
Erinnerungskulturen bezeichnen unseren Umgang mit der Vergangenheit, sie sind die historischen und kulturellen variablen Ausprägungen des kollektiven Gedächtnisses. Für Kulturwissenschaftler Jan Assmann beschreibt das kollektive Gedächtnis ein identitätsstiftendes soziales Netzwerk, das Bindungen innerhalb einer Gruppe fördert und zu einer Wir-Identität beiträgt. Im Hinblick auf geschichtliche Ereignisse wie die des Zweiten Weltkriegs kann eine Erinnerungskultur dazu beitragen, dass eine Gesellschaft daraus lernt, um eine solch unmenschliche Zeit nicht noch einmal erleben zu müssen. Jüngste zeitgeschichtliche Ereignisse zeigen, wie wichtig es ist, einen reflektierten Umgang mit der Vergangenheit zu pflegen.
In Geisenheim wurde im Mai an der heutigen Chauvignystraße eine Gedenktafel angebracht, die an das Konzentrationsaußenlager und seine Opfer erinnern soll. Ein KZ in Geisenheim? Davon wissen hier die meisten nichts. Als ich selbst im vergangenen Winter davon erfuhr, war ich als Einheimische entsetzt darüber, dass dies in der ganzen Stadt bisher kein Thema war. Weder gab es ein Gedenkschild noch wird darüber im Geschichtsunterricht an den zahlreichen Schulen des Rheingaus gesprochen. Durch eine Internetrecherche konnte ich mehr herausfinden – das Wissen über diesen Teil der Heimatgeschichte ist also durchaus vorhanden. Warum man in den vergangenen Jahrzehnten davon abgesehen hat, es zu teilen, sei dahingestellt.
2019 gründete sich in der Stadtverordnetenversammlung Geisenheims die ›Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine‹. Wie in anderen Städten und Gemeinden wollte sie wichtige Aufklärungsarbeit über vergangenes Unrecht an Bürgerinnen und Bürgern leisten und damit der Geschichte und Zukunft der Stadt gerecht werden. Nun wurde neben einer Stolperschwelle an der Stelle des ehemaligen Außenlagers eine Gedenktafel errichtet, die über das Schicksal von etwa 200 jüdischen Polinnen und Ungarinnen informiert.

Quelle: Stadt- und Hochschularchiv der Hochschulstadt Geisenheim
In Geisenheim war eines der 50 Außenlager des KZ-Hauptlagers Natzweiler angesiedelt. Die Firma Krupp hatte sich nach Bombenangriffen der Alliierten 1944 dazu gezwungen gesehen, ihr Firmengebäude in Essen zu verlassen, und verlagerte einen Teil der kriegswichtigen Produktion an den Rhein. Von Dezember 1944 bis März 1945 mussten hier Zwangsarbeiterinnen unter unmenschlichsten Bedingungen Munition, Flugzeugteile sowie Verschlüsse für Flak und Geschütze herstellen.
Für die meisten der jüdischen Frauen und Mädchen aus Polen und Ungarn war dies nicht die erste Station. Viele waren in den KZs Bergen-Belsen und Auschwitz für die Zwangsarbeit in Geisenheim ausgewählt worden. Offiziell wurde das dortige Arbeitslager von der Staatssicherheit und der Polizei nicht als KZ, sondern als Einrichtung des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts bezeichnet. Bedenkt man jedoch die aus Quellen hervorgehenden menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen, denen die Häftlinge ausgesetzt waren, ist die Bezeichnung KZ-Außenlager durchaus treffender.
»Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist, und müssen uns aktiv für eine offene und demokratische Gesellschaft einsetzen«, erklärt Bürgermeister Christian Aßmann bei der Einweihung der Gedenktafel. Das Aufarbeiten der Vergangenheit, wie es in Geisenheim erfolgt, führt dazu, dass ein wichtiger Teil des kollektiven Gedächtnisses wiederhergestellt werden kann, aus dem die Bürger und Bürgerinnen lernen können.
»Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.«
– Helmut Kohl (1930–2017)

Stolperschwelle für das Außenlager des KZ Natzweiler
Chauvignystraße 15, 65366 Geisenheim
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