der Zukunft für die nächsten Generationen Bestand haben sollte. Durch sie habe ich früh gelernt, was Verantwortung für unsere Umwelt, das Winzerhandwerk und für unsere Mitmenschen wirklich bedeutet. Mit gerade einmal 23 Jahren wurde mir schließlich von ihnen das Weingut in die Hände gelegt. Dies war weit mehr als eine formale Betriebsübernahme. Es war der größte Vertrauensbeweis und die Übergabe ihrer gesamten Existenz. Ich erfuhr eine Verantwortung, die man nicht lernen kann, sondern in die man hineinwächst.
Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, meine eigenen Ideen einzubringen. Vor allem wollte ich ihr Lebenswerk und ihre Traditionen bewahren und zugleich weiterentwickeln. Meine Eltern haben ohne Zögern losgelassen, obwohl sie diesem Betrieb ihr Leben gewidmet hatten. Sie gaben mir Raum, meine eigene Marke ›JUWEL Weine‹ zu gründen, meine eigene Vision zu verfolgen und neue, moderne Wege zu gehen – auch wenn diese für sie ungewohnt und manchmal unbequem waren. Ihre Hingabe, ihre Größe und ihr endloses Vertrauen machen meine Eltern zu meinen Ikonen.«
Welche Persönlichkeit gilt für Sie als Ikone – vor allem mit Bezug zu Limburg? Ihre interessanten Beiträge für die nächste Ausgabe der Vivart Limburg nehmen wir gerne unter info@vivart.de entgegen.
Weitere Artikel zum Thema Design & Kultur finden Sie in der der aktuellen Ausgabe VivArt. Verpassen Sie keine Ausgabe:
Große Kunst
Junge Fotografie und mehr
Vorlaut
Life doesn’t frighten me
Aus der Gesellschaft
Demokratie zum Hören
Handwerk im Wandel
Daniel Sieben: Hier leben
Restaurant Tipps
Gastgeberin mit rheinhessischem Herzschlag
Überzeugungstäter
Viora Wiesbaden: Feine Küche, Grosse Gastfreundlichkeit
Zeit für dich
Lebensfreude steht im Mittelpunkt
Refugium für Mensch und Tier
Die Kraft des Schlafes
Maximale Versorgung in Wiesbaden
Leckere Rezepte
Spinat Gnocchi mit brauner Butter
Spargel und Radieschen vom Grill mit Burrata und Zitronendressing
Erbsen, Burrata und schwarze Oliven
Erdbeertörtchen
Mode & Fashion
Zur Kultur des Geschmacks
LOKALES SHOPPING