Hessen Design feiert Darmstädter Innovation

Die Hessen Design Competition prämiert junge Gestaltungstalente. Drei herausragende Projekte aus Darmstadt zeigen Innovation zwischen KI, inklusivem Design und Familienforschung.

Foto: Ben Kuhlmann

Seit 2016 prämiert die ›Hessen Design Competition‹ herausragende Newcomer-Designs und unterstützt junge Designtalente bei der Umsetzung ihrer Projekte. Gleich drei der diesjährigen Prämierten haben ein Studium an der Hochschule Darmstadt absolviert – VivArt war mit ihnen im Gespräch.  

Laurin Emmerich – ›numa‹

Das Projekt ›numa‹ wurde bereits mit dem Merck-Preis für Design prämiert und soll Menschen im Autismus-Spektrum helfen, ihre Gefühle zu benennen. Das Hilfsmittel besteht aus modischen EEG-Kopfhörern und einem Übersetzer, der Emotionen durch ein Farbsystem, Ton oder Vibration anzeigt. 

Foto: Laurin Emmerich

Hallo Laurin, während der Entwicklung von ›numa‹ hast du mit der Autismus-Forscherin Michaela Hartl-Sommerauer aus Wien zusammengearbeitet. Wie hat diese Zusammenarbeit das Produkt geprägt? 

Die Zusammenarbeit mit Michaela Hartl war für die Entwicklung von ›numa‹ zentral. Durch ihre wissenschaftliche Perspektive entstand ein Zusammenspiel aus Forschung und Gestaltung, das das Projekt deutlich bereichert hat. Ich als Gestalter und sie mit ihrem Therapiesystem zur Verarbeitung und Bewältigung von Gefühlssituationen konnten viel kreatives Potenzial freisetzen. Unsere regelmäßigen Abstimmungen haben mein Verständnis der Thematik geschärft und dazu geführt, dass konzeptionelle Entscheidungen und Systemansätze laufend gespiegelt und validiert wurden. 

Hast du seit der Entwicklung von ›numa‹ Feedback von Menschen mit Autismus erhalten – und wenn ja, wie hat das dein Verständnis des Projekts erweitert? 

Seit der Veröffentlichung habe ich viele Rückmeldungen aus der Autismus-Community bekommen – von selbstständigen autistischen Erwachsenen bis hin zu Angehörigen von Kindern mit hohem Unterstützungsbedarf. Viele haben beschrieben, dass sie ein solches Hilfsmittel in Stresssituationen nutzen würden, weil ihnen der Zugang zu eigenen Emotionen oft zu spät gelingt. Bei den Angehörigen gab es allerdings die Sorge, dass selbst reduzierte Interfaces zu Akzeptanzproblemen führen könnten. Genau deshalb ist das System so aufgebaut, dass das haptische Device nur eine stark abstrahierte Informationsebene nutzt. Die ergänzende App richtet sich primär an Betreuungspersonen und ist funktional klar vom haptischen Gerät getrennt. Dieses Feedback hat bestätigt, dass die Zweiteilung aus ›sofort zugänglicher, abstrakter Information‹ und ›betreuungsorientierter Tiefe‹ sinnvoll ist.

Was ist die Zukunft von ›numa‹?  

Wie es mit ›numa‹ weitergeht, kann ich im Moment nur begrenzt sagen, aber es ist klar, dass das Projekt nicht abgeschlossen ist. Viele Rahmenbedingungen sind jedoch noch in Bewegung, weshalb ich dazu aktuell nichts Konkretes sagen kann. Die Frage nach Akzeptanz und Interesse ist aber längst beantwortet. Und wenn ein Projekt diesen Punkt erreicht hat, liegt der nächste Schritt auf der Hand.

Fotos: Lena Everding


Enes Pavlukovic – ›The Algorithm Times‹

›The Algorithm Times‹ ist eine innovative Zeitungsausgabe, deren Inhalte vollständig von künstlicher Intelligenz erstellt wurden. Zudem lassen sich die Inhalte mithilfe von Augmented Reality erleben. 

Hallo Enes, wie kam die Idee zustande, eine komplett KI-generierte Zeitung zu erstellen?

Mich interessierte der Wandel des Medienkonsums in unserer Gesellschaft aufgrund von Algorithmen und KI, deren Einsatz in der Medienproduktion in Zukunft dramatisch zunehmen wird. Ich sehe hier für uns als Medienschaffende eine besondere Verantwortung. Deswegen habe ich ›The Algorithm Times‹ als experimentelles Objekt konzipiert, um eine Interaktion zu schaffen, in der Leserinnen und Leser mit ihrer eigenen Medienkompetenz konfrontiert werden. Dies könnte dazu beitragen, nicht nur über den Konsum von KI-basierten Medien aufzuklären, sondern auch über einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien.

Gab es Momente, in denen die KI-Ergebnisse dich überrascht oder herausgefordert haben?

Mein wachsendes Verständnis dafür, wie die verwendeten Trainingsdaten zustande kommen, zeigte mir, wie eng die Datensammlungen mit Problemen in Bezug auf Repräsentation, Diskriminierung und falsche Narrative verknüpft sind. Überrascht hat mich jedoch, in welcher Weise aus neutral formulierten Prompts Kontexte teilweise falsch wiedergegeben und etwa antisemitische, rassistische oder transphobische Vorurteile reproduziert werden. Das zeigt, dass in den Trainingsdaten besorgniserregende gesellschaftliche und politische Vorurteile verankert sind.

Welche Rolle spielen die Augmented-Reality-Elemente für die Botschaft von ›The Algorithm Times‹?

Mithilfe der AR-Komponente wollte ich die Leserinnen und Leser zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Objekt und seinen Inhalten anregen. Vor allem ging es mir darum, eine Brücke zwischen analogen und digitalen Medien zu schlagen, um die komplexen Entwicklungen unserer Medienlandschaft aufzugreifen. Dabei zeigen die animierten Titelbilder zudem die Vielfalt an Bildern, die mit demselben Prompt generiert werden können. Die Vielzahl der Ergebnisse wurde in nur wenigen Minuten generiert. So wird sichtbar, wie schnell inhaltlich variierende Outputs erstellt werden können – und dass ›Wahrheit‹ in solchen Prozessen nicht automatisch gegeben ist. Die Kontrolle über Nuancen in der Berichterstattung wird daher immer schwieriger.

Foto: Samantha Alioto

Leonie Autenrieth – ›Woher kommst du wirklich?‹

Leonie Autenrieth hat für ›Woher kommst du wirklich?‹ den Sonderpreis zur Anerkennung für gesellschaftliche Relevanz erhalten. Das Projekt umfasst ein Buch und einen begleitenden Film, die sich unter dem Motto ›Emotion trifft Tradition‹ mit Familienformen und Adoption auseinandersetzen. 

Hallo Leonie, für dein Projekt hast du deine Adoptivfamilie interviewt. Wie war die Arbeit mit Menschen, die dir nahestehen? 

Natürlich war es eine kleine Herausforderung – vor allem, weil sehr viele Emotionen damit verbunden sind. Dennoch sind wir sowohl innerhalb als auch außerhalb unseres engen Familienkreises stets offen mit dem Thema Adoption umgegangen, da es einfach ein Teil unserer Lebensgeschichte ist. Umso mehr hat es mich gefreut, dass sie sich auch für dieses Projekt zur Verfügung gestellt und ihre Erfahrungen so offen geteilt haben. 

Fotos: Leonie Autenrieth

Gab es unter den weiteren Menschen, die du interviewen durftest, Geschichten, die dich besonders bewegt haben? 

Auf jeden Fall. Ich würde allerdings keine einzelne Geschichte hervorheben, da alle sehr emotional waren und einen intimen Einblick in das Familienleben gegeben haben. Besonders bewegend war es für mich, die Erfahrungen von Pflegekindern zu hören und zu erfahren, wie dort der Ablauf war – einfach, weil ich das in dieser Form noch nicht kannte. Dadurch ist mir noch bewusster geworden, wie wichtig es ist, dieses Thema sichtbar zu machen und den Betroffenen eine Stimme zu geben.

Gab es bei der Umsetzung Momente, die deine bisherigen Vorstellungen von Familie infrage gestellt oder erweitert haben?  

Ich hatte schon immer ein offenes Verständnis von Familie. Die Arbeit an diesem Projekt hat mir noch einmal gezeigt, dass Familie heute eher ein Gefühl ist als ein festes Konstrukt. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie wichtig Aufklärungsarbeit ist, weil trotz unserer vielfältigen Gesellschaft oft noch Akzeptanz für unterschiedliche Familienformen fehlt. Kritische Stimmen während der Umsetzung haben mich eher darin bestätigt, wie relevant dieses Projekt ist: Blutsverwandtschaft definiert nicht automatisch Familie – sie entsteht durch Bindung. Besonders berührend war die positive Resonanz der Betroffenen und Betrachtenden, die deutlich gemacht hat, wie wichtig dieses Thema ist und wie wenig präsent es vielen erscheint.


ig: Laurin – @laurin.emmerich

ig: Enes – @enespav 

ig: Leonie  – @leonie.autenrieth 

hessendesign.de

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