»Flirren und Halt zugleich«

Gemeinsam mit dem Kunstmuseum Bonn zeigt das Museum Wiesbaden die Retrospektive Günter Fruhtrunk. Am 26. April kommen die aufsehenerregenden Werke zu uns in die Landeshauptstadt, und wieder dürfen wir von VivArt gemeinsam mit Ihnen einen Künstler entdecken, der uns eigentlich bekannter ist, als wir ahnen!

Günter Fruhtrunk: Vektoren (1969/70), Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe Sammlung KiCo, VG Bild-Kunst, Bonn 2024

Foto: Reni Hansen

Am 1. Mai 1923 wurde Günter Fruhtrunk geboren. Was heute viele nicht mehr wissen: Seine Kunst prägte auf ungewöhnliche Weise für Jahrzehnte das Straßenbild der Bundesrepublik. 1970 entwarf er das Design für die Einkaufstüten des Discounters ALDI, das sich bis heute auf den Kühltaschen bewahrt hat. Wenngleich Fruhtrunk selbst darauf seine Münchner Klasse an der Akademie mit den Worten betreten haben soll: »Ich habe gesündigt«, so war doch diese ikonisch blaue, quergestreifte Gestaltung lange Zeit allgegenwärtig und auch lange über seinen Freitod im Jahr 1982 hinaus. Dass am Ende eines reichen Schaffens der Kunstwert im Nachruhm dominiert und nicht die ›Gebrauchsgrafik‹, von der sich die Urheber finanzierten, ist nicht unüblich. Ähnlich erging es Weggefährten wie Op-Art-Großmeister Victor Vasarely, der die ›Raute‹ von Renault in die Welt setzte, oder dem Künstlerkollegen Anton Stankowski, dem wir das minimalistischste Bankenlogo aller Zeiten verdanken: den ›Schrägstrich‹ der Deutschen Bank, der für kontinuierliches Wachstum steht.

Auch dass die Grenze zwischen Markendesign und ›freier‹ Kunst durchlässiger war als heute, zeichnet die Siebzigerjahre aus. Definitiv kommt man in dieser Designepoche um Günter Fruhtrunk nicht herum, wie Kustos Jörg Daur bekräftigt. »Fruhtrunk war um 1970 zeitgemäß und modern, er war documenta-Teilnehmer und Professor in München. Aber Fruhtrunk war viel mehr als das: Er revolutionierte die abstrakte Nachkriegsmalerei in einer Weise, die bis heute ihresgleichen sucht. Seine Gemälde als Farbklänge und Rhythmusstrukturen fordern die Betrachterinnen und Betrachter heraus, bieten dem Auge Flirren und Halt zugleich.«

Natürlich gehört Fruhtrunk auch der Aufbruchstimmung Ende der 1960er-Jahre und der Generation an, die sich radikal distanzieren wird, aber selbst die skandalfreudige Op-Art war ihm noch nicht tiefgreifend genug. Sein Arbeiten in Bildserien, seine Bezüge zur Musik, die sich in zahlreichen Titeln spiegeln, zeugen von einem Tiefgang in der Beschäftigung, deren Stringenz bis heute beeindruckt.

Ausgehend von Begegnungen mit Willi Baumeister, Julius Bissier und Fernand Léger, besonders aber in seiner Freundschaft zum Dadaisten Hans Arp erfuhr er Förderung und Inspiration. Fruhtrunk ging zwar nach Paris, um in einer Weltstadt zu arbeiten, doch zog es ihn bald in die Peripherie, wo er zurückgezogen lebte. Stets blieb er aber auch in Deutschland präsent, pflegte eine Freundschaft mit Jürgen Habermas. Auch der Lehre an der Münchner Akademie blieb er verbunden. Der hundertste Geburtstag im Vorjahr war DIE Einladung schlechthin, Fruhtrunks Werk neu zu entdecken. Die Ausstellung wird rund 60 Gemälde aus allen Schaffensphasen des Künstlers umfassen. Und vor allem das monumentale Spätwerk lassen wir im Museum Wiesbaden auf uns wirken.


Günter Fruhtrunk Retrospektive
26. April – 25. August 2024

Museum Wiesbaden

Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden, 0611 3352250

Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr–So 10–17 Uhr, Do 10–21 Uhr, Mo geschlossen

museum-wiesbaden.de/fruhtrunk


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