Ein Blick in Elektras Kopf

Aktuell ist die Oper ›Elektra‹ in einer Neuinszenierung von Karsten Wiegand auf der Bühne des Staatstheaters Darmstadt zu erleben. Im Interview mit Laura Georg erzählt der Regisseur und Intendant, warum der Opernklassiker ein Psychothriller und auch für Menschen geeignet ist, die bisher mit Opern fremdeln.

Herr Wiegand, Elektra gehört zu den meistgespielten Strauss-Opern. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Wir nehmen Stücke aus verschiedenen Gründen in den Spielplan. Zum einen legen wir Wert auf Vielfalt im Spielplan. Zum anderen sind wir ein wunderbar vielfältiges Theater mit 550 Mitarbeitenden, darunter die Musiker und Musikerinnen des Staatsorchesters, die wahnsinnig gern Musik von Richard Strauss spielen.

Warum diese Vorliebe?
Weil Strauss fantastisch für Orchester komponierte! Er bringt so viele Farben und Klänge hervor, weil er enorm viel davon wusste, was die Instrumente können. Das wiederum beflügelt Musikerinnen und Musiker aus unserem wunderbaren Orchester. Tatsächlich fragen sie immer wieder: »Wann bringen wir die nächste Strauss-Oper?«

Die Elektra braucht auch große Stimmen …
Richtig. Es sind tolle, aber ungeheuerlich schwer zu singende Partien, für die wir genau die richtige Besetzung am Staatstheater haben. Es sprachen also besondere Wünsche und viele gute Gründe für die Elektra. Darum machen wir das.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Werk von dieser Bekanntheit aufbereiten?
Wir haben uns erst einmal mit der Vorgeschichte der Opernhandlung beschäftigt, etwa mit der ›Orestie‹, mit der Geschichte von Iphigenie. Das erklärt den Hass der Mutter auf den Vater – Agamemnon hatte die gemeinsame Tochter für den Krieg gegen Troja geopfert!

Ist dieses Wissen nicht Schulstoff?
Ja, aber wir haben festgestellt, dass dieser Hintergrund der Geschichte nicht präsent ist. Anders als zu Anfang des letzten Jahrhunderts: Als Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss das Werk geschaffen haben, ging das wohlhabende Bildungsbürgertum in die Oper und das hatte die griechische Mythologie im Bücherschrank stehen. Die Oper Elektra erzählt die Geschichte sehr verdichtet. Anders als beim ›Ring des Nibelungen‹ von Richard Wagner, worin wie in einer modernen Serie immer wieder jemand erzählt, was bisher geschah, steht die Elektra für sich – und dauert auch nur 100 Minuten statt 16 Stunden.

Sie wollten nun die ganze Familiengeschichte greifbar machen?
Ja! Ich will zeigen, wie Elektra mit ihren lebenden und toten Verwandten umgeht, dabei in einer Art ewiger Gegenwart lebt, in der die Vergangenheit nicht vergeht und die Zukunft nicht beginnt. Das ist ein Zustand, aus dem viele schwer traumatisierte Menschen nicht mehr herausfinden.

Diese Starrheit manifestiert sich in Ihrem Bühnenbild …
Wir haben Figuren, die eine Mischung aus alten Statuen und neuen Schaufensterpuppen sind, auf die Bühne gestellt, die Mutter und Vater mit der Schwester als Baby verkörpern. Elektra mit ihrem Vater und Orest als kleiner Junge. Wir sehen den eingefrorenen Moment der Familienaufstellung. Selbst wenn Menschen im Zuschauerraum nicht exakt zuordnen können, wer welche Figur ist, versteht man doch, dass es hier um eine offenbar dysfunktionale Familie geht: also traumatisch, nicht harmonisch und gemütlich. Das spiegelt die innere Verfasstheit von Elektra.

Liebe, Schmerz, Hoffnung, Rache und die Extreme der menschlichen Psyche sind ihre zentralen Motive. Ist die Oper deshalb heute noch relevant?
Komplett. Eine Besonderheit der Elektra ist, dass Hugo von Hofmannsthal die damals neuen Erkenntnisse von Sigmund Freud einfließen ließ: wie Traumata als Erfahrungen in der Seele, dem Körper und im Geist von Menschen Spuren hinterlassen und wie diese Spuren weiterarbeiten, auch wenn sie uns nicht bewusst sind. Selbst wenn ich mich nicht erinnere, was mir als dreijähriges Kind widerfahren ist, arbeitet das in mir und beeinflusst meine Persönlichkeit. Solche Fragen um die menschliche Psyche sind zeitlos und heute so aktuell wie vor 2.500 Jahren, auch wenn sie sich stetig wandeln.

Was haben Sie dabei entdeckt, das die Inszenierung in Darmstadt prägen wird?
Zwei Sachen will ich erwähnen. Erstens handelt das Stück unge- heuer von Elektras Wirklichkeit. Ein, wie ich finde, unglaublich aktuelles Thema unserer Gesellschaft. Wir stellen fest, dass heute viele in ihrer eigenen Wirklichkeit mit einer eigenen Wahrheit leben und davon ausgehen, dass diese Wahrheit absolut ist. Die Oper vermittelt das Gefühl, als würde Elektra so sehr in ihrer Wirklichkeit und Gegenwart leben, dass sie beispielsweise in manchen Szenen nur schemenhaft wahrnimmt, ob jemand den Raum betritt. Man bekommt den Eindruck, ein Teil der Oper spiele sich in Elektras Kopf ab.

Ein Blick in Elektras Kopf! Was ist die zweite Sache?
Die Mägde sprechen in der ersten Szene darüber, dass Elektra in ihrem Leib einen Geier füttere. Ich wusste zwar, dass Geier Aasfresser sind. Was ich allerdings nicht wusste: Große Geier, zum Beispiel Bartgeier, essen Knochen, Skelette, die sie im Magen zersetzen können. Dank dieses evolutionären Vorteils hattenGeier auch bei einer Hungersnot genug zu essen. Diese Überlebenskunst machte sie auch zum Gegenstand von Mythen. In verschiedenen Kulturen und Zeiten hielt man Geier für böse Geis- ter und versuchte sie auszurotten. Das war den alten Griechen wahrscheinlich gegenwärtig. Das Bild, dass Elektra in ihrem Leib einen Geier füttert, steht für ihre Besessenheit von der Vergangenheit und dem toten Vater. Wir stellen dies als poetisches Bild auf der Bühne mit Artistinnen und Artisten als Geiern dar – etwas Filmisch-Fremdartiges, aber hoffentlich ein faszinierendes Bild!

Eignet sich die Inszenierung für Opernneulinge?
Richard Strauss komponierte auf radikale Weise eine Musik über eine innere Handlung – von der Sehnsucht, der Angst und der Erinnerung einer Figur. Er komponiert nicht, wie wir das aus vielen Opern kennen, eine Musik, die eine äußere Handlung verdichtet und hörbar macht. Wenn ich in Opern des 19. Jahrhunderts einen Marsch höre, dann weiß ich zum Beispiel, dass das Heer einmarschiert. Bei Tanzmusik sehe ich eine Gesellschaft, die tanzt. All das gibt es bei Elektra nicht. Das ist ein Psychothriller mit Psychomusik. Deshalb erinnert diese Oper eher an eine dieser unendlich vielen tollen Filmmusiken. Diese haben von Elektra und von den Komponisten Anfang des 20. Jahrhunderts gelernt, wie man die Innenwelt einer Figur in Musik verpackt und das Publi- kum mitreißt.

Diese Mischung von Musik und Bildern erinnert also eher an einen Film als an eine Oper?
Richtig. Da wir alle Psychothriller aus dem Kino oder Fernsehen kennen, verbinden wir eine Figur in einem leeren Raum mit Angst oder mit Freude, je nachdem, was wir als Filmmusik hören. Strauss konnte das so komponieren, dass es uns emotional packt. Es ist gut erforscht, dass das, was wir hören, uns emotional mehr packt als das, was wir sehen.

Die Musik der Oper eröffnet also den unmittelbaren Zugang zu Emotionen der Figuren …
Ja, insofern glaube ich, dass Elektra die Film- und Fernsehgeschichte geprägt hat. Man muss nicht viel über Oper wissen, um dieses Stück zu verstehen. Es reicht, wenn man sich einfach auf die Geschichte einlässt und sie als Komposition einer inneren Handlung hört. Es ist im Grunde wie ein Schauspiel erzählt. Es hilft, wenn man sich vorher das Libretto zu Elektra oder auch das Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal durchliest. Dann findet man direkt einen Zugang!

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Empfehlungen für diese Spielzeit von Karsten Wiegand:

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Wiederaufnahme: ›V/ertigo‹. Inszenierung des Hessischen Staatsballetts in Zusammenarbeit mit dem Opernchor
Nächste Vorstellungen: 23. und 24. März 2024

Schauspiel
Premiere ›Im weiße Rössl‹. Singspiel in drei Akten.
Nächste Vorstellung: 15 März 2024
Nächste Vorstellungen von ›Elektra‹ am 16. März 2024 und 12. April 2024

Staatstheater Darmstadt
Georg-Büchner-Platz 1, 64283 Darmstadt

staatstheater-darmstadt.de


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